Als Corona in China ausbrach, war ich in Australien, weil mein Sohn damals mit seiner Familie dort lebte. Ich habe eine chinesische Schwiegertochter und wir haben natürlich intensiv über die Krankheit geredet. Thema war auch, dass in der chinesischen Kultur die Esskultur eine andere ist als bei uns und die Menschen dort zum Beispiel anderes Fleisch essen als wir. Damals dachte man noch, dass das Virus auf die Menschen übertragen wurde, weil sie irgendwelche Wildtiere gegessen hätten. Aber es stellte sich ja bald heraus, dass das nicht stimmte. Zu der Zeit war noch nicht klar, dass sich die Krankheit zu einer Pandemie ausweiten würde und wir haben uns keine Sorgen gemacht. Merkwürdige Krankheiten gibt es hier und da ja immer mal. Aber dass das eine so besorgniserregende Erkrankung werden würde, habe ich nicht gedacht. Und dann kamen plötzlich die Nachrichten, dass in China die Stadt Wuhan geschlossen wurde. Ich glaube, dass China eines der Länder ist, das sich um das Wohlergehen seiner Bürger sorgt. Ich könnte mir vorstellen, dass in anderen Ländern vielleicht nicht so strikt, aber auch gleichzeitig nicht so sorgsam mit den Menschen einer Stadt umgegangen würde. Es ist zwar auf der einen Seite rigoros eine Stadt komplett zu schließen. Aber auf der anderen Seite beruht diese Reaktion auf der Sorge um die Menschen. Das passiert ja nicht, um sie zu strafen.

Zu der Zeit als hier der Lockdown begann, plante ich einige Reisen: eine kürzere Reise in einer Gruppe hier in Deutschland und zwei lange Reisen nach Kasachstan und nach Uganda. In diesen beiden Ländern sollte ich jeweils als Lehrerfortbildnerin tätig werden. Alle Reisen wurden gleich zu Anfang des Lockdowns abgesagt. Damit schwand eine Perspektive für mich. Denn die Ugandareise sollte im Juli stattfinden und die Kasachstanreise im September/Oktober. Das war mehr oder weniger meine Jahresperspektive. In solchen Fällen bin ich zuerst traurig und denke, „Ach du liebe Zeit, wie soll es jetzt weitergehen?“ und es bricht für mich eine Welt zusammen. Aber dann kann ich mich recht schnell auffangen und wieder auf einen positiven Weg kommen. Ich habe also überlegt, wie ich diese Zeit nutzen kann; durch die Veränderungen eröffnete sich ja auch ein Freiraum an Zeit. Diesen Freiraum habe ich genutzt, um mich unserer Familiengeschichte zu widmen. Meine Großtante mit jüdischen Wurzeln, die in Berlin lebte, hat in den Kriegsjahren in kleinen Taschenkalendern an wichtigen Tagen verschiedene Ereignisse aufgeschrieben, was in ihrem persönlichen Leben passierte und auch politische Ereignisse. Das habe ich transkribiert. Es war sehr viel Arbeit, weil meine Tante in einer winzigen Schrift und sehr unleserlich geschrieben hat. So saß ich da mit hellem Licht und Lupe und habe Tage lang gebraucht. Das Transkribieren habe ich jetzt beendet, aber das ganze Projekt noch nicht. Ich weiß noch nicht genau, was ich letztendlich daraus machen werde. Wahrscheinlich werde ich alles in einem Buch zusammenfassen, nicht für die Öffentlichkeit, sondern für unsere Familie. Es gibt schon viel Literatur über diese Zeit – auch viel gute Literatur – da muss ich nicht noch was hinzufügen…

Gesundheitlich habe ich mir zu Beginn der Pandemie Sorgen gemacht, als ich noch nicht genau wusste, wie sich die Krankheit auswirken kann. Von Anfang an habe ich mich in den Medien informiert und bin dann sicherer geworden. Ich beobachte die Entwicklung in Münster regelmäßig. Gerade am Anfang sind viele Menschen daran gestorben, jetzt stirbt kaum mehr jemand daran. Zum Beispiel waren in Münster relativ schnell 13 Personen gestorben. Diese Zahl ist seit Monaten nicht mehr gestiegen. Vielleicht hat sich das Virus schon verändert? Ich finde, man sollte immer noch vorsichtig sein. Man sieht ja auch, dass es durch das Reisen wieder mehr Infektionen gibt. Das ist eine öffentliche Angelegenheit, von der nicht nur Einzelne betroffen sind; wie zum Beispiel bei der Ernährung – wenn sich jemand von Junk Food ernährt, ist das schon eher eine persönliche Sache – aber es hat weitgehendere soziale Auswirkungen, wenn jemand im Bus oder im Zug ohne Maske sitzt. Das finde ich rücksichtslos und nicht akzeptabel. Manchmal spreche ich die Leute an, zum Beispiel im Restaurant, wenn das Servicepersonal zwar eine Maske auf hat, aber vielleicht nur vor dem Mund. Oder auch im Supermarkt. Ich fordere die Leute freundlich auf, doch bitte die Maske richtig aufzusetzen. Gerade gestern habe ich eine Kellnerin im Restaurant darauf angesprochen, sie hatte ein Visier, aber nur vor der Stirn. Sie wurde dann ein bisschen schnippisch, aber wirklich negative Reaktionen habe ich noch nicht erlebt.

Ich hatte gehofft, dass durch die Pandemie das Umweltverhalten der Menschen bewusster wird und die Leute dauerhaft weniger Auto fahren, weil sie zu Hause bleiben mussten, dass sie auch langfristig beim Fahrrad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln bleiben. Aber interessanter Weise ist in einem Bereich das genaue Gegenteil zu beobachten: Mein Sohn in Berlin erzählt – und das wird sicherlich für jede Großstadt gelten –, dass gerade in den Wohngebieten unglaublich viel Autoverkehr ist, weil die Leute jetzt Sorge haben, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen und stattdessen das eigene Auto nehmen. Sie lassen auch die Kinder nicht mehr mit dem Bus fahren, sondern bringen sie mit dem Auto zur Schule. Das heißt also, im Moment scheint es an dieser Stelle nach hinten los zu gehen. Das Eine ist, wie die Privatmenschen reagieren. Das andere ist, wie die Politik reagiert. Das ist ja nochmal eine ganz andere Geschichte. Hier habe ich das Gefühl, dass das Bewusstsein für gesellschaftliche Zusammenhänge gewachsen ist. Das hoffe ich auf jeden Fall! Ich glaube schon, dass die Pandemie mich persönlich verändert hat – weil ich sowieso in ständiger Veränderung begriffen bin. Es gibt letztendlich keinen Tag, der mich nicht verändert, keine Stunde, keine Minute! Auch dieses Interview verändert mich. Die Frage ist wahrscheinlich eher, ob es bei mir eine besondere Veränderung gibt, die auf diese Pandemie zurück zu führen ist. Aber das kann ich noch nicht richtig fassen… Vielleicht hat es mich sensibler gemacht, darüber nachzudenken, wie ich mein Leben gestalten möchte, wenn ich keine großen Reisen machen kann. Große Reisen waren bisher immer Teil meines Lebensinhalts. Wenn die wegfallen, bricht ein Teil meines Lebensinhalts weg, den ich sinnvoll wieder auffüllen möchte.

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