Ich hab mich in der Phase des Lockdowns sehr viel zu Hause aufgehalten. Ich kann von zu Hause aus arbeiten und bin total froh, dass ich so viel Glück gehabt habe, denn für mich hat Corona bisher mehr Vorteile als Nachteile und da bin ich wohl eine große Ausnahme, denke ich. Viele haben Kurzarbeit oder ihren Job verloren, haben keine Kinderbetreuung mehr gehabt… Ich studiere noch nebenbei, was jetzt auch von zu Hause aus geht und ich muss nicht mehr dafür nach Köln fahren. Ich bin Hilfeplaner für Menschen mit Behinderung und mein Job hat sich durch Corona sehr verändert. Normalerweise führen wir regelmäßig Gespräche mit den Antragsteller*Innen, das fällt jetzt komplett flach. Die Entscheidungen werden nun mithilfe von Telefongesprächen nach Aktenlage getroffen. Ich hab‘ mich früher schon manchmal gefragt, warum ich für die Arbeit raus fahren muss, um mich in irgendeinen Betonklotz zu setzen, wenn ich das doch auch von zu Hause aus im Homeoffice erledigen kann. Das war früher nicht möglich. Jetzt geht das plötzlich. Das hat natürlich den Vorteil, dass ich nicht mehr so viel hin- und herfahren muss. Der Nachteil ist, dass mir die Begegnungen mit den Menschen zum Teil fehlen, denn nur Schreibtischtäter zu sein, ist eigentlich nicht mein Ding. Ich glaube aber, für die Antragsteller*Innen ist das jetzt auf jeden Fall angenehmer. Die regelhaften Hilfeplangespräche vor Ort, in denen die Menschen auch nach ihren Einschränkungen gefragt werden, stellen für sie in der Regel eine besondere Belastung und Anspannung dar. Deshalb würden die meisten wohl ein Gespräch am Telefon vorziehen.

Ein Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich glücklich sein kann, war als ich feststellte, dass andere zum Teil sehr abhängig sind von vielen sozialen Kontakten. Und das bin ich gar nicht. Schon vorher nicht. Ich brauche meine Auszeiten, wo ich dann ein ganzes Wochenende mal gar keinen Kontakt habe. Aber ich habe bei anderen – bei Freund*Innen und Kolleg*Innen – gesehen, dass die richtig darunter leiden. Vor Corona habe ich mich oft gefragt, ob ich vielleicht zu eigenbrödlerisch bin. Jetzt habe ich gemerkt, dass das eigentlich eine wichtige Ressource ist, dass ich mit mir selber nicht allein bin, dass ich eine Zeit lang mit mir selbst gut klar kommen kann. Vorher wusste ich zwar, dass das ein Vorteil sein kann, war aber trotzdem skeptisch ob das wirklich so ist, weil das von anderen teilweise in Frage gestellt wird.
Eine Situation gab es, die fand ich ambivalent. Das war an einem Samstag. Normalerweise meide ich samstags die Innenstadt, weil es mir zu voll ist. Als dann der Lockdown war, dachte ich, jetzt nutze ich das und gehe mal in die City. Und es war so leer, und es war windig, und es kam mir vor wie in einem Horrorfilm, wo die Schaufenster total schön drapiert sind, und die Gardine geht ab und zu mal auf… wie in House of Wax… an diese Stimmung, die der Film suggeriert, fühlte ich mich erinnert und das fand ich schon ein bisschen beängstigend. Das war schon irgendwie eine harte Nummer. Auf der anderen Seite dieses befreite Gefühl ohne die Massen durch die Fußgängerzone gehen zu können. Ich hab mich gar nicht getraut mich zu freuen, weil ich wusste, dass so viele Menschen durch die Krankheit leiden. Das war wirklich ambivalent.

Ich habe Verschwörungstheoretiker*Innen in meinem Umfeld, mit denen ist der Umgang natürlich auch nicht einfach. Das ist ja nicht erst seit Corona, dass die so denken, sondern betrifft ja auch ganz viele andere Bereiche. Die missionieren dann teilweise und das ist dann schon anstrengend, weil man keine sachlichen Argumente austauschen kann, sondern alles was wissenschaftlich belegt ist, ist in deren Augen eh Humbug. Und das macht natürlich auch keinen besonders großen Spaß. Das ist schon sehr verbohrt und ich frag mich, wo das insgesamt bei diesen Menschen herkommt. Ich verstehe im Grunde, dass man auch anders hinterfragt. Dass man nicht alles, was die Nachrichten einem sagen, unreflektiert internalisiert. Aber das wäre doch eine unglaubliche logistische Leistung, dass es eine kleine Gruppe geben sollte, die koordiniert, dass auf der ganzen Welt die gleichen Bilder gezeigt werden mit denen dieses Virus angeblich inszeniert wird. Welche Gruppe ist das denn? Da geben Verschwörungstheoretiker*Innen aber auch keine Antwort drauf. Die suchen nur nach einfachen Antworten. Die Pandemie traf uns so überraschend… Nein! Das verstehe ich überhaupt nicht. Da wird jetzt seitens der Politiker*Innen so getan, als ob wir das nicht hätten wissen können, um das Volk zu beruhigen. Dabei ist das doch nur eine Frage der Zeit gewesen. Schon seit Jahrzehnten wird von unterschiedlichen Seiten davor gewarnt, dass nicht Kriege das Problem unserer Zeit sein werden, sondern Viren. Es gibt seit 2012 Pandemiepläne für unser Land. Und dann fehlt es an Atemschutzmasken – und Klopapier…

Ich weiß gar nicht, wie sich unsere Gesellschaft durch die Pandemie entwickeln wird. Auf der einen Seite erlebe ich jetzt schon Verbesserungen, dass zum Beispiel die Digitalisierung schneller voran getrieben werden soll, dass die Betriebe schauen, dass vieles von zu Hause aus möglich sein soll. Da erlebe ich schon eine positive Veränderung. Aber ich nehme auch wahr, dass das Wirtschaftssystem weiterhin bevorzugt wird, weil alles, was wir jetzt versäumt haben, nachgeholt werden soll. Und da sehe ich keine Alternativideen außer einem auf Wachstum basierenden Wirtschaftssystem. Es scheint keine Ambitionen zu geben, dieses System umzustellen. Sondern es wird gesagt, dass wir weiterhin Wirtschaftswachstum brauchen, weil wir sonst unsere Renten nicht finanzieren könnten. Es gibt nichts – es wird gar nicht gedacht an ein anderes System. Und da weiß ich nicht, was am Ende überwiegen und unsere Gesellschaft mehr prägen wird. Wenn irgendwann eine Impfung da sein sollte und alles so läuft wie vorher, dann hätte keiner aus der jetzigen Situation gelernt. Da bin ich vielleicht optimistischer, dass ich denke, wenn man merkt, dass jetzt alles gut läuft und die Menschen Vorteile haben, dass sie schon so schlau sind, da keine Kehrtwende zu machen. Corona lockt Extreme hervor, die aber eigentlich immer schon da waren. Wenn Dinge nicht funktionieren in der Gesellschaft oder im Wirtschaftssystem, werden die Schwächen von Menschen hervorgehoben – aber auch die Stärken. Ich finde es polarisiert. Wenn jemand eh schon Ängste hat, wird das in der jetzigen Situation noch verstärkt. Und auch unser Wirtschaftssystem: Ich habe mich immer schon gefragt, wo das alles hinführen soll. Das kann ja nicht ins Unermessliche wachsen, alles ist aber nur auf Wachstums ausgelegt. Und jetzt ist da so ein kleines Virus – wenn man sich vorstellt, was da sonst noch für Viren schlummern könnten – das legt uns schon alle lahm. Aber das ist nicht das Virus selbst, sondern es zeigt sich nur dadurch. Und bei den Menschen ist das individuell genauso. Als der Lockdown kam, waren die Menschen so ein bisschen im Schockzustand. Man kannte das ja nur aus irgendwelchen Filmen. Aber die Menschen waren am Anfang viel freundlicher. Es kam mir so vor, als ob die Menschen häufiger andere anlächeln würden. Ich habe mich aber auch bemüht, freundlicher zu sein. Und irgendwann kippte das und die Menschen waren so gereizt. Ich glaube, da waren alle genervt gelangweilt und ich glaube auch überfordert. Alle diese existenziellen Sorgen. Dann sollten sie auf einmal auch noch Lehrer*Innen spielen, neben dem Homeoffice. Die wurden ja überhaupt nicht abgeholt. Das stelle ich mir richtig schwer vor, wie es ist, als Elternteil auch noch das Kind beschulen zu müssen, ohne dafür ausgebildet zu sein und gleichzeitig Homeoffice zu machen – was überhaupt nicht geht. Das kann ich auch verstehen, dass man da irgendwann die Faxen dicke hat. Und da habe ich, Gott sein Dank, richtig Schwein gehabt.

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