Als die Coronazeit anfing, habe ich das erst gar nicht mitbekommen, weil ich sehr mit meiner Arbeit beschäftigt war. Dann kamen plötzlich Informationen aus unterschiedlichen Ecken und das sehr massiv. Und dann war ich mit Infos überfüllt. Es war etwas schockartig. Erst war es zu wenig, weil ich beschäftigt war und dann kam zuviel. Auch von meinen Mitmenschen. Ich musste nicht unbedingt Nachrichten hören, Zeitung lesen oder so etwas, weil es aus allen Ecken kam. Bemerkenswert war, wie unterschiedlich die Menschen sich auf unterschiedliche Informationen fokussiert und dabei sehr unterschiedlich reagiert haben. Und das ist für mich auch jetzt noch ein interessanter Punkt zu sehen, welchen Effekt das auf die Menschen hat, wie sie sich benehmen und reagieren. Dabei ist mir bewusst geworden, wie die Reaktionen der Menschen durch ihre Veranlagung geprägt sind – auch meine eigenen: Menschen, die sowieso ängstlich sind, reagieren auch sehr ängstlich. Leute, die lockerer sind, die reagieren lockerer auf diese besondere Zeit. Es gibt Leute, die halten sich sehr streng an die Maßnahmen und es gibt Leute, die sagen „Ist mir scheißegal! Ich geh meinen Weg!“ Ich kenne viele Beispiele dieser extremen Kontraste durch meine privaten Kontakte, auch aus unterschiedlichen Ländern. Es gab Momente, da wollte ich einen Überblick haben und habe Freunde gefragt, wie die Situation bei ihnen ist. Im Prinzip ist es ziemlich gleich. Aber wie die Menschen damit umgehen ist extrem individuell. Leute wollten einander helfen und informieren, senden sich Mails oder rufen an. Ein Freund schickt mir Informationen, wie viele Todesfälle, wie gefährlich das ist und so weiter. Eine andere Freundin schickt zur gleichen Zeit Informationen, wo ein kompetent wirkender Mensch erzählt, dass das alles Quatsch ist und alles übertrieben, weil es sowieso immer jedes Jahr diese Viren gibt. Dann ruft eine Freundin an und sie erzählt, was für ein Quatsch das ist und man solle ruhig bleiben, es würde nichts passieren. Am gleichen Tag ruft eine andere Freundin an und sagt „Ich bin gerade mit dem allerletzten Flug aus Südostasien angekommen. Das ist wie der 3. Weltkrieg. Du musst hier abhauen!“ Sie war richtig schockiert, weil die Flughäfen alle leer waren und es so schwer war zurück zu kommen. Es war für sie richtig schrecklich, was sie erlebt hat. Diesen starken Kontrast zu sehen fand ich interessant. Ich konnte das teilweise auch nachvollziehen, wie sie das empfunden hat, denn ich habe erlebt, wie die U-Bahnen plötzlich leer waren. Ich habe gesehen wie die Straßen leer wurden. Hier in Berlin fuhr nachts kein Auto. Für mich war das auch kontrastreich. Einerseits war das unheimlich und komisch und angsteinflößend. Andererseits liebe ich es, wenn es ruhig ist. Als Komponist und Musiker habe ich sensible Ohren und ich habe es immer geliebt, wenn es ruhig ist. Wenn ich hier nachts raus ging und die Straßen waren komplett leer, habe ich mich gefreut. Und gleichzeitig habe ich gedacht, wie verrückt das ist. Diese Kontraste habe ich die ganze Zeit erlebt. Einer meiner Freunde hat, noch bevor die Maßnahmen richtig eingeführt wurden, schon Abstand gehalten und gesagt hat „Wir haben Quarantäne hier!“ Dabei war noch keine Quarantäne. Es war erst im Gespräch. Aber er hat sich schon so benommen, weil er das so ernst genommen hat. Es gab andere Menschen, die haben gar nicht reagiert. Ich habe auch bemerken können, wie der kulturelle Hintergrund die Menschen beeinflusst. Es gab hier sehr verängstigte Leute mit Masken und es gab zum Beispiel ein paar Afrikaner, die ohne Masken rumliefen und die waren wie immer, lächelnd – als ob nichts passiert. Ich bin Russe und habe natürlich auch mitbekommen, wie die Russen reagieren. Wir haben ja eine starke Vorgeschichte, einen anderen Background, wir wissen, wie viele Lügen durch die Administrative verbreitet werden können und deswegen glauben die Russen nicht alles, was in den Medien berichtet wird. Teilweise gab es Russen, die haben gesagt: „Diese doofen Deutschen glauben alles, was man ihnen erzählt.“

Wir Menschen haben einen psychologischen Schutzmechanismus. Deswegen habe ich inzwischen schon viel aus der Anfangsphase vergessen. Bestimmte stressige Momente möchte mein Gehirn nicht mehr abrufen. Deswegen kann ich mich nicht mehr an alles so genau erinnern. Es ist nicht mehr so frisch – obwohl ich weiß, dass meine Empfindungen zu Beginn dieser Phase sehr stark waren. Ich glaube, dass das aber auch gut ist, denn sonst würden wir verrückt werden, wenn wir uns an alle Extremsituationen erinnern könnten. Erstmal habe ich etwas skeptisch reagiert, weil ich keinen Grund für so eine verrückte Panikwelle gesehen habe. Trotzdem habe ich teilweise ängstlich reagiert und mich dann gewundert, warum ich so reagiere. Meine Vorfahren haben die Blockade von Leningrad erlebt. 900 Tage – fast 3 Jahre – konnten die Menschen nicht raus aus der Stadt, hatten nichts zu Essen, sind an Hunger und Kälte gestorben. Solche schrecklichen Erlebnisse nimmt man mit. Obwohl nicht viel in der Familie darüber gesprochen wurde, werden solche Traumata über die Generationen weitergegeben. Und dann habe ich bemerkt, als ich in den Geschäften die Schlangen gesehen habe, dass es in mir irgendetwas gibt, was ich früher nicht kannte und was mich nicht in Ruhe lässt, bis ich Nahrung gekauft habe. Da habe ich mich schon über meine Reaktionen gewundert, während andere ganz anders reagiert haben. Meine Vorfahren haben etwas extrem schreckliches erlebt und ich glaube, dass ich diesen Teil geerbt habe. Gleichzeitig habe ich aber ganz locker reagiert, weil mein Lebensstil sich kaum verändert hat. Ich war sowieso mit meiner Kunst, mit meiner Musik, immer mit mir selbst beschäftigt. Ich komponiere. Ich spiele. Ich produziere. Ich denke. Ich kreiere. Das ist meine Welt und da hat niemand direkten Einfluss. Teilweise habe ich nicht nur einfach weiter gemacht wie vorher, sondern sogar viel intensiver gearbeitet. Weil ich in dieser Zeit auch festgestellt habe, dass ich sehr empathisch bin, viel mehr als mir vorher bewusst war. Mir war aber nicht bewusst, dass andere Menschen nicht so sind. Weil ich sehr viel Informationen aus unterschiedlichen Ecken von unterschiedlichen Menschen bekommen habe, habe ich natürlich auch mitbekommen, wie viele Menschen leiden. Ich habe das automatisch mitgefühlt und dadurch kam sehr viel Kreatives aus mir heraus – praktisch wie eine Antwort darauf. Dann habe ich auch Livestream-Konzerte gespielt und die waren meiner Meinung nach sehr gut und sehr ernst – emotional. Ich spiele meistens gut. Das höre ich auch von außen. Aber ich bin sehr selbstkritisch. Und in dem Augenblick, in dem ich die Aufnahmen gehört habe, war ich beeindruckt, wie intensiv und wie emotional ich gespielt habe, wie stark das war. Das war praktisch die Antwort meiner musikalische Seele für die Welt. Ich habe darauf sehr gutes Feedback von vielen Menschen aus verschiedenen Ländern bekommen, die sehr dankbar waren. Besonders Italiener. Denn die haben es richtig schwer gehabt. Die waren ja richtig eingesperrt. Gerade die Italiener, die ja immer so emotional sind. Dieses Feedback hat mich sehr gestärkt. Ich habe gemerkt, dass die Menschen das brauchen. Menschen brauchen Kunst! Kunst ist Nahrung. Und was Menschen da brauchen, das kann ich geben. Besonders, weil ich so viel empfinde, kann ich auch viel zurück geben. Das war eine sehr unmittelbare Erfahrung. Gleichzeitig habe ich auch Enttäuschungen erlebt, weil nicht jeder so empfunden hat wie ich. Im Music Business sind der Kreativbereich und der Businessbereich sehr unterschiedlich. Die Kreativen wie ich sind viel idealistischer und meine Freunde die Musik von anderen verkaufen und damit Geld machen die haben nicht unbedingt das Empfinden gehabt wie ich. Dadurch habe ich bemerkt, dass Menschen oft sehr auf ihre eigenen Sachen fokussiert sind. Das war mir vorher gar nicht bewusst, in welchem Ausmaß das zutrifft. Dieses Mitdenken ist nicht so verbreitet, wie ich gedacht habe. Wie unterschiedlich auch die Musiker reagiert haben: es gab Leute, die wollten auch weiterhin gemeinsam musizieren und lebendig sein. Und andere… ein Freund, auch Komponist und Produzent, der viel im Studio macht – der hat mir erzählt, dass er einen Monat nicht raus gegangen ist. Er ist nur nachts an die Tankstelle gegangen, um sich etwas zu essen zu kaufen. Einen Monat war er nur im Studio und war nur mit seiner Musik beschäftigt. Ein anderer, ebenfalls Komponist, der hat erzählt, weder er, noch seine Frau, noch sein Kind sind raus gegangen. Ich bin raus gegangen, wenn ich wollte. Weil ich Licht und Luft brauchte und ich weiß, dass mein Immunsystem das braucht. Mindestens drei Dinge gibt es, die das Immunsystem beeinflussen: Licht, Luft und positive Stimmung. Wenn ich depressiv werde und keine frische Luft und kein Licht bekomme, bin ich ja auch viel anfälliger für Krankheiten. Diese Faktoren, die ja eigentlich jeder kennt, wurden, glaube ich, in der Gesellschaft nicht so ernst genommen. Bewegung, Lächeln, Kommunikation kann uns helfen – auch wenn man keinen direkten Kontakt haben kann. Man kann aber telefonieren, man kann einander schreiben und mit Abstand auch miteinander sprechen.

Aus Indien kamen ziemlich harte Berichte. Eine Freundin wohnt dort seit vielen Jahren. Frankreich, Italien, Russland… Bemerkenswert, wie unterschiedlich Mentalitäten sind. Die russische Mentalität ist sehr extrem. Oft alles oder nichts. Erst wurde gesagt „Das ist alles Quatsch. Machen wir eine Woche Urlaub für alle.“ Die Idee war, dass alle zu Hause bleiben und Abstand halten. Die Russen haben gemacht was sie wollten und sich gar nicht an Maßnahmen gehalten. Als es dann ernster wurde und viele Menschen erkrankt sind, waren die Maßnahmen in manchen Städten, wie Moskau, teilweise extrem hart und in anderen total chaotisch und locker. Da wusste die eine Hand nicht, was die andere tut. In Russland kam die autoritäre Staatsmentalität sehr zum Vorschein. Hier in Deutschland zeigte sich die gut funktionierende Demokratie und offene Diskussionskultur. In Indien wurden die Menschen von der Polizei mit Stöcken geprügelt… Ich musste durch die veränderte Situation sehr darüber nachdenken, wie es weiter gehen kann. Zum Glück bin ich nicht nur Pianist, sondern arbeite in vielen unterschiedlichen Bereichen. So ist meine Existenz nicht wirklich bedroht gewesen, weil ich immer etwas zu tun habe. Oft ist es auch so, dass ich Projekte über längere Zeit vorbereite. Aber es war natürlich schwer, dass viele Veranstaltungen abgesagt wurde. Wenn du aber siehst, dass das vielen passiert, dann stärkt dich das auch, weil man das selbe Schicksal teilt. Wir sitzen im selben Boot. Wenn ich weiß, dass es einem Künstler in Japan, einem Künstler in den USA, einem Künstler in Russland oder auch meinen Freunden hier in Berlin ähnlich geht, dann bin ich ruhiger. Dann kommt diese Frage „Warum ich?!“ nicht so sehr auf. Ich finde es echt großartig und superstark, wie in Deutschland die Menschen unterstützt werden. Im Vergleich mit anderen Ländern weiß ich, dass hier direktere und schnellere Unterstützung organisiert wurde. Das ist fast einmalig. Vielleicht ist es in manchen Bundesländern einfacher als in anderen. Aber das ist tatsächlich fast beispielhaft. Auch wenn ich das nicht dualistisch betrachte. Ich sehe unterschiedliche Facetten. Ich sehe bei allen unterschiedliche Reaktionen, auch ich selbst reagiere immer wieder anders auf ähnliche Situationen. Deswegen kann ich auch sagen, einerseits kann es zu wenig sein. Aber im Vergleich zu anderen Ländern weiß ich, dass die Unterstützung super ist. Ich selbst habe durchaus meine Schwierigkeiten und sehe, dass es eigentlich nicht reicht. Aber im Vergleich bekommen wir hier so viel mehr.

Ich sehe nie schwarz-weiß. Ich empfinde es schon immer farbig. Ich glaube ein Effekt, der für Gesellschaften leider typisch ist: Wenn Massen von Menschen auf irgendetwas reagieren, reagieren sie oft schwarz-weiß, weil es zu kompliziert ist, zu denken oder zu definieren. Dann brauchst du nur eine Stimme. Wenn man alle Stimmen hören würde, jeder Spezialist gefragt würde, bräuchte man 24 Stunden und jeder würde etwas anderes sagen. Und dann würden alle verrückt werden. Dann ist es natürlich leichter zu sagen, so und so ist es. Das ist schade und nicht gut, aber nicht jeder Mensch kann hinterfragen. In Deutschland ist es aber schon so, dass die Menschen selber mitdenken und diskutieren und kritisch sind. Andere Länder und Kulturen sind da noch sehr im Rückstand. Die Russen zum Beispiel: Es gibt dort auch Menschen die selbständig denken können und können sehr kritisch sein. Aber die Russen haben ein viel ausgeprägteres Schwarz-Weiß-Denken. Da fängst du an zu diskutieren und beleuchtest die unterschiedlichen Facetten und als Antwort kommt dann: „Ach, das ist alles Scheiße!“
Als Corona stark wütete, herrschte fast überall die Meinung, dass sich alles ändern würde und dass es nie mehr so wird wie vorher. Ich hatte auch teilweise dieses Gefühl. Jetzt wo es lockerer wird, merke ich, dass doch vieles wieder so ähnlich ist wie vorher. Auch ich ticke wieder ähnlich. Deswegen habe ich eigentlich keine Meinung, ob sich viel ändern wird. Bestimmte Sachen sicher. Ich bin aber eher in einer beobachtenden Position. Ich bin kein Prophet. Oft erwartet man, etwas entwickelt sich auf eine bestimmte Art und Weise, und dann wird es doch ganz anders. Ich denke, die Gesellschaft wird im Großen und Ganzen gleich bleiben. Wie es immer in der Geschichte gewesen ist. Nuancen werden sich ändern. Es können ja aber noch ganz andere Folgen kommen, wirtschaftliche etwa, dann kann sich doch alles noch einmal in eine ganz andere Richtung entwickeln. Menschen haben ihre Gewohnheiten, ihren Lebensstil und ihre Sicherheit. Wenn dann etwas Unerwartetes kommt, reagieren die Leute ängstlich, weil sie nicht wissen, in welche Richtung es gehen wird. Und je stärker die Veränderungen sind, desto stärker sind die Reaktionen.. Mal sehen was kommt.

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