Als es sich andeutete, dass der Shutdown losgeht, bin ich erstmal zu unserem Wohnwagen an die Ostsee gefahren und hab ganz naiv gedacht, ich bereite alles für die Osterferien vor, weil wir die dort verbringen wollten. Ich wollte das auch nutzen, um nochmal ein Wochenende ganz für mich zu haben, in der Vorahnung, dass es sein könnte, dass wir demnächst ganz viel aufeinander hängen und keine Pause mehr in Sicht ist. Mit dem Urlaub ging es dann ja am folgenden Montag schon nicht mehr, weil die Campingplätze gesperrt wurden und ich hatte auch kurzfristig Sorge, ob ich mit der Bahn überhaupt wieder nach Hause kommen könnte. Wir hatten eigentlich damit gerechnet, dass wir dieses Jahr gar nicht mehr zu unserem Wohnwagen fahren können und das frühestens im nächsten Frühjahr wieder geht. Dass das jetzt doch schon wieder geht, finde ich krass und wir haben das auch direkt genutzt, als es wieder möglich war. Einfach um raus zu kommen und was anderes zu sehen. Dort sind wenige Menschen, die Kinder können am Strand herumrennen, und das war für uns alle sehr gut. Dank Homeoffice war das auch mit Arbeit möglich. Nur das Zurückkommen war – vor allem für die Kinder – hart. Normalerweise bin ich jemand, der permanent unterwegs sein muss. Das ist schon wie ein innerer Drang. Wenn ich nicht das nächste Zugticket schon gebucht habe, werde ich total nervös. Und dann ist mir alles weggefallen und ich dachte, ich dreh durch. Bin ich aber nicht. Das heißt, für mich ist es dazu gekommen, dass ich die Chance hatte, mich in ein wenig mehr Achtsamkeit zu üben und auch zu genießen am Aasee zu sitzen und einfach im Hier und Jetzt zu sein, ohne die nächste Reise zu planen. Einfach zu akzeptieren, dass ich grade nicht planen kann und dass es gut und ok so ist. Achtsamkeit kriege ich sonst nicht so gut hin, aber jetzt waren wir ja schon ein bisschen dazu gezwungen. Auch diese Momente im Wald oder mit meiner Freundin durch die Felder zu spazieren, das hat etwas von Achtsamkeit. Nicht dauernd an Vergangenes zu denken und in Erinnerungen zu schwelgen und nicht dauernd an morgen zu denken, sondern einfach mal drei Minuten den Sonnenuntergang, der sich da hinten in den hässlichen Aaseetürmen spiegelt, zu genießen und die Schönheit des Augenblicks zu erkennen. Das habe ich vorher so nicht wahrgenommen, dass ich das so kann. Da war ich wirklich über mich selbst überrascht. Und damit war selbst die Vorstellung bis ans Ende des Jahres hier in Münster festzusitzen für mich ok.

Ich hatte mir viel vorgenommen, viele Bücher fürs Homeschooling bestellt, wie man toll mit Kindern zu Hause und draußen lernen kann… Am Anfang habe ich Tagespläne gemacht und hatte die naive Vorstellung, ich könnte jetzt zum Beispiel mal Arabisch lernen, weil ich ja so total viel Zeit haben würde. Ich habe mir dann, glaube ich, ein zehnminütiges Arabischvideo auf Youtube angeschaut in den drei Monaten – das wars dann auch… Für die Kinder wars auch am Anfang noch cool, ohne Kita und Schule. Ab Woche drei, vor den Osterferien, war schon eher Krawall, weil von der Schule zu viele Aufgaben geschickt wurden, die Technik versagt hat, ich am PC gehockt und darauf gewartet habe, dass die Hausaufgaben online gestellt werden. Und da kam bei allen ein bisschen Verzweiflung auf. Und auch so eine Scheiß-egal-Attitüde, weil sowieso keiner die Aufgaben bewertet, geschweige denn kontrolliert hat. Mit der Zeit haben die Lehrer*innen sich dann umorganisiert und das etwas besser aufeinander abgestimmt. Es ist ja für alle eine neue Situation, deswegen hab ich da auch Verständnis für die Lehrer*innen. Aber natürlich ist es in Teilen immer noch unkoordiniert und nach wie vor ist das der anstrengendste Teil: Die Hausaufgaben zu Hause zu begleiten. Es hat sich alles verbessert, aber von einem Tag auf den anderen wurde erwartet, dass meine Kinder kleine Studenten sind, die sich selbst organisieren, sich ihre Arbeitswoche selbst einteilen, aber auch technisch alles können. PDFs am Computer bearbeiten – das kann ich nicht mal! Das fand ich echt total heftig. Wir haben versucht das mit viel raus gehen zu kompensieren. Als die Spielplätze geschlossen wurden, sind wir eigentlich nur noch in den Wald gefahren, damit wir uns zu Hause nicht zerfleischen. Das wirkte immer sehr idyllisch, wenn ich irgendwelche Fotos in den Sozialen Medien hatte. Es war aber nicht so, dass die Kinder in Begeisterungsstürme ausgebrochen sind, sondern eher, dass mindestens einer eigentlich gar keinen Bock drauf hatte. Immer wenn gar nichts mehr ging, sind wir raus gefahren, haben Sägen und Schnitzmesser eingepackt – nur die Axt haben wir sicherheitshalber zu Hause gelassen – und haben uns abreagiert. Das war tatsächlich unsere einzige Rettung. Danach war es immer wieder gut. Ich finde auch, dass es absolut legitim ist, wenn Eltern ihre Kinder vor den Fernseher setzen. Man muss ja auch selber gucken, dass man nicht völlig kaputt geht, bei dieser ganzen Geschichte.

Die erste Woche war ich noch voller Enthusiasmus: Wir haben nichts mehr, was wir noch tun müssen – alles fällt aus, wir müssen nicht von der Schule zur Kita und zur Arbeit hetzen, keine Termine mehr… So ein bisschen war da schon der Gedanke der Entschleunigung, der ganz passend kam. Wir hatten anfangs noch recht gut geplant, wer wann arbeiten geht und wie wir uns abwechseln. Das hat im Laufe der Zeit sehr nachgelassen. Es hat auch sehr nachgelassen den Tag durchzuplanen. Die Osterferien waren sehr entspannt, weil keiner von uns arbeiten oder Schulaufgaben erledigen musste. Aber nach dieser Erholungsphase ging es dann ja weiter, und ab da kam der Zeitpunkt wo klar war, dass auch kein Ende in Sicht ist. Wir hatten anfangs immer das Gefühl, wir kriegen das ganz gut hin, und sind gut vorbereitet. Wir haben die Möglichkeit sehr flexibel zu arbeiten und mein Mann kann auch sonst sehr viel im Homeoffice machen, kann seine Arbeit in die Abendstunden verlegen und es stört auch nicht, wenn währenddessen die Kinder im Wohnzimmer rumspringen. Das geht bei meiner Arbeit nicht, also habe ich meine Zeiten so gelegt, dass ich auch relativ schnell wieder im Büro gearbeitet habe und er seine Arbeitszeit drumherum gebastelt hat. Wir haben ja auch nicht wie andere die Unterstützung durch Großeltern, die vielleicht zwei Mal in der Woche die Kinder nehmen – das ist uns nicht weg gebrochen. Deswegen waren wir nicht plötzlich in einer so ganz anderen Situation. Halt nur wesentlich länger und dauerhafter. Und dadurch dass immer einer von uns arbeiten musste, gab es keine Pausen mehr, und das fand ich mit der Zeit echt zunehmend belastender und die Perspektive, dass es ewig so weiter geht… Ich fand es krass, wie sich mein Blickwinkel auf die ganze Situation permanent verändert hat. Am Anfang dachte ich, was denn das Ganze Gedöhnse um diesen Coronascheiß soll und je mehr ich dann gelesen habe und je mehr sich die Meinungen gespalten haben, um so komplizierter fand ich auch die Nachrichtenlage. Ich habe anfangs noch viel Nachrichten geguckt, um mir auch eine Meinung bilden zu können. Irgendwann habe ich dann ganz aufgehört, überhaupt noch Nachrichten zu gucken, weil es mir persönlich überhaupt nicht weiter geholfen hat. Ich hab dann nur noch geschaut, wie die Entwicklung in Münster ist und ob ich es verantworten kann, zur Arbeit zu gehen und mich mit Klient*innen zu treffen. Wir hatten aber an der Arbeit sowieso nicht so richtig viele Optionen, weil wir im Kolleg*innenkreis zwei Coronafälle hatten und wir deshalb das Büro ganz dicht hatten.

Ich fühle mich durch das Virus selbst nicht bedroht. Ich sehe schon die Gefahr für meine Eltern und auch andere in meinem Umfeld, aber für mich selber habe ich keine Angst davor. Ganz im Gegensatz zu meinem Mann, der sich große Sorgen macht. Was natürlich auch eine Herausforderung ist: Ich fand es total entlastend, dass die Kitas jetzt wieder geöffnet haben. Auch für die Kinder. Aber er fand, dass es doch zu Hause total gut ist und es so viele Kinder gäbe, die überhaupt nie in die Kita gehen. Und das ist auch alles in Ordnung. Aber grad für unseren Sohn, der jetzt in die Schule kommt, ist ein Abschluss in der Kita meiner Meinung nach wichtig. Da muss man auch die Kinder selber fragen und nicht als Eltern pauschal entscheiden. Unser Vorschulkind will auch gerne noch in die Kita gehen. Da ist es natürlich schwer, wenn ein Elternteil das total super findet und der andere sich Sorgen macht. Und da einen Konsens, einen Kompromiss zu finden, mit dem beide gut leben können, das war eine ganz schöne Herausforderung. Insgesamt auch, dass man die ganze Zeit aufeinander hockt. Meine einzige Rettung war dann abends raus zu gehen und spazieren zu gehen. Das habe ich für mich entdeckt. Ich bin sonst nie spazieren gegangen, außer vielleicht mal im Urlaub am Strand. Ich bin dann meist mit meiner Freundin gegangen, um mit ihr über diese Tage zu reden und den Blick nochmal zu verändern. Dann nochmal zu hören, dass es bei den anderen auch scheiße läuft, Homeschooling eine Katastrophe ist und sie ihre Kinder auch angemotzt hat, obwohl sie das eigentlich nicht wollte… Sich zuzugestehen, dass das auch völlig in Ordnung ist und kein Mensch in so einer Situation immer total perfekt sein kann ist wichtig… denn davon bin auch ich total weit entfernt, weil das einfach nicht zu schaffen ist!

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