Rudi, Maschinenbau Meister

Dieses Jahr war wirklich eine tote Saison. Ich habe so gut wie gar nichts gefahren. Das war später, als die Cafés wieder aufgemacht haben, dass ich dann auch abends mal mit dem Motorrad gefahren bin und da wieder ein paar Leute getroffen hab. Aber sonst ist definitiv alles ausgefallen. In Holland die Events, in England sowieso – Leute, die ich verdammt selten sehe, die ich dann gar nicht sehen konnte. Richtig tolle Leute. Das war auf eine Art und Weise schon bitter. Grundsätzlich geht es ja darum, das beste aus seiner Situation zu machen. Das ist die Pflicht. Die Kür ist dann, eine Situation zu erschaffen, die einen glücklich macht. Und das habe ich dann eben so angenommen. Meine Motorräder konnte ich sauber machen und pflegen. Dann hatte ich hier auf dem Grundstück genug zu tun. Natürlich Zaungespräche mit den Nachbarn. Das macht man ja. Find ich immer geil, gehört hier eben dazu. Ich hab das Jahr ziemlich früh komplett abgeschrieben. Ziemlich früh, dass ich gesagt habe: „Nee, das wars! Das ist jetzt ein Jahr, das nicht existiert hat.“ So wie das Jahr ohne Sommer.
Nur jobmäßig lief es super. Was wir an Kurzarbeit gemacht haben, das war ein kompletter Witz. Da hab ich von vornherein gesagt, dass es sowieso so laufen wird, dass wir auf Dauer alle Aufträge wieder reinkriegen. Die konnten ja nicht storniert werden. Wir hatten vielleicht vier Wochen Kurzarbeit. Zwei Wochen eine Drei-Tage-Woche und dann zwei Wochen eine Vier-Tage-Woche. Und jetzt hat es uns mit voller Wucht wieder erwischt, was wir zu tun haben.

Diszipliniert. Das ist das Wort, mit denen ich meine Mitmenschen beschreiben kann. Was natürlich nachher aufgefallen ist, dass einige Leute immer beunruhigter wurden. Einige waren immer noch diszipliniert, fanden es immer noch seltsam, aber haben dann business as usual veranstaltet. Andere, denen man es wirklich anmerkt, obwohl sie es nicht wahrhaben wollen. Da sag ich immer, die kratzen die Tapeten von den Wänden. Denen fehlen natürlich andere Leute so richtig.  Auf jeden Fall leiden einige Menschen in meinem Umfeld unter der Situation. Aus verschiedenen Gründen. Weil sie die Gespräche brauchen, oder andere Menschen, um nicht komplett zu vereinsamen. Und das Gefühl hatte ich für mich persönlich kein Stück, dass ich vereinsamen würde. Modernen Medien sei Dank, war es kein Thema Gespräche mit anderen zu führen. Irgendeiner war da immer. Das passte schon.

Nachträglich guck ich mir das an und denk mir, ok, die haben haufenweise Intensivbetten aufgebaut, weil sie nicht wussten, wie das Ding funtkioniert. Wie auch?! Deswegen ist es hinterhältig, den Leuten zu sagen, sie hätten da Mist gebaut. Wer weiß das? Abgerechnet wird zum Schluss. Das ist ein ganz einfaches Ding. Vielleicht ist es so, dass sämtliche Maßnahmen völlig überzogen waren. Aber da kann ich mich doch jetzt nicht drüber aufregen. Wer weiß denn, ob es anders besser gelaufen wäre? Dann hätten wir so richtig doof aus der Wäsche geguckt. Und dann wären hier auch Leute ausgefallen, die jetzt regulär arbeiten konnten. Und dann wär es noch viel interessanter geworden. Ich hab mir ja diese Wichtel auch so angeguckt, die da in Berlin unterwegs waren. Da konnte ich nicht eine einzige Stimme nachvollziehen. Da gab es einen älteren Herren, der seine Frau im Altenheim nicht besuchen konnte. Der stand den Tränen nah zwischen den ganzen Krakeelern. Und die Leute um ihn herum meinten: „Ja, kannste mal sehen, was die Regierung für dich macht. Nichts machen die für dich!“ Damit ist dem doch noch weniger geholfen. Menschen da so komplett zu verunsichern! Geht nicht! Es gibt haufenweise Menschen, die wirklich anfällig sind für solche Sachen. Eine ältere Dame hat da das Schild hochgehalten „Lieber tot, als ständig in Angst zu leben!“ Also, dass find ich schon ziemlich… weil Angst, die fügst du dir selber zu, glaube ich. Ich höre ja die gleichen Dinge in den Medien. Steige ich aber nicht drauf ein. Weil ich mir denke, das kann nicht sein, das nicht, das nicht, das auch nicht. Das fand ich schon ziemlich deprimierend.

Ich selbst habe mich in der Krise nicht verändert. In den letzten fünf Jahren gab es für mich ganz andere Situationen, in denen ich gesagt habe, das wird jetzt für mich persönlich anders. Aber aus der Bahn werfen lasse ich mich nicht. Da gehört schon mehr dazu. Was das Ganze für die Gesellschaft bedeutet?! Anfänglich hatte ich wirklich die Hoffnung, dass die ganzen systemrelevanten Jobs besser gewürdigt werden, z.B. Pflegekräfte besser bezahlt. Mittlerweile habe ich das Gefühl, das verläuft alles irgendwie. Als ob es nie irgendjemanden wirklich interessiert hat. Was ich peinlich fand, war als sie alle am applaudieren waren. Da dachte ich: „Das könnt ihr nicht wirklich bringen, Leute! Applaus?! Das zahlt doch nicht die Miete!“ Unglaublich. Oder die Künstler. Musiker. Theater. Das sind alles Leute, denen wird gerade vollständig die Grundlage geraubt. Die haben sich auch damit abgefunden, 2020 ist sowieso zum Herrn. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass es bei einigen massiv ans Eingemachte geht. Ich glaube auch nicht, dass die Politik genug für die Kulturszene tut. Der Trend geht ja wirklich dahin, dass Konzerne, die sowieso schon ziemlich am Ende waren, dass die das jetzt ziemlich genutzt haben. Ich erinnere mich an einen Spruch im Postillion, wo dann stand, der Berliner Flughafen wird nicht fertig wegen Corona. Fand ich großartig.
Wir kommen nicht mehr drum herum, den Leuten bei der Fridays for Future Bewegung Recht zu geben. Und wir kommen auch nicht mehr drum herum, den Neoliberalismus komplett zu hinterfragen. Vollständig. Und wenn ich mir die USA und England angucke, wo der Neoliberalismus so richtig am toben ist, da habe ich die Hoffnung, dass die das auch wirklich effektiv hinterfragen. Die sollen zusehen, dass die das geregelt kriegen.


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