Ich schaue wenig Nachrichten, so habe ich von der Pandemie erst etwas mitbekommen, als dann auch überall darüber geredet wurde. Es war aber irgendwie trotzdem noch weit weg für mich. Mein großer Sohn hatte zu der Zeit nochmal die Schule getestet und ich hatte ihm gesagt, er solle sich zwei-drei Tage Zeit nehmen, bevor er die definitive Entscheidung trifft, ob er weitermachen will oder nicht. Am Montag hatte er sich entschieden wieder zurück ins Homeschooling zu gehen. Und so haben wir Dienstag angefangen alles dafür zu planen und er sagte zu mir, wie toll er es fände mich morgens nun wieder für sich allein zu haben. Und Mittwoch Abend kommt mein Mann vom Sport und sagt: „Ab morgen sind die Grenzen zu! Wegen Corona!“ Am nächsten Tag sind wir noch einmal rüber nach Flensburg und haben eingekauft. Hier in Dänemark konnte die Große da noch in die Schule – die beiden Kleinen wurden aber schon nach Hause geschickt. Da standen seit morgens die Lehrer*innen und haben alles mögliche kopiert, damit wir Material haben, und dann waren die Schulen zu und wir waren alle zu Hause. Aber abgesehen davon und dass wir das Kontaktverbot hatten, haben wir gar nicht so einen großen Unterschied gehabt. Wir hatten ja auf Als keinen Hausarrest. Aber dann war im Prinzip trotzdem erstmal nur Familie und Garten angesagt. Damit ging es uns auch am Anfang recht gut. Irgendwann hat es der Nachbarschaft gereicht, und dann gab es sonntägliche Nachmittagstreffen, wo rechts und links der Straße die Leute mit Abstand saßen und dann rüber gerufen haben. Das war sehr lustig. Aber wir hatten hier kein Theater mit Mundschutz oder sonst irgendwas. Es gab dann nur diese Abstandsregelung. An die wurde sich auch völlig klaglos gehalten. Bei uns vorm Haus geht eine Straße lang und häufig sind zwei-drei Reiter zusammen unterwegs und die stehen hier gern an der Kreuzung und quatschen. Und die standen jetzt wirklich mit zwei Meter Abstand und haben einander zu gerufen. Das war schon schräg. Und dieses Abstand halten, und dass man sich nicht umarmt zur Begrüßung, das ist immer noch. Aber ich habe diese Panikmache nicht erlebt, von der mir zum Beispiel meine Freundin erzählt hat, die in Berlin wohnt. Aber bei uns hinterm Haus ist der Garten und danach fangen die Felder an und dann die Wälder – da ist nichts. Hier war mit eine der ersten Ecken, die keine neuen Infektionszahlen hatte. Wir sind hier echt in so einer geschützten Blase. Wir konnten ganz normal einkaufen gehen. Klar, wir sind nicht mit vier Kindern einkaufen gegangen. Einer ist einkaufen gegangen. Und dann ist man vielleicht nicht mehr jeden zweiten Tag gegangen, sondern nur noch einmal in der Woche. Solche Sachen haben wir schon gemacht. Aber ansonsten waren wir hier wirklich entspannt. Ich war wieder mal total überrascht, wie pragmatisch Dänen sind. Das haben wir schon beim Umzug nach Dänemark festgestellt. Wenn man die Aufenthaltsgenehmigung beantragt, dann braucht man eine dänische Adresse. Die konnten wir nicht bekommen, denn solange wir keine Aufenthaltsgenehmigung hatten, konnten wir nichts mieten oder kaufen. Und da beißt sich so die Katze in in den Schwanz und da hieß es einfach nur: „Ach, das kennen wir, das Problem. Nehmen Sie einfach die Adresse vom Makler!“ Thema erledigt. Und genauso pragmatisch haben sie das mit dem Lockdown gehandhabt. Mittwoch Abend haben sie übers Radio durchgegeben: „Ab morgen ist alles zu!“ Ein paar Leute haben das ein bißchen gezogen, so dass dann erst ab Montag bei denen zu war. Und als dann der erste Schreck vorbei war und die Zahlen anfingen wieder runter zu gehen, da haben sie wieder auf gemacht. Ich habe hier in den Medien auch weniger diese Rechtfertigungen mitbekommen, die ich immer wieder aus Deutschland gehört habe. Teilweise wurden da die Sachen ja auch so gerechnet, dass es dann zu dem passte, was sie gerade verkünden wollten. Es kann natürlich sein, dass es in Dänemark genauso war. Das weiß ich nicht. Aber ich hab es nicht so erlebt. Im Großen und Ganzen habe ich das alles sehr entspannt erlebt: Oh, die Zahlen gehen wieder runter – dann machen wir halt wieder auf.

Als ich den Lehrern hier mitgeteilt habe, dass ich die Aufgaben nicht schaffe, weil ich sie erst vom Dänischen ins Deutsche übersetzen muss, es dann mit den Kindern lösen, dann zurück ins Dänische übersetzen muss – und die Kinder waren einfach noch nicht so weit, dass sie es allein geschafft hätten – da hab ich so viel Verständnis bekommen. Es ist aber auch eine ganz offene, freie Schule, wo die beiden Kleinen hingehen. Eine der ersten Fragen, die ich gestellt habe: „Wenn ich jetzt mit den Kindern vier Monate auf Reisen gehe, bekommen wir dann eine Beurlaubung?“ Und die Antwort war: „Ja, Reisen ist ja auch Bildung.“ Und das ist jetzt nicht die Standardantwort, die man an einer deutschen Schule bekommt. Meine Telefonnummer ist wirklich weit rumgereicht worden und ich habe viel am Telefon gehangen und habe mit dem BVML versucht, die Eltern aufzufangen, die feststellten, dass es ihren Kindern anders, oder sogar besser geht ohne Schule, und wie es dann für die weiter gehen könnte. Eine der Hauptkatastrophen, abgesehen von der Isolation, war ja für die, die darauf angewiesen sind, der Wegfall der Betreuung. Und ich hab das deutsche Schulsystem und die deutschen Behörden immer so erlebt „Eltern können das per Definition nicht und Eltern sind keine Pädagogen und Eltern können Kindern nichts beibringen“, und auf einmal drehte sich das Ganze zu „Ihr schafft das schon!“. Teilweise auch ohne Hilfestellung. Für viele Eltern war es ja so, dass sie ins Homeoffice gekommen sind und gleichzeitig die Kinder beschulen sollten. Die hatten also nicht nur eine neue Situation an sich, sondern eine neue Doppelsituation mit ganz viel Druck von allen Seiten. Da habe ich Eltern auch ermutigt zu sagen „Nee, wir beschulen jetzt nicht!“. Und das ist auch ok. Davon geht die Welt nicht unter, wenn man mal ein paar Wochen in einer Ausnahmesituation nicht zweimal täglich Diktat übt oder seine Matheaufgaben macht. Die Eltern, die ich mitbekommen habe, haben sich sehr unter Druck gesetzt gefühlt und auch sehr allein gelassen. Aber natürlich liegt das auch in der Natur der Sache, dass das dann auch die Eltern sind, die sich bei mir melden. Das war mit Sicherheit nicht repräsentativ.

Irgendwann haben wir natürlich alle unter der Isolation gelitten. Wir hatten eigentlich Besuch von Freunden mit deren Kindern erwartet, so dass die Kinder spielen könnten und auch mit ihrem Dänisch weiter kommen. Wir hatten also schon das Empfinden, dass uns alle diese Situation zurück wirft. Deswegen war ich auch sehr dankbar, dass die Nachbarn uns in diesen Distanzkaffeeklatsch mit einbezogen haben. Das hat uns sehr geholfen. Aber vorher die fünf Wochen waren wir echt isoliert. Da war ich froh um jedes Zoom-Video, bei dem ich mit Freunden oder auch mit anderen betroffenen Müttern virtuellen Kaffee trinken konnte. Also, da haben wir alle dran geknackt. Auch, dass Sport weggefallen ist. Wir hatten dann auch Probleme mit der Firma – dazu passend noch Stress mit der Kindergeldkasse – da waren natürlich viele finanzielle Sorgen. Das ging ja auch ganz vielen Selbstständigen so. Uns halt auch. Aber trotz allem waren wir noch sehr, sehr geschützt. Mein Herz blutet für all diejenigen, die jetzt aus der Kurzarbeitsregelung rausfallen und all die Sachen. Ich hab über einen Freundin, die im Steuerbüro arbeitet, ein paar Sachen mitbekommen, die sind richtig übel. Da ist den Menschen mit den Förderungen übel mitgespielt worden. Wir hatten uns die auch durchgelesen, die Förderung für Selbstständige und haben die dann verworfen. Die Hilfen wären für uns weitestgehend leer gelaufen. Nicht, dass wir nicht Hilfe gebraucht hätten, aber eben nicht diese. Wir hatten noch Glück, dass die Aufträge nicht komplett abgesagt wurden, sondern nur auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Es ist für uns aber alles gut ausgegangen, von daher würde ich uns noch als Glückspilze in der Krise bezeichnen, weil wir da sehr gut durchgekommen sind. Für uns hat sich in der Pandemie nur bestätigt, was wir durchs Reisen schon wussten: Wir kriegen alles irgendwie hin. Nicht immer so wie wir wollen, nicht immer so wie wir planen, und bestimmt nicht immer einfach. Aber wir kriegen es hin und wir finden eine Lösung. Aber das ist im Prinzip schon immer unsere Einstellung gewesen.

Ich habe die meisten Menschen hier als gelassener empfunden. Aber dazu muss man sagen, dass wir hier wirklich keine Infektionsherde hatten. An der Schule, wo meine kleinen Kinder sind, da gab es keinen einzigen Fall. Und da kommen die Schüler aus dem ganzen Bereich von Sonderburg und Als. Also wir sind da wirklich verschont geblieben und dementsprechend habe ich hier auch wenig Hysterie erlebt, weil einfach nichts da war, worüber man hysterisch werden konnte. Die Leute sind vorsichtig und sie achten drauf. Du hast überall Desinfektionsmittel in heftigstem Maße. Und du wirst auch überall darauf angesprochen, dass du bitte Desinfektionsmittel benutzen sollst. In Deutschland, in Flensburg, hatte ich den Eindruck, das hat so Event-Charakter – mit den Masken, mit den Abstandsregelungen. Das ist so hipp. Das hab ich hier nicht so erlebt. Das war hier eben eine Maßnahme die man brauchte, und als man es nicht mehr brauchte, hat man es eben wieder gelassen. Ich bin froh, dass wir hier keine Maskenpflicht haben. Ich finde es gut, wenn es hilft, aber ich habe noch nicht mitbekommen, dass es hilft. Aber ich bin auch keine Ärztin. Und wir haben hier aber auch nicht so eine Bevölkerungsdichte. Nichtmal Kopenhagen hat eine Bevölkerungsdichte wie Hamburg oder Berlin. Dänemark ist klein. Wobei ich ja noch mehr lachen musste mit den Schweden. Die Schweden, die zumindest aus Sicht der Dänen, so oberkorrekt sind, die dann gar nichts gemacht haben. Keinen Lockdown – gar nichts. Die Dänen haben das mit Staunen und Schmunzeln wahrgenommen. Wie, die machen das jetzt nicht?! Ungefähr so, als ob wir in Deutschland sagen würden: „Ja, Croissants sind in Frankreich gar nicht in!“ Als ob man einem Stereotyp was abspricht. Hier im Süden habe ich nicht erlebt, dass der schwedische Weg ernsthaft kritisiert wurde. Aber wenn man keine tatsächlichen Corona-Infektionen hat, dann kann man es auch leichter mit Humor nehmen. Dann kann man auch darüber schmunzeln und zum Kaffeetrinken gehen, mitten auf der Landstraße. Gesellschaftlich hat sich hier nicht so viel verändert, außer dass die Leute vielleicht bewusster geworden sind und man verabschiedet wird mit „Bleib gesund!“, was ich sehr schön finde. Für Deutschland oder gar die ganze Welt kann ich es überhaupt nicht einschätzen. Ich bin so weit weg von Weltpolitik. Ich habe so schon immer Mühe, den Überblick zu behalten. Einfach, weil mich das immer ganz doll mitnimmt. Ich muss mich mit den Dingen befassen, die ich ändern kann. Sonst dreh ich durch. Ändern kann ich zum Beispiel, wenn mich Eltern anrufen und sagen, dass sie ihr Kind aus welchen Gründen auch immer nicht zurück in die Schule geben möchten. Denen kann ich helfen. Ich kann nicht lösen, dass in den USA ein Haufen Menschen ohne Krankenversicherung sind und die statt denen zu helfen, wieder weggeschickt werden. Also muss ich mich auf die Blase konzentrieren, wo ich einen Unterschied machen kann anstatt schlaflos wachzuliegen über Dinge, die ich nicht ändern kann.

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