Es war schon ziemlich früh klar, dass da was kommt und das es heftig wird. Zumal wir auch heftigere Erkrankungen in der Schule hatten, die aber alle nicht getestet wurden. Ich selber bin auch der Meinung, dass ich Corona schon hatte, mit langwierigen Folgen, so dass ich schon seit Monaten wieder Asthmamittel nehmen muss. Ich hatte definitiv eine virusbedingte Lungenentzündung, schon Mitte Februar, die dann durch den ganzen Körper gewandert ist. Ich hatte Nierenprobleme, Magen-Darm-Probleme – wochenlang. Unsere ganze Familie hatte das. Und dann kamen nach und nach die Informationen in den Medien. Meine Anspannung war schon sehr groß, weil ich eine Lungenerkrankung habe und ich hatte großen Stress, was passiert, wenn ich stärker erkranke. Am Anfang war ja auch noch nicht klar, wie viele Leute überhaupt im Krankenhaus behandelt werden müssen und ich konnte mir nicht vorstellen, dass meine Tochter, nachdem ich letztes Jahr schon im Krankenhaus gewesen bin, das noch mal gut wegstecken würde, wenn wieder einer von uns im Krankenhaus landen würde. Die wäre wahrscheinlich durchgedreht. Dazu kam ja auch, dass mein Mann schwere Probleme mit den Knien hat und auf eine Meniskus-OP wartete und als die Schulen zu gemacht wurden fand ich es dann schon gut, dass ich mich nur noch um Haushalt und Familie kümmern und mich gar nicht mehr diesem Stress aussetzen musste. Man merkte es auch in der Schule, da wuchs auch die Nervosität unter den größeren Kindern immer weiter. Es haben Kinder Desinfektionsmittel mit in die Schule genommen, wo die Eltern gesagt haben, sie sollen das benutzen. Es wurden da auch schon Kinder teilweise nicht mehr in die Schule gebracht, weil deren Eltern in so prekären Verhältnissen leben, dass nicht mal sicher ist, dass sie krankenversichert sind. Die Angst der Eltern hat sich ganz massiv auf die Kinder transportiert. Das war schon am Anfang, bevor es richtig breit in den Medien war, dass es bei uns eigentlich schon angekommen war. Ich empfand diesen ganzen Lockdown dann auch extrem verzögert. Als ob keiner wahr haben wollte, dass wir da ein Problem haben könnten. Unsere Regierung ist ja keine größeren Krisen, außer der Klimakatastrophe, die sie geflissentlich übersehen möchte, gewöhnt. Aber es ist ja oft nicht akut genug. Wir haben ja zum Glück keinen akuten Krieg in unserem Land und ich glaube, auf eine Krise dieser Art waren sie schlicht und ergreifend nicht vorbereitet – entgegen dem, was Wissenschaftler seit Jahrzehnten versuchen ihnen beizubringen. Ich hab Geographie studiert und auch Epidemiologie als Teilbereich gehabt und jeder der sich jemals wissenschaftlich damit beschäftigt hat, weiß, gerade durch die Reisefreudigkeit und die Globalisierung war es nur noch eine Frage der Zeit, bis wir ein globales medizinisches Problem kriegen. Ich habe mich eigentlich schon immer eher gewundert, dass wir nicht schon viel früher Krankheiten wie Ebola bei uns zu Hause haben, wenn wir so viel reisen und durch den weltweiten Handel. Das so was kommt, war für mich als Wissenschaftlerin nicht überraschend. Aber die Regierung scheint wohl gedacht zu haben, dass es schon nicht so schlimm werden wird – wie bei Sars II und der Schweinegrippe.

Am Anfang, als dann endlich die Schulen zu waren, war es erstmal ziemlich cool. Wir hatten endlich Zeit in der Familie. Durch unsere Arbeit als Intergrationshelfer und die Situation an der Schule war Corona ja schon früh Thema und es war ziemlich belastend und so haben wir wirklich aufgeatmet, als wir endlich zu Hause bleiben und uns schützen durften. Uns hat dann eigentlich ganz viel unser Alltag beschäftigt. Wie kaufen wir ein? Wann bekommt mein Mann die OP? Ich bin jeden Tag in den Garten gefahren, um auch so ein Gefühl von „alles ist in Ordung“ zu bekommen und mich aktiv um etwas zu kümmern um nicht in eine Angststarre zu verfallen. Wenn wir eine Ausgangssperre wie in Spanien bekommen hätten, das wäre für mich extrem belastend gewesen. Denn mich auf mein Rad zu schwingen und im Garten zu wühlen das war für mich schon sehr wichtig als Ausgleich, da konnte ich auch ohne Kontakte frei sein. So war das jetzt lange nur Alltagsbewältigung, von Tag zu Tag denken. Es war eine emotional sehr gemischte Zeit. Ich hab jeden Morgen Yoga gemacht und meditiert – wohl so viel, wie in meinem ganzen Leben vorher nicht – was ich auch vorher schon in meinem Arbeitsalltag installieren wollte, aber so nicht geschafft habe. Und das ist schon super cool, dass das jetzt klappt und das möchte ich auch nicht mehr missen. Schwierig wurde es dann erst mit den Lockerungen, als der Rest der Familie angefragt hat, ob man sich mal wieder sehen könnte, wir uns drei aber genug waren und das gar nicht brauchten und fanden, dass wir das grad ganz gut aushalten. Da fing es an stressiger zu werden. Und nach zig Wochen, die meine Tochter nicht in der Schule war, da hat sie ihre Freunde schon sehr vermisst; hat sich aber nicht getraut nach Verabredungen zu fragen, weil sie auch wusste, dass sie sich nicht verabreden dürfen. Die Kinder haben sich untereinander ja gar nicht getraut zu fragen. Da war dann schon der Punkt, wo wir wussten, dass wir auch als Eltern aktiv werden müssen. Und als es dann los ging, wie soll Schule stattfinden, damit das funktionieren kann, das war dann so stressig, da bin ich dann auch einmal zusammen geklappt. Dieses Hin und Her: „Die Schulen müssen wieder auf! Ach so geht das ja gar nicht! …“ Da hab ich dann nicht mehr schlafen können und richtig Angst und Panik gehabt. Da hab ich dann gedacht, so will ich da nicht hin, so geht das nicht und so will ich auch mein Kind da nicht abgeben. Ich hab wirklich das Gefühl gehabt, da wird politisch was raus gehauen, was noch nicht im Ansatz durchdacht war. Das hat kein Vertrauen erzeugt. Und da denke ich, da können Lehrer*innen noch viel mehr ein Lied von singen. Die sind, glaube ich, emotional und kräftemäßig einmal durch die Waschmaschine gedreht worden.

Meine Tochter hatte überhaupt keine Probleme mit Homeschooling. Sie hat dabei auf einen Schlag ganz viele Kompetenzen entwickelt. Sie hat ja vorher eigentlich gar nicht mit dem Computer gearbeitet und dann hat sie in Windeseile so viel gelernt. Da muss ich aber auch sagen, dass ihre Schule sehr gut vorbereitet war. Da lief das via Online lernen direkt nahezu knirschfrei, was schon faszinierend war. Da habe ich einen Höllenrespekt vor dieser Leistung. Sie hatten direkt am Anfang ein Projekt, bei dem es um den Umgang mit digitalen Medien ging, so dass sie gleich in die Praxis umsetzen konnten, digital zu lernen. Auch ihr Trompetenunterricht lief via Zoom. Sie hat natürlich ihre Klassenkameraden vermisst, allerdings hatten die Lehrer auch einen virtuellen Klassenraum eingerichtet, wo die Kinder sich jederzeit treffen und sich zumindest online sehen konnten. Das fand sie schon ziemlich cool und das hat sie auch genutzt und dann haben sie glucksend und lachend ihr Klassenleben gepflegt. Wichtig war auch, dass sie auch Telefonate mit den Lehrern hatte und sie gemerkt hat, dass wahrgenommen wird, dass sie super gute Leistungen erbringt. Da merkt man auch schon, dass in der Schule viel Feedback nicht durch konkrete Beurteilungen entsteht, sondern im Vorbeigehen. Bei einigen Sachen gab es aber auch zu viel nebenher, zu viel Multitasking. Da haben wir aber souverän entschieden, sie auch schwänzen zu lassen. Oder wir haben den Chatverlauf verfolgt und sie hat ihre Aufgaben in Ruhe gemacht. In dieser Zeit hat sie auch an einem Schreibwettbewerb teilgenommen. Das hat ihr viel Kraft gegeben. Ich hatte für sie das Gefühl, dass die Sicherheit ihrer Familie auch für sie wichtiger war als ihre Bedürfnisse. Jetzt ist sie aber auch schon fast 12 Jahre alt. Bei jüngeren Kindern sehe ich das viel, viel schwieriger an und ich finde, da ist politisch sehr viel schief gelaufen.

Die jetzige Situation bedeutet eine Überlastung, die die Perfektion, die uns gesellschaftlich abverlangt wird, schlicht unmöglich macht. Aber das schweißt uns auch zusammen. Die Kontakte, die es gibt, sind deutlich bewusster und behutsamer. Insgesamt beobachte ich eine viel größere Achtsamkeit unter den Menschen. Wir zu Hause haben uns gut überlegt, mit wem wir überhaupt Kontakt haben wollen und haben uns dadurch bewusst gemacht, wer denn wirklich unsere engsten Freunde sind. Wenn ich zwei oder drei Leute mit auf eine einsame Insel nehmen möchte, wer ist das denn eigentlich?! Und da hat sich auch Unerwartetes aufgetan und auch Freundschaften sehr intensiviert. Ich gehe mit einer Freundin viel spazieren, trotz oder wegen eines stressigen Alltags kriegen wir das oft genug hin. Zu meiner großen Verblüffung habe ich festgestellt, dass ich offensichtlich viel lieber in der Gesellschaft anderer Menschen bin als ich ursprünglich dachte und obwohl ich eigentlich nicht die Knuddelmaus bin, fehlen mir auch körperliche Berührungen. Und auch, dass ich meinen lauten Job in der Schule sehr viel mehr schätze, als ich ursprünglich dachte und mir die Kinder mit denen ich sonst arbeite, doch sehr viel näher sind, als ich das im Alltag wahrnehme. Für mich war aber die Priorität bei den Maßnahmen erstmal auf die große Gemeinschaft wichtig. Als dann klar war, dass unser Gesundheitssystem nicht überfordert ist, dann war wichtig zu sehen, wie es weiter gehen kann. Dass die Priorität dann auf der Öffnung der Autohäuser lag und die Spielplätze geschlossen blieben, obwohl ja schon bekannt war, das die Infektionsgefahr dort gar nicht so stark gegeben ist, und erst geöffnet wurden, als abertausende Geschäfte wieder geöffnet worden waren, das fand ich richtig schlimm. Was machste denn mit den Kindern den ganzen Tag zu Hause? Man kann die Kinder ja auch nicht nur zum Spazierengehen verdonnern. Wenn man in der Stadt lebt, ist der nächste Wald ziemlich weit weg. Wir haben um die Ecke Tischtennisplatten und die darf ich dann nicht nutzen!?! Ich denke, so ein paar Monate ohne Konsum dagegen hätten jetzt nicht die totale Katastrophe gebracht. Ich finde, die Katastrophe ist doch erst durch das kapitalistische System entstanden, dadurch, dass wir keine große Solidargemeinschaft bilden und die Politik versucht nur die Geschäfte am laufen zu halten. Deutschland ist ein so reiches Land mit so vielen reichen Menschen und es sollte kein Problem sein, so eine Krise selbst über die Dauer von einem Jahr finanziell, logistisch gut überstehen zu lassen. Das wäre möglich, wenn die Verteilung gerechter wäre. Wir befinden uns in einer metamorphen Strömung. Es ist eine sehr emotionale und gedankenreiche Zeit. Ich bin weit davon entfernt, dass ich glaube, das wars jetzt. Allein dadurch, dass das Leben im Winter wieder drinnen stattfindet. Wie gehen wir damit um, wenn die ersten Leute wieder Rotznasen haben. Ich würde mir wünschen, dass Eltern, die ein krankes Kind zu Hause haben, das auch zu Hause lassen können und dürfen. Das ist aber wieder ein wirtschaftliches Problem. So viele Eltern, haben einen so schlecht bezahlten Job oder gehen das Risiko ein, ihren Job zu verlieren, wenn sie ihr Kind einen Tag länger zu Hause lassen. Ich finde Corona zeigt auf jeden Fall gravierend die Schwachstellen unseres Systems und unserer Gesellschaft. Es polarisiert ganz stark. Es zeigen sich unheimlich gute Seiten und es zeigen sich schlechte Seiten. Und das ganz massiv. Wichtig ist, was wir draus machen. Und zwar, was jeder draus macht!

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