Philipp, Altenbetreuer

Ich arbeite als Betreuer im Altersheim. Dort müssen wir sehr verantwortungsvoll mit der physischen und psychischen Gesundheit der Bewohner umgehen, und meine komplette Arbeit muss sich danach richten. Auch in dieser Zeit, in der Besuche nur nach Absprache mit Abstand stattfinden, und die Bewohner die Sonne nur im Garten oder auf dem Balkon genießen können, muss ich für sie ein offenes Ohr haben und durch Humor für Unterhaltung und emotionale Entlastung sorgen. Ich lenke vom Schmerz und der Angst ab, weil ich auffalle, und lachen ist gesund. Auch für mich, auch aktuell. Es ist nicht immer leicht, aber es fühlt sich richtig an.

Wie Besucher, Bewohner/innen und Mitarbeiter/innen mit dieser Situation umgehen, das ist für mich stellvertretend dafür, wie unsere Gesellschaft gerade gefordert ist. Trauer, Reizbarkeit, Wut, Angst und Überheblichkeit auf der einen Seite, Dankbarkeit, ein Gemeinschaftsgefühl und die pure Freude, an allem, was auch unter diesen Umständen Spaß macht und gut tut, auf der anderen Seite.

Im Heim ist Corona eine tödliche Krankheit. Ich habe viele Hände von Menschen gehalten, die ihre letzten Tage hatten. In der Regel ein besonderer Moment der Ruhe. Gerade dieser letzte Gang auf dem Lebensweg, der sollte soweit wie möglich selbstbestimmt begangen werden. Auch in Zeiten von Corona sollte Verantwortungslosigkeit von Menschen nicht darüber entscheiden, wie ein Mensch stirbt. Es stresst mich, wie sehr ich auf die Hygiene achten muss, aber es ist notwendig. Manche Menschen haben mir erst kurz vor ihrem Tod gezeigt, wie gerne sie mich eigentlich haben. Ich war selbst mal drei Wochen lang halbtot, und habe auch daher einen besonderen Blick auf die Wertschätzung dem anderen gegenüber, und die Dankbarkeit. Auch daher empfehle ich jedem, nicht erst dann respektvoll, rücksichtsvoll, oder gar liebevoll zu sein, wenn ihr euren letzten Weg geht. Genießt das Leben, zu dem so viele gehören.

Ich muss meine Frühlingsgefühle im Zaum halten. Hab meine Geburtstagsfeier auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Veranstaltungen, auf denen ich so gerne tanze und quatsche, wurden abgesagt. Ein Freund von mir ist mein direkter Nachbar, aber weil er zur Risikogruppe gehört, kommunizieren wir nur per Telefon oder mit einer Trennwand auf dem Balkon, um ihn nicht zu gefährden. Wir können aus dieser Situation lernen, wie wir auch Stärke zeigen, indem wir rücksichtsvoll sind, und die Wertschätzung neu verstehen.


Die letzten Interviews stehen an. Dann ist das Projekt Faces in Times of Corona beendet. 14 Monate habe ich die Pandemie nun schon mit meiner Kamera begleitet. Demnächst werden viele der Bilder im Stadtmuseum Quakenbrück gezeigt. Damit dir nichts entgeht, trag dich doch ganz fix für meinen Newsletter ein.

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