Das erste Mal als ich von Corona gehört habe, das muss Ende Dezember, Anfang Januar gewesen sein. Da war das noch weit weg in China und ich hab das nicht so ganz ernst genommen. Dann kam es allmählich rüber. Aber im Endeffekt hat es uns alle hier in der Branche ziemlich kalt erwischt. Denn die Entwicklung war ja innerhalb von ein bis zwei Wochen. Ich weiß noch, im März hatte ich hier die 80er-Party groß geplant. Die hatte ich sogar 14 Tage vorverlegt, weil die Simple Minds nebenan in der Halle Münsterland spielen sollten und ich den Plan hatte, das als Aftershowparty aufzuziehen. Ich hatte da auch richtig in Werbung investiert, weil ich dachte, wenn 5000 Leute bei denen im Konzert sind, wird ein Teil dann hinterher garantiert noch rüberkommen um weiterzufeiern. Das wäre am 14. März gewesen, und einen Tag vorher kam dann die große Absage, dass Veranstaltungen alle untersagt sind! Das war natürlich ein ziemlich heftiger Schlag. Insofern war die Entwicklung sehr dynamisch. Die erste Zeit vom Lockdown, der Mitte März los ging, ging es mir eigentlich noch ziemlich ok. Ich hab ja sowieso immer viel im Homeoffice gemacht, von daher hat sich die Situation für mich gar nicht so groß geändert. Aber nach ein paar Wochen realisiert man schon, dass es einem doch nicht so gut geht mit der Situation. Mir war schnell klar, dass das wirklich Wochen und Monate dauern würde. Ich hatte aber anfangs schon so ein bisschen gedacht, dass wir ab Herbst wieder Normalbetrieb hätten. Aber das hat sich dann ja schnell dahin entwickelt, dass man sich das wirklich abschminken konnte. Es gab ja diese Einmalförderung für Betriebe, aber für mich persönlich kam das nicht in Frage. Ich bin jetzt seit elf Jahren als Veranstaltungskaufmann selbstständig, habe aber kein Büro, kein Lager oder ähnliches. Und diese Einmalförderung war ja nur für Betriebsausgaben, und wenn man es für etwas anderes ausgegeben hast, gab’s sogar noch Ärger und man musste es zurückzahlen. Deswegen blieb mir im Endeffekt nur der Weg zum Jobcenter. Was in meiner Situation relativ problemlos war, weil ich alleine wohne, kein Auto, kein großes Vermögen oder so etwas habe. Ich sprech das an, weil andere in der Branche viel größere Probleme in der Beziehung hatten. Wenn man zum Beispiel verheiratet ist, zwei Kinder und dementsprechende finanzielle Verpflichtungen hat, dann hat man richtige Probleme gekriegt! Wenn der/die Partner*in ein bisschen zu viel verdient, dann war es mit Hartz IV auch Essig im Endeffekt. Es gab da richtige Schoten: Musiker, die brav ihr Equipment im Antrag mit angegeben hatten und die vom Jobcenter zu hören bekamen: „Ja, Sie haben da ja Vermögenswerte! Verkaufen Sie die doch erst mal und leben davon.“ Das betraf dann auch Orchestermusiker, die ihre wertvollen Instrumente verkaufen sollten. Dann können die doch ihren Beruf nicht mehr ausüben! Da ist es auf jeden Fall zu Absurditäten gekommen. Und solche Leute sind dann natürlich auch frustriert.

Für die Clubs am Hawerkamp brachte die Situation wahnsinnige Probleme. Das Geld geht durch die laufenden Kosten einfach flöten! Manches hat der Ottonormalverbraucher vielleicht gar nicht auf dem Schirm, wie etwa laufende GEMA- und Versicherungsverträge, so dass das schnell mal fünfstellige Beträge im Monat sind, die anlaufen. Viele haben ja früh Spendenaufrufe gemacht, was aber die Betreiber der Sputnikhalle eigentlich nicht wollten. Aber irgendwann im Sommer war dann klar, dass es überhaupt nicht absehbar ist, wie lange die Krise überhaupt dauert und ab wann es wieder richtig losgehen kann. Also gab es doch eine Spendenaktion für die Sputnikhalle, und die ging absolut durch die Decke! Das war der absolute Wahnsinn!. Sehr viele Leute haben einfach das gespendet, was sie an einem Wochenende an Eintritt gezahlt hätten, einige auch noch das, was sie ungefähr für Getränke und so ausgegeben hätten. Es waren aber auch Firmen dabei, die richtig fett gespendet haben, ebenso Plattenlabels und Konzertagenturen. Sogar Bands, die es ja selbst grad nicht so dicke haben. Das war schon wirklich beeindruckend. Da hat man gemerkt, was den Menschen die Sputnikhalle im Endeffekt bedeutet, dass das nicht nur einfach „Ausgehen und Saufen“ ist, sondern wirklich ein wichtiger Treffpunkt für die Leute, den sie auch vermissen. Durch die Spendenaktion konnte die Sputnikhalle einige Festangestellte aus der Kurzarbeit holen, und auch einige der Aushilfen konnten mal wieder einen Abend arbeiten, da es ab Juli im eingeschränktem Rahmen wieder Veranstaltungen hier draußen im Biergarten der Sputnikhalle gab. Mit Hygienekonzept und mit viel Aufwand – Tische und Schirme mussten zusätzlich angeschafft werden, ein Architekt hat einen Flurplan erstellt, wo Tische mit Abständen und Laufwegen verzeichnet waren, und es kam behördlicher Hygienebeauftragter, der das alles abgenommen hat. Das ist alles schon ein gehöriger Aufwand, den die Betreiber der Sputnikhalle da auf sich nehmen mussten. Aber es hat funktioniert und ist vom Gesundheitsamt abgenommen worden. Und als es wieder los ging, waren die Leute so dankbar, dass sie wieder hierher kommen konnten, das war der Wahnsinn! Der Mensch ist ein soziales Wesen, und das kann man auch nicht unterbinden. Deswegen muss man den Menschen solche Begegnungsräume auch bieten. Die Leute kommen hier jedes Wochenende hin, weil sie hier Freunde treffen, weil sie hier auch Freundschaften geschlossen haben. Auch die Musik ist wichtig, die Leute kommen hier wegen einer speziellen Szene hin. Und wenn denen das fehlt, dann gehen die teilweise echt am Stock. Da sind Leute bei gewesen, die haben mir im Juli gesagt, dass sie vier Monate quasi alleine waren. Weil sie vielleicht außerhalb der Szene und des Jobs nicht viele Begegnungen haben. Und als wir im Juli wieder aufgemacht haben, waren hier Leute, die sich seit März zum ersten Mal wiedergesehen haben. Es ist schon wirklich mehr als einfach nur feiern gehen. Es ist Subkultur, es ist Begegnung, und das fehlt den Menschen tierisch. Das zeigt sich auch darin, dass die Leute unsere Veranstaltungen mega annehmen und fast alles immer ausverkauft ist. Auch wenn man jetzt 15 Euro Eintritt nehmen muss – es ist ja nicht so, als ob man da wahnsinnig dran verdienen würde, sondern davon werden auch die Angestellten bezahlt, die schon nachmittags alles vorbereiten, hinterher alles reinräumen, und so weiter. Die sollen das ja nicht ehrenamtlich machen, sondern wie früher ihren Stundenlohn bekommen! GEMA ist zum Beispiel auch ein riesiger Faktor. Die Veranstaltungen die zur Zeit draußen stattfinden, müssen wir Veranstalter jetzt alle einzeln anmelden, im Gegensatz zum monatlichen Pauschalbetrag vor Corona. Der Pauschalvertrag wurde natürlich im Frühjahr gekündigt, da ja nichts stattfinden durfte. Da kommen jetzt aber schnell ein paar hundert Euro zusammen. Wirklich beschwert hat sich über die erhöhten Eintrittspreise aber noch niemand, eher interessiert nachgefragt. Die allermeisten sind einfach nur happy, dass wieder was passiert und betrachten den höheren Eintritt vielleicht auch irgendwie als eine Art Spende an die Sputnikhalle und die Veranstalter. Die wissen ja, dass wir Mehrkosten und -aufwand haben, und das bei begrenzter Teilnehmerzahl. Das ist ja im Endeffekt nur ein Drittel von dem, was sonst an Besuchern in die Halle geht, bei höheren Kosten als früher.

Die Spendenaktion hat jedenfalls dafür gesorgt, dass die Sputnikhalle vorerst safe ist, und durch die Open-Air-Veranstaltungen gibt es auch wieder was zu tun. Und die Gäste ziehen da mit, das Meiste war ausverkauft! Man wusste ja vorher schon irgendwie, dass den Leuten der Laden den Menschen was bedeutet. Aber das Ausmaß dann zu sehen und zu erleben, das ist schon sehr emotional. Und für mich bedeutet es auch ganz einfach, dass ich wieder in meinem erlernten Beruf arbeiten kann. Ist schließlich mein Traumberuf, auch wenn man damit nicht reich wird. Aber ich habe das Privileg, dass ich Hobby und Leidenschaft zu meinem Hauptjob machen konnte. Corona hätte um ein Haar den Traum zerstört! Jetzt kommt aber die kalte Jahreszeit und die stellt uns alle vor große Probleme. Die Sputnikhalle arbeitet an Konzepten, dann auch drinnen was machen zu können, aber das muss erst mal genehmigt werden. Vielleicht gehen nur Konzerte, aber wenn nur 100 Gäste erlaubt sind, wer soll dann spielen? Eine seriöse Gage sowie Catering, Technik, Hotelzimmer und so weiter wären damit nicht finanzierbar. Die Bands haben ja auch selber große Probleme. Es ist ja auch so, wenn du eine internationale Band bist – selbst wenn du im Clubbereich spielst – spielst du meistens vor 200 Leuten und in Berlin, Hamburg oder Köln sind es dann vielleicht 500. Wenn da ein paar Termine jetzt wegen Corona wegfallen, kannst die gesamte Tour canceln deswegen! Das ist schon echt eine schwierige Sache. Wenn ein paar Termine nicht stattfinden, ist die gesamte Finanzierung gefährdet oder vielleicht sogar ganz dahin. Viele kleine Bands, Indiebands, die spielen ja auch mal vor 50-60 Leuten in kleinen Kaffs, nur damit sie den Tourplan voll haben. Aber wenn dann die „Brötchengigs“, mit denen du die Tour finanzierst, in den größeren Städten wegen Corona ausfallen, dann ist es aus.
Es wird aber auch nach Corona weiterhin Kultur geben, das ist klar. Weil Menschen auch ein Bedürfnis danach haben. Aber in welcher Form das stattfinden kann… Momentan haben wir ja noch nicht so viele Insolvenzen, weil das Insolvenzrecht ja im Augenblick ausgesetzt ist. Die Insolvenzen kommen also alle nächstes Jahr, nächstes Jahr werden wir das dicke Ende kriegen! Es haben ja jetzt schon ein paar Locations gesagt, dass sie nicht mehr weiter machen, da werden noch viele folgen. Das ist natürlich auch für die Künstler und Musiker schwierig, weil die keine Orte mehr für ihre Kunst haben.

Teilweise hatte ich zu Beginn der Coronakrise die Hoffnung, dass die Menschen dadurch zu einem Umdenken gelangen. Inzwischen habe ich die weniger. Ich bin jetzt kein Pessimist, ich denke schon, dass sich auch ein paar Sachen zum Positiven entwickeln werden, aber unsere Politiker haben bewiesen, dass es mit denen nicht immer funktioniert. Das ist auch etwas, was mich an dem gesamten Thema sehr stört, weil Parteipolitik, Kompetenzgerangel und Machtspiele eine viel zu große Rolle spielen. Manchmal ist auch einfach Inkompetenz und Dummheit dabei. Das macht es ein bisschen madig. Aber man hat ja gesehen, wenn es sein muss, können auch schnell Maßnahmen ergriffen werden. Ich glaube, dass die Bürger auch darauf pochen werden, dass bei anderen Themen ähnlich schnell und ähnlich intensiv gehandelt wird. Und eigentlich ist es ja auch unsere Aufgabe, den Politikern immer auf die Finger zu gucken und ihnen auch auf die Finger zu hauen, denn im Endeffekt sind das nur unsere Stellvertreter. Ich habe denen am Anfang schon so eine Art Welpenschutz zugestanden. Da kam ein neuer Virus, man wusste nicht, was auf einen zukommt… Die flächendeckenden Pauschalmaßnahmen waren für mich am Anfang ok, denn es konnte ja keiner einschätzen, wie schlimm es wirklich ist. Dann machte man eben die Hütte zu. Lockdown. In Deutschland war das ja noch relativ harmlos im Vergleich zu anderen Ländern. Wir hatten ja jetzt keine Ausgangssperre im Sinne, dass man verhaftet worden wäre, wenn man auf die Straße geht. Aber jetzt wissen wir mehr als im Frühjahr, die Wissenschaft ist viel weiter und jetzt sollte das Feintuning beginnen. Und tut es ja auch. Es wird ja nicht mehr die ganze Republik abgesperrt, weil irgendwo ein Ausbruch ist, das ist ja auch richtig so. Aber es gibt halt immer noch zu viele Widersprüche, die wirklich nervig sind. Wir machen hier einen Riesenaufwand, um Kulturveranstaltungen zu machen und auf der anderen Seite durften auf einmal Privatfeste mit bis zu 150 Gästen und ohne Maske, ohne Abstand stattfinden, während wir für dieselbe Anzahl von Leuten uns ein Bein ausreißen müssen. Das soll nicht heißen, dass das was wir hier machen falsch ist. Sondern was wir hier machen ist richtig so und die anderen Sachen laufen falsch. Diese Widersprüchlichkeit, auch zwischen den Bundesländern, oder einzelnen Kreisen sogar, das ist schon ein bisschen anstrengend. Und ich glaube, das ist auch, was die Leute echt irritiert und verunsichert, wo dann halt die so genannten Coronaleugner aufkommen – verstärkt durch die sozialen Medien. Da bin ich überhaupt kein Freund von. Aber die Politik hat keine gemeinsame Linie. Sie haben es jetzt in der letzten Woche nochmal versucht, „gemeinsame Linie mit lokalen Maßnahmen“ – aber dann sollen sie es doch bitte auch mal vernünftig umsetzen. Nicht nur die Idee haben und drüber reden! Prost!


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2 Comments to “Niggels, Veranstaltungskaufmann”

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