Als der Lockdown begann, hab ich erstmal Panik gekriegt und gedacht, jetzt rutsche ich in ein richtiges Tief, weil mein Mann sich ein paar Monate vorher von mir getrennt hat und ich nur Stress und Action gemacht habe, um mich abzulenken, und dann hieß es erstmal: alles cut! Und da hab ich wirklich gedacht „Jetzt wirst du bestimmt durchdrehen!“. Dann hab ich erstmal Amazon leer gekauft – alles Sachen, um irgendwie die Kinder beschäftigt zu kriegen. Dann war der Kindergarten zu und dann war ich die ersten Tage echt komplett unter Strom. Jede Minute hab ich gedacht: „Oh Gott, du musst jetzt irgendwas machen, du musst die Kinder jetzt irgendwie beschäftigen…“ Und eigentlich muss ich sagen, für meine Psyche war Corona das Beste, was mir überhaupt passieren konnte, weil ich gemerkt habe, dass, auch wenn ich zur Ruhe komme, ich dann trotzdem weiterlebe. Ich hatte durch die Trennung immer vor dem Moment Angst, wenn ich mich nicht mehr auspowern kann, nicht mehr in Action mit den Kindern sein kann. Ich war ja nur beschäftigt… Und dann hab ich wirklich gemerkt, dass dieses zur Ruhe kommen das Beste war, was mir passieren konnte, weil ich mich dann das erste Mal richtig mit meinen Gefühlen auseinander gesetzt habe. Da konnte ich spüren: Ich bin mir selbst genug, ich bin nicht auf andere angewiesen und die Kinder sind auch zufrieden, wenn nicht immer nur Halligalli ist. Vielleicht sogar zufriedener. Auch jetzt, wo alles langsam wieder losgeht, denke ich mir morgens, dass ich mir diesen Stress, ständig was zu unternehmen, gar nicht mache. Die Kita hatte zwischendurch auch immer mal angerufen und gefragt, wie es läuft, und ich konnte antworten, dass wir es einfach nur genießen. Es ist total wichtig, dass egal in welcher Situation man ist, man einfach das Beste draus macht und nicht irgendwie rumstöhnt. Die Angst vom Anfang, wie das alles werden würde, war völlig unbegründet und das ist ein super Lernprozess. Man merkt, dass es ohne diese ganzen Unternehmungen geht. Ich bin zwar froh, dass es jetzt wieder geht, aber man nutzt die Angebote auch anders als vorher. Man ist viel bewusster. Man ist viel dankbarer für die Dinge, die man hat.

Ich selber hatte nie Angst vor Corona. Das liegt wohl auch daran, dass ich niemanden in der Familie habe, der wirklich bedroht ist. Anfangs war das noch ein bisschen anders. Meine Mutter ist 63, da überlegt man schon, ob man sich dann trifft oder nicht. Die ersten ein-zwei Wochen haben wir uns dann nicht getroffen. Ich persönlich bin aber der Meinung, wenn man wirklich anfängt einsam zu werden, dann ist das vielleicht sogar schlimmer als an Corona zu erkranken. Und die ganzen Leute, die in den Altenheimen teilweise allein gestorben sind… oder überhaupt, dass Menschen in Alten- und Pflegeheimen nicht besucht werden konnten. Was für seelische Schmerzen damit zugefügt werden. Ohne Corona jetzt irgendwie zu relativieren, aber ich glaube, manche Sachen hätten ein bisschen besser überlegt werden sollen. Gerade wenn es um solche Dinge geht. Schutzkleidung wäre ja eine Möglichkeit, aber dieser komplette Lockdown war, hatte ich das Gefühl, einen Tacken zu heftig. Was würden wie Menschen, die da allein gestorben sind wohl sagen… Aber auch die, die davon bedroht sind – meine Mutter zum Beispiel meinte, sie würde lieber die Gefahr einer Infektion in Kauf nehmen, als uns ein Jahr lang nicht zu sehen. Am Anfang war es aber auch krass, wie viele Menschen dachten, dass sie auf jeden Fall sterben, wenn sie Corona kriegen. Die Menschen waren ja schon fast panisch. Da fehlte mir die Aufklärung von Seiten der Politik hier in Deutschland. Das erschien mir hier so wischie-waschie. Viele Dinge sind so Augenwischerei. Die Masken zum Beispiel: Wer prüft denn nach, wie oft die gewaschen werden? Und die Politiker klopfen sich auf die Schulter, weil sie was getan haben…

Die Frage ist, was passiert, wenn es einen zweiten Lockdown gibt?! Sind die Menschen dann auch so nachsichtig?! Ich hab kein schlechtes Bild von den Menschen, aber ich weiß, dass der Mensch sich immer selbst im Weg steht. Ich denke schon, dass wir das auch noch ein zweites Mal hinkriegen, wenn jetzt gesagt wird: „Alles nochmal auf Anfang!“ Ich würde Amazon nicht nochmal leerkaufen. Denn wie das so ist, es liegt alles noch rum, ich habe nichts gebraucht von den Sachen. Ich bin mit den Kindern immer in den Südpark gefahren, wir haben uns da an die Baustelle gesetzt, hatten die Musikbox und Malsachen dabei und dann haben wir da einfach nur gesessen, Musik gehört und gemalt. Und das war so eine schöne Zeit. Deswegen wäre ich auch gar nicht ängstlich, wenn das jetzt wieder kommen würde. Dann wäre das eben so. Vielleicht freue ich mich sogar wieder über die Zeit. Ich hätte davor keine Angst und bin auch nicht erschreckt über das Verhalten der Menschen jetzt, weil ich glaube, dass der Mensch Freude empfinden möchte, dass wir Freude brauchen. Und da gehört es eben auch dazu, dass wir soziale Kontakte haben, zusammen sind. Was ich gemerkt habe und schätze: Ich gehe viel weniger in die Stadt. Ich bin früher oft schlendern gegangen. Das mache ich gar nicht mehr. Ich gehe wirklich nur ganz bewusst zum Einkaufen in die Stadt. Aber ob das so bleibt?! Glaube ich nicht. Gefühle ändern sich so schnell. So dass man auch schnell wieder zu einer „Normalität“ zurück kommt. Wobei dann die Frage ist: Was ist eigentlich normal? Unser Lebensstil ist ja nicht normal. Normal ist Natur, normal ist alles, was wir draußen machen. Und das ist schon so, dass ich jetzt viel mehr in der Natur bin. Auch wenn es jetzt wieder Möglichkeiten gibt und ich keine Angst vor einer Infektion habe, ziehe ich die Natur anderen Freizeitunternehmungen vor. Viele Sachen sind gefühlt aber auch Augenwischerei, dass man sich selbst die Dinge schön redet und glaubt, man würde nun viel bewusster leben als vorher. Was ich aber auch nicht schlimm finde. Wenn man in der Lage ist aus dieser Situation, die ja nun gar nicht toll ist, was Tolles mitzunehmen, finde ich das auch gut. Wir haben ja im Vergleich zu anderen Ländern auch wirklich Glück und können deshalb so gelassen darüber reden.

Als Corona anfing habe ich einen Anruf von meinen Schwiegereltern bekommen, die in Österreich wohnen, weil sie uns Ende April besuchen kommen wollten, um ihre Enkelkinder zu besuchen. Da weiß ich noch genau, dass ich gesagt hab: „Mitte April ist das Thema durch. Da hört gar keiner mehr was von Corona.“ Ich hab echt gedacht, weil die meisten Sachen, die man im Radio hört, nach ein-zwei Wochen wieder vorbei sind, dass ab Mitte April kein Schwein mehr davon hört. Mein Schwiegervater genau so. War halt nicht so. Die haben ihre Enkelkinder jetzt vor einem halben Jahr das letzte Mal gesehen. Als dann der Lockdown von der Kanzlerin für die ersten zwei Wochen verhängt wurde, habe ich aber nicht mehr geglaubt, dass es so schnell vorbei sein würde. Als es hieß wir machen jetzt alles zu, dachte ich, dass es definitiv bis Ende des Jahres nicht vorbei sein wird. Deswegen bin ich sogar ein bisschen erstaunt, dass jetzt doch so schnell alles wieder auf gemacht wurde. Ich bin aber auch erstaunt, wie schnell man Menschen dazu bringen kann, Dinge zu tun oder zu lassen, ohne dass sie das hinterfragen. Und das auch für eine so relativ lange Zeit. Einige Menschen glauben ja auch, dass sich die neu angeeigneten Verhaltensweisen wie das häufige Händewaschen oder der Verzicht auf Händeschütteln jetzt etablieren. Aber das glaube ich nicht. Sobald wieder alles Richtung Normalität geht, ist alles wieder vergessen. Und man sieht es ja auch schon. Ich habe jede Woche nachmittags einen regelmäßigen Termin, für den ich in die Stadt muss. Die erste Woche war keiner auf der Straße. Die zweite Woche waren es ein paar, so wie früher an einem Vormittag unter der Woche. Und in der dritten Woche war alles so wie vorher. Daran sieht man – der Mensch vergisst einfach. Und es war ja so, dass alle dachten, durch Corona wird die Welt besser. Aber ich habe schon von Anfang an gedacht, dass wir ja schön öfter solche Zeiten hatten. Ob es jetzt nach Pandemien wie der Spanischen Grippe war oder den Weltkriegen – immer haben die Menschen die Hoffnung, dass es besser wird. Aber immer wieder kommt der Mensch an den Punkt, dass es doch wieder nicht gut läuft. Dass viele noch so naiv an die Sache rangehen und denken, wir schaffen das… Aber nur durchs Reden schaffst du’s halt nicht!

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