Martin, Frisör

Als Corona anfing – das ist schon wieder so lange her… und irgendeine Grippe aus Asien ist immer unterwegs – fand ich die Berichte seltsam, spannend… es fiel mir ein Erlebnis ein, was inzwischen ca. 15 Jahre zurückliegt: Mein Sohn war damals akut schwer erkrankt. Der behandelnde Arzt im Krankenhaus hatte erst Leukämie diagnostiziert, dann hat sich „Gott sei Dank“ schnell herausgestellt, dass es eine Kinderkrankheit, kombiniert mit einer akuten Lungenentzündung war. Beide viral… Der Arzt war noch einen Tag später erschrocken über die Auswirkungen und sagte: „Vor Viren habe ich einen Heiden Respekt. Die können uns große Probleme bereiten!“ Sein Kommentar kam mir dann wieder in den Sinn, als bekannt wurde, dass es in anderen Teilen der Welt zu unkontrollierten Covid-19-Ausbrüchen gekommen ist. Im Rückblick fand ich den Kommentar sehr voraussehend. Eine Grippe ist immer unterwegs… Ich habe daher Anfang des Jahres 2020 ein bisschen mehr die Presse verfolgt. Klar, dass wir hier nicht auf einem extra Planeten sind und dass wir irgendwann auch betroffen sein können, und das hat mir echt Angst gemacht. Es war mir aber nicht klar, was da privat und beruflich auf uns zukommt. Als Frisör bekommt man zudem ’ne Menge Geschichten erzählt und tauscht sich gerne darüber aus. Du erfährst quasi Alles – aber von Allem immer nur die Hälfte…
Ich bin seit drei Jahren selbstständig und habe eigentlich eine sehr gute Kurve zu verzeichnen gehabt. Aber ich war und bin verschuldet und die Schließung bedeutet – und das ist, wenn man ein bisschen rechnen kann, schnell klar – jeder Monat, der wegbricht bedeutet, das ca. 10% vom Jahresgewinn verloren gehen. Zudem fallen lukrative Dienstleistungen weg, da niemand lange Zeit mit Maske beim Friseur sitzen möchte. Aus Sorge von Ansteckung hatte ich den Salon schon ein paar Tage vor dem Lockdown geschlossen. Bis Ende März 2020 war nicht klar: Kommt Hilfe? Kommt sie nicht? – Sie ist ja dann kurz darauf verabschiedet worden. Das hat mich etwas beruhigt. Und das erste Jahr zumindest ein bisschen aufgefangen. Ich konnte meine Angestellten und Aushilfen erstmal alle weiter beschäftigen und brauchte keine Kurzarbeit. Der zweite Lockdown im Dezember hat dann alles deutlich verschlimmert. Mal sehen was jetzt an Unterstützung kommt… Die Auslastung, wenn wir öffnen dürfen, ist nach wie vor richtig gut. Ich erlebe momentan eher Solidarität von anderen Unternehmern, dass wir Frisöre öffnen dürfen und deren Branche noch nicht. Wenn mir jetzt eine vernünftige staatliche Unterstützung zugesagt worden wäre, hätte ich aber lieber länger geschlossen gehalten. So sind meine Firma und die Arbeitsplätze ernsthaft gefährdet und ich bin froh, dass ich schnell wieder öffnen darf. Das ist ganz egoistisch… Was wir Frisörunternehmer nun für Januar und Februar erwarten, sind anteilige Fixkosten z.b. für Miete und meine Angestellten bekamen Kurzarbeitergeld. Das kann man eine Zeit lang machen… Wenn es im Nachhinein was vom Staat gibt, Steuerentlastungen oder ein vernünftiges Förderprogramm für kleine Firmen – ich denke, dass es in erster Linie über Steuerentlastungen funktionieren wird -, kann ich in schätzungsweise zwei Jahren wieder einen positiven Schnitt machen und mir etwas für meine Altersvorsorge zurücklegen. Nebenbei muss ich meinen Kaufkredit abtragen… Unsere Preiserhöhungen kompensieren vielleicht einen Monat. Wir haben aber bis jetzt schon vier Monate geschlossen. Ab Anfang März werde ich zwölf Stunden arbeiten, sechs Tage die Woche und auf unabsehbare Zeit nicht wissen, wann der Laden wieder geschlossen wird. Ein ganz schöner Kampf. Als Volker und ich gestern mit dem Rad durch den Steinfurter Raum gefahren sind, bekam ich Bauchgrummeln, weil schon mehrere etablierte Frisörgeschäfte geschlossen und ausgeräumt waren. Ich habe im Januar versucht, einen Job anzunehmen. Aber finde mal jemanden, der dich für zwei Wochen einstellt. Denn es wurde ja immer gesagt: „In zwei Wochen kannst du deinen Laden wieder aufmachen. – Nee, doch ein späterer Termin.“ Und das ist jetzt zwei Mal passiert. Im Januar hieß es Februar, im Februar hieß es Mitte Februar und dann hieß es März. Ein Angebot hatte ich – ein paar Tage Pizza ausfahren – aber das lohnte den ganzen Aufwand nicht. Diese Salamitaktik ist ein Graus. Das ist, was ich der Politik aus meiner Perspektive vorwerfe. Ich verstehe es nicht…

Es fällt mir sowieso schwer mich zu den aktuellen politischen Entscheidungen zu äußern. Die Regierung scheint auf dem Rücken der Individualisten/kleinen Unternehmen, die untereinander oft nicht gut organisiert sind, Maßnahmen auszutragen. Von fehlenden Bildungschancen und Kindern in problematischen Familienverhältnissen mal ganz abgesehen. Zudem sind viele ältere Menschen sehr einsam geworden. Wir sind in einer absoluten Ausnahmesituation… müssen also mit den getroffenen Entscheidungen leben? Da ich meistens selber keine besseren Ideen habe, bin ich relativ folgsam… Das vermisse ich oft in der Bevölkerung… Die sogenannten Revoluzzer oder Querdenker, die meinen gegen Maßnahmen vorgehen zu müssen, sind die gewesen – zumindest in meinem Umfeld – die auch vorher schon immer gegen irgendwas rebellierten. Es gab immer einen geheimen Auftrag. Nur Einzelne waren dabei grundsätzlich solidarisch. Die Überängstlichen ersticken dafür in Sorge und Hilflosigkeit… Es scheint eine Aufgabe zu sein, die uns sehr viel mehr abfordert, als wir je denken konnten. Wir leben Individualismus in einer Gesellschaft, in der ich natürlich davon ausgehe, dass ich so sein darf, wie ich bin. Manchmal eben auch unsolidarisch… Ellenbogen raus und möppern ist glaube ich trotzdem nicht die Lösung. Und es gibt Leute auf Baustellen oder in Großraumbüros die ohne Maske, ohne Abstand arbeiten, oder sie sitzen in Gruppen in der Mittagspause zum Essen im Bauwagen… da wurde nichts geregelt und schon gar nicht nachgedacht. Das hat sicher weniger Unsolidarisches oder Politisches. Mich ärgert, dass dadurch die Zahlen wieder nach oben gehen und ich den Laden schließen muss.
Ich kann verstehen, dass es Menschen gibt, die Corona Maßnahmen ablehnen, die vielleicht meinen: „Ich will das nicht. Weil es meine persönliche oder wirtschaftliche Existenz bedroht.“ Ich bin bei den Kritikern hin und hergerissen. Diese Gruppe hat sicher Angst vor bedrohlichen kulturellen, gesellschaftlichen Veränderungen. Wer weiß, vielleicht werden sie abgehängt, oder übersehen… Es gibt leider viel Dummheit, viel Hass, viel Angst und gewissenlose Nachrichtenfabriken die davon profitieren. Ich verstehe Kulturschaffende mit Existenzängsten, wenn sie nicht vernünftig gefördert werden, keine Perspektive haben und für ihre Arbeit wenig Wertschätzung bekommen. Etablierte Theater, Veranstaltungsorte werde ich übrigens schmerzlich vermissen, wenn Sie nicht mehr da sind. Es gibt in meinem Umfeld einige Leute, die sehr darunter leiden, was von der Regierung entschieden wird, und die dann vielleicht das ein oder andere emotionale Statement raushauen. Auch das ist nachvollziehbar.. Ich kenne Leute, dich ich überhaupt nicht für Spinner halte, und die jetzt Sachen sagen, über die ich mich doch sehr wundere…Wichtig ist es daher, immer im Gespräch zu bleiben. Nicht zu sagen: „Du hast eine kritische Haltung, deswegen disqualifizierst du dich jetzt grade!“

Als Mann, Ende 40 mit Dings und Dongs an der Lunge habe ich ordentlich Respekt vor einer schweren Covid-Infektion… Wobei ich es nie direkt als physisch bedrohlich empfunden habe, weil ich wirklich niemanden kenne, aus meiner Umgebung, der ernsthaft so sehr daran erkrankt ist, dass ich es als gefährlich erlebt hätte. Was ich sicher weiß, stammt aus meinem Umfeld. Allein die Arbeit meines Bruders Volker, lässt mich vorsichtig werden und durch unseren anderen Bruder, der unter anderem Aufklärungsseminare zum Thema Verschwörungstheorien gegeben hat, bekomme ich viele pro Sicherheit Informationen durch die Familie. Das mag in anderen Familien anders sein, wenn Leute Homeoffice machen und durchtrainierte Sportler Mitte 20 sind… die werden vielleicht anders über Corona denken. Das kann ich auch nicht verübeln…Gestern Abend bin ich die Hafenkante entlang gelaufen. Da saßen ne Menge Leute auf den Terrassen und haben Kaffe und Bier getrunken. Da frage ich mich, wo ist das Problem, diese Leute zu bewirten? Die sitzen da sowieso… In den Supermärkten und Drogerien knubbeln sich die Leute und die kleinen Einzelhändler dürfen trotz Hygienekonzept nicht öffnen. Ich verstehe nicht, wieso immer wieder mit zweierlei Maß gemessen wird. Sicherheitsbedürfnisse sind ja sehr von der persönlichen Lebenssituation abhängig. Ich selbst unterscheide immer noch zwischen der Bedrohung meiner physischen Existenz und der Bedrohung meiner wirtschaftlichen Existenz. Und denke, wir können die Maßnahmen deshalb noch ein wenig tragen. Bleibe ich gesund kann ich was neues Aufbauen… Solange der Staat dafür mit Sorge trägt, dass wir ne neue Chance bekommen, können wir das. Ich glaube, dass grundsätzlich genug Geld da ist, was umverteilt werden sollte an entsprechender Stelle, so dass der lokale Bereich mehr gefördert wird. Momentan wird die Krise scheinbar ausgetragen auf dem Rücken der kleinen Läden, und ein großer Teil ist überhaupt nicht gezwungen, irgendwelche Einschränkungen hinzunehmen. Bereichert sich sogar daran… ein Corona-Soli wär da nur gerecht.

Viele von uns haben Kinder und wir müssen uns überlegen, was wir denen für eine Botschaft in dieser Situation hinterlassen. Wir sollten uns Gedanken machen, was in der Zukunft passiert und welche Weichen wir stellen müssen. Und da muss ich sagen, dass ich zu fast allem bereit wäre, um unseren Kindern ihre kulturelle, wirtschaftliche und gesundheitliche Existenz zu sichern. Ich hoffe, das möglichst viele Leute gesund und mit Perspektive durch die Pandemie kommen.
Musiker/Schauspieler/Gastronomen haben oft verdammt gute Strategien wie sie eine Krise bewältigen. Sie sind es gewohnt sich aus der Komfortzone heraus zu bewegen. Das wäre das Allerwichtigste. Irgendwie werden wir es schaffen, da weiter zu machen wo wir jetzt sind und alles wieder aufzubauen, wenn wir uns darauf besinnen, dass wir viele, viele positive Fähigkeiten haben, die wir durch Corona nicht verlieren. Und wenn jemand meint, er müsse dagegen sein, dann muss er das tun. Ich würde der „Leckt mich doch alle am Arsch mit euern Regeln!“ Fraktion, die jetzt mit Angst und Hass und Wut erfüllt sind, wünschen, dass sie es schaffen, sich wieder ein bisschen positiver aufzustellen. Dass sie nicht verzweifeln… Es ist klar, diese Gruppe müssen wir einplanen, das erfordert wieder mehr Maßnahmen… ein Teufelskreis, den unserer Regierung scheinbar nur schwer in den Griff bekommt.
Weil wir den ganzen Mist leider weiter ertragen müssen, sollte es sich das Ganze wenigstens für irgendwas gelohnt haben. Und wenn es so läuft, dass wir uns freundlich begegnen, unterstützen, und akzeptieren, dass Dinge nicht mehr sind wie vorher. Es gibt eine gute Nachricht für mich persönlich: Meine lieben Kollegen, mit denen ich zum Teil schon seit langen Jahren im Team arbeite, helfen der Firma wo sie können. Das stützt mich und macht es deutlich leichter mit der Situation umzugehen. Es macht sowieso unglaublich Spaß, eine eigene Firma zu haben in der Leute gerne arbeiten. Wie bei vielen andere kleinen Unternehmen ist der Weg daher auch bei uns klar. Der Kampf um die Normalität geht weiter… Wir halten durch!


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