Die momentane Zeit gibt mir mehr Fragen als Antworten. Mehr neugierig forschendes Beobachten als „mittendrin sein“. Und mehr in das „was wirklich ist, hineinspüren“ als in das „wie es zu sein scheint“.
Ich befinde mich in der glücklichen Situation, mich nicht um existentielle und gesundheitliche Dinge zu sorgen, sondern kann dem momentanen Geschehen auf anderen Wegen und aus anderen Blickwinkeln begegnen. Das ermöglicht mir einen Weitblick und eine ganzheitliche Sicht, die nicht durch Ängste oder Sorgen verstellt wird. Dafür bin ich sehr dankbar! Es ist wie auf einen Baum zu klettern mit der Gewissheit von einem starken Ast getragen zu werden und von dort auf die Welt zu blicken.

Was sehe ich nun, wenn ich von meinem Baum herunter blicke? Ich nehme die Natur als etwas intelligentes und auf Harmonie bedachtes Wesen war, mit einer sensiblen Ordnung, in der nichts ohne Grund passiert und alle Geschehnisse einem Prinzip von Ursache und Wirkung folgen – die sich im besten Falle selbst regulieren. Wenn ich dieses Bild nun auf unsere momentane Lage übertrage, stellt sich mir die Frage, wo genau haben wir in diese Ordnung eingegriffen und die Harmonie zum Kippen gebracht, so dass keine Selbstregulation mehr möglich ist? Wo müssen wir nun die Verantwortung unseres Handelns als eine Form der Reaktion übernehmen? Und wenn nichts für umsonst geschieht, worin besteht dann unsere Lernaufgabe in dieser Situation, wenn wir so den Spiegel vorgehalten bekommen? Ich halte uns grundsätzlich für kreative Wesen mit einem großen Potential für Veränderung und wenn wir in der Lage wären, die Energien wie Angst, Sorge oder Trauer, die durch die Geschehnisse ausgelöst worden sind, in konstruktive Bahnen zu lenken, tragen wir in uns die Möglichkeit, gestärkt aus diesem Wandel hervorzugehen und Neues zuzulassen. Ich wünsche uns Mut, sich trotz – oder gerade wegen – der für viele unsicheren oder belastenden Situationen neu aufzustellen und Positives in das Leben zu lassen.

Ein Satz, den mir eine Freundin neulich am Telefon sagte, hat mich sehr bewegt und wird es auch noch weiter tun, weil es darauf keine wirkliche Antwort geben wird. Sie sagte: „Ich habe seit Januar niemanden mehr berührt und bin seitdem auch nicht mehr berührt worden.“ Was macht es mit einer Gesellschaft und jedem einzelnen von uns, wenn von Nähe und Kontakt eine potentielle Gefahr ausgeht? Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn körperliche Entfremdung, Angst vor (zu viel) Nähe und mangelndes Gefühl des Eingebundenseins und der Geborgenheit sowieso schon weit verbreitet ist? Die Hürde mit sich und anderen so in einen guten und wirklich nährenden Kontakt zu kommen, wird immer größer; und die bisher empfundene Angst davor wird nun durch eine real existierende Sorge untermauert.

Ich habe den Beginn und das Fortschreiten von Corona im Ausland erlebt. Anfangs wurde ich noch wohlwollend und aufrichtig interessiert gefragt, wo ich herkomme. Je länger die Epidemie andauerte, desto mehr bekam die Frage plötzlich einen abschätzigen und sorgenvollen Anstrich, bis dahin, dass die Leute einen Schritt zurücktraten und sich die Hände desinfizierten als sie mitbekamen, dass ich deutsch sprach. Ich fühlte mich fremd, deplatziert und es war mir unangenehm, mich als Ausländerin zu outen, was ich in nachfolgenden Situationen zu vermeiden versuchte. Wie geht es den Menschen, die sich dauerhaft so fühlen müssen, die aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Aussehens (auch ohne Corona) stigmatisiert werden, die immer in dem Gefühl leben müssen, nicht willkommen und so wie sie sind, nicht richtig zu sein?

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