Marco, Konzertveranstalter / Personalreferent / Musiker

Als Corona in China anfing, hatte ich das anfangs eher beiläufig in den Medien verfolgt und war nur erstaunt darüber, wie schnell dort der Bau von Krankenhäusern umgesetzt wurde – im Grunde genommen das ganze Geschehen dort eher von außen beobachtet, jedoch nicht als ernsthafte Bedrohung für mich selbst wahrgenommen. „Ok, da ist jetzt irgendwas, aber tangieren tut mich das ja nicht wirklich!“ Als dann hier die ersten Fälle aufkamen, in Süddeutschland, waren die ja alle total glimpflich, da dachte ich noch, dass das ja nix großes sein kann. Und dann ging ja plötzlich alles Schlag auf Schlag, obwohl gefühlt hier noch gar nichts richtig angekommen war, die Politik aber schon anfing Panik zu schlagen, dass es total gefährlich wäre. Da war ich sehr perplex, in dem Moment für mich gar nicht wirklich greifbar. Anfang März hatten wir hier bei Rare Guitar als letztes Konzert vor dem ersten Lockdown ein Kiss Tribute Konzert. Da haben wir uns hier im Laden im Team noch drüber lustig gemacht und Fotos vom Corona Bier gemacht: „Oh Gott, nein! Kein Corona!“ Da hat man es noch belächelt. Dennoch hat man schon gemerkt, dass weniger Leute kamen, die wohl da schon meinten, lieber nicht mehr raus zu gehen. Und eine Woche später kam dann der erste Lockdown. Und dann standen wir plötzlich da und dachten „Scheiße, wie geht’s jetzt weiter?“ Da war ich noch fest davon überzeugt, dass der Lockdown nach einem Monat wieder aufgehoben wird und habe daher freiwillig auf ein Monatsgehalt verzichtet um den Laden zu entlasten – zu schützen. Ich sagte damals noch, dass das wirtschaftlich gar nicht machbar sei, den Lockdown länger als 1 Monat durchzuziehen, weil ich gedacht hab: „Wie wollen die das auffangen? Das ist nicht umsetzbar. Nicht realistisch!“ Ja, und als der Monat dann rum war, war das so… verflixt… bleibt jetzt wohl doch erstmal bestehen. Dann hat Rudi (Inhaber von Rare Guitar) schnell für uns alle Kurzarbeitergeld angemeldet und für sich selbst Hartz4 und dann war plötzlich auch alles viel näher an mir persönlich dran. Ich muss sagen, Angst vor dem Virus habe ich persönlich nach wie vor nicht so sehr, sondern derzeit tatsächlich mehr Sorgen, um die Folgen bezüglich der ganzen Verordnungen, welche dennoch bis zu einem gewissen Punkt natürlich derzeit richtig und jetzt gerade absolut notwendig sind. Was das ganze jedoch nach sich zieht, was da im Nachgang übrig bleibt, das halte ich gesellschaftlich für hochgradig gefährlich. Wir haben ja sowieso seit der Agenda 2010 eine sich verstärkende soziale Spaltung in Deutschland, der Mittelstand bricht immer mehr weg, ein Großteil fällt nach unten weg. Und durch diesen Prozess jetzt verstärkt sich das noch, dass kleine Unternehmen kaputt gehen im worst case, und Leute, die sowieso schon im Niedriglohnsektor arbeiten, zusätzlich mit am schwersten betroffen sind. Selbst wenn die Politik das jetzt finanziell durch fragwürdige Methode abfedert, ist für mich die Frage, wie das wirtschaftlich funktionieren soll!? Jetzt wird Geld gedruckt, ohne Ende. Die Europäische Zentralbank presst Geld, Beschränkungen für das Europäische Finanzsystem sind aufgehoben worden, um die Folgen des Lock-Downs abzufangen. Wie sollen die Schulden, die dadurch entstehen, bezahlt werden? Viele hochkarätige Ökonomen warnen bereits vor einer Inflation. Wir haben ja im Grunde genommen genug Geld, es ist nur ungleich verteilt. Und anstatt jetzt dafür zu sorgen, das Geld, was auf einer Seite zu Hauf akkumuliert liegt, frei zu machen – jetzt müssten die Vermögenden dies z.B mit einem Corona-Soli auffangen, aber da wird ja nicht dran gedacht, bzw. traut die Politik sich nicht dran, warum auch immer. Den Markt jetzt mit Geld zu fluten ist bestimmt nicht ungefährlich.
Auf der Alarmstufe Rot Demo hat Dieter Hallervorden eine ganz tolle Rede gehalten und von den ganzen Krisen-Gewinnern wie Amazon oder den ganzen Hedgefond Managern, die ohne Ende am zocken sind, eine Corona-Soli-Steuer gefordert. Dass die Politik da mal dran gehen sollte, dass die sich daran beteiligen. Das wäre für die sogenannte Elite sogar aus egoistischen Gründen sinnvoll dies zu machen, denn wenn es hier wirtschaftlich wirklich kollabieren sollte, dann ist deren Status ja auch nicht mehr so stabil. Und wenn die nur einen kleinen Teil abgeben würden um das aufzufangen, dann wären sie zwar nicht mehr ganz so weit weg von den anderen Menschen, aber immer noch weit genug, dass sie sich auf ihrem Status ausruhen könnten. Und sie hätten sogar noch aus egoistischen Gründen den Status quo erhalten. Das finde ich verrückt, dass die sich scheinbar darüber gar keine Gedanken machen. Ich glaube, an der Politik geht das eher vorbei. Ein Teil von denen steckt scheinbar in ihrer eigenen Blase und hat sich so weit entfernt vom realen Leben, dass so Leute, die sich mit drei Jobs über Wasser halten müssen, für die gar nicht greifbar sind. Oder sie wollen es nicht sehen. Jetzt mal ein Bilderbuchbeispiel: Familie , zwei Kinder, Eigenheim… „ja gut, dann müssen die halt zu Hause bleiben. Haben ja einen Garten.“ So kommt mir das teilweise vor. Als diese Spielplatzschließung waren, fand ich gut, dass Berlin sich dagegen gewehrt hat. Die haben gesagt: „Wir haben hier Familien, die leben in Zwei-Zimmer-Wohnungen. Die bringen sich gegenseitig um, wenn wir die zu machen.“ Ich find das auch sehr gut nachvollziehbar. Es ist schwierig, aber die Frage ist ja, was ist ein gesunder Mittelweg?! Wo ist welcher Schaden höher? Klar, an Corona sterben ist scheiße! Andersrum sind die Psychotherapiepraxen voll bis zum Umfallen. Die Kassenärztliche Vereinigung hat kürzlich noch einen Bericht veröffentlicht, dass die Psychotherapiekosten total in die Höhe gehen. Gerade jetzt in der Winterzeit, die jetzt kommt. Ich möchte nicht wissen, was da passiert! Man sagt, die Sorgentelefone sind am brennen ohne Ende. Wie wägt man es ab? Ich persönlich finde den aktuellen Weg ok, wenn man als Bemessungsgrundlage die Intensivbettenbelegung nimmt, weil die ja tatsächlich jetzt an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, was man liest. Deswegen kann ich mich prinzipiell schon damit anfreunden. Aber so ein allgemeiner Messfaktor, der so ein bißchen abwägt, ab wann kippt es ab, wann nicht, so ein Mittelweg fehlt. Für mich war es gefühlt so, dass alles pauschal niedergekloppt wurde. Von der Theorie ist das ja richtig. Wenn wir jetzt alle ein halbes Jahr zu Hause bleiben, dann wird das Virus schon irgendwie verschwinden. Aber das ist ja vollkommen an der Lebensrealität vorbei… Damit tue ich mich persönlich sehr schwer.

Im Sommer, als die Zahlen sehr niedrig waren, da hätte ich mir ein bißchen stärkere Öffnungen gewünscht, dass man da so eine Waagschale gehabt hätte. Es gibt ja auch einige Stimmen, die eine Corona-Ampel fordern, wo man mehrere Messfaktoren zusammen nimmt. Sowas würde auch für mich das ganze ein bißchen greifbarer machen. Die Regulierungen wären für viele besser nachvollziehbar. Damit hätte man Leuten, die sich jetzt sehr radikalisieren, auch etwas das Fahrwasser genommen und diese Radikalisierung besser unterbinden können. Es würde mehr der Wahrnehmung der Personen entsprechen, die da betroffen sind. Diese ganzen Diskussionen hätten wir ja eigentlich gar nicht, wenn wir diesen wirtschaftlichen Druck nicht hätten, der jetzt auf vielen Leuten lastet. So eine Corona-Soli-Steuer wäre jetzt auch nichts untypisches. Nach dem Zweiten Weltkrieg zum Beispiel gab es eine Soli-Steuer den sogenannten Lastenausgleich für Menschen, die bspw. deutlich weniger Kriegsschäden an Ihrem Eigentum hatten. Von 1952 an gab es diese Sonderabgabe, die wohlhabendere Menschen zahlen mussten, um z.B den Wiederaufbau von Wohnraum zu fördern. Ist ja auch fair. Das wäre eine Maßnahme. Radikale Spinner wird es immer geben, aber die ziehen ja auch grad die Leute an, die sozial drunter leiden, aber vor allem auch wirtschaftlich. Da hätte man viel früher Konzepte entwickeln müssen, um das abzufedern. Jetzt macht man so ein bißchen was. Aber der Teil der Gesellschaft, der ja vor allem in Krisen auch immer sehr viel Geld verdient hat und sich fein rauszieht, die müssten jetzt insbesondere in die soziale Verantwortung genommen werden. Weltweit. Nicht nur auf Deutschland oder Europa bezogen. So etwas einzuführen halte ich für politisch schon machbar, wenn der Wille da ist. Ich wundere mich, dass die Personen, die auf unserem Planeten an der Spitze stehen, selbst nicht mal auf die Idee kommen, einfach zu sagen, ich behalte lieber die gesellschaftlichen Strukturen bei, bevor hier alles auseinander fliegt.

Bei Rare Guitar haben wir den Konzert- und Kneipenbetrieb erstmal stoppen müssen. Der Einzelhandel durfte zum Glück weiter offen bleiben. So kam zumindest ein wenig Geld in die Kasse, auch durch die Proberäume, die hier drunter sind und deren Musiker, die Ihre Drinks, Snacks und Musiker Zeugs extra bei uns gekauft haben. Wir haben ganz großartige Solidarität erfahren. Ganz viele Stammgäste haben gefragt, wie sie spenden können. Wir haben dann einen Merchverkauf eingerichtet, da konnten die Leute uns durch Bestellungen unterstützen. Das ist sehr gut angenommen worden und das bieten wir jetzt auch nochmal an, haben den fürs Weihnachtsgeschäft sogar noch mit extra Zeugs aufgestockt. Als im Sommer alles etwas gelockert wurde, hat Heli (Auszubildender bei Rare Guitar) ein wirklich tolles Rockkneipenkonzept entwickelt, wo die Leute auch viel vorm Laden draußen sein konnten. Mit dem Außenbereich hier geht das ja Gott sei Dank. Da konnten wir dann noch ein bißchen Umsatz generieren. Jetzt ist es kalt, der Außenbereich fällt weg, und wir haben wieder nur den Einzelhandel. Ich persönlich rechne nicht damit, dass die Einschränkungen Ende November wieder aufgehoben werden. An eine vorzeitige Aufhebung glaube ich im Leben nicht. Das geht jetzt bis März garantiert so weiter. Minimum. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass die vielleicht sagen, ok, jetzt über Weihnachten heben wir die Regelungen auf, aber danach setzen wir sie sofort wieder fest. Denn da hat die Politik doch zu viel Angst, dass sie zu starken sozialen Unfrieden generieren.
Ich persönlich bin ja auch stark davon betroffen. Nicht nur über Rare Guitar, das sind wir ja alle hier im Team, und Rudi als Inhaber natürlich ganz besonders. Derzeit bin ich immer noch auf Kurzarbeit, und kann deswegen ja leider auch nicht wirklich sicher planen. Ich sag mal in Anführungsstrichen „Berufsverbot“. Und das Konzertbooking mache ich ja auch nur in Teilzeit. 2018 bin ich bei zwei Freunden in ein Start Up als Gesellschafter mit eingestiegen, M.Reich heißt die Firma, und wir machen biozertifizierte Medizinprodukte und Lebensmittel für Reformhäuser / Bioläden / Apotheken. Für uns als Start Up ist das jetzt unter diesen Umständen gar nicht so einfach, weil wir auf dem Markt bisher ja noch gar nicht so breit vertreten sind. Wir brauchen Messen, um uns zu präsentieren. Normalerweise mache ich viele Schulungsseminare, als Referent bei Schulungseinrichtungen für Reformhäuser, Apotheken und Bioläden. Das ist natürlich auch alles weggefallen. Da kann ich auch nichts machen, um das voran zu bringen, und bin auf Kurzarbeit. Für mich ist das schon ein herber finanzieller Einschnitt, vor allem, wenn man bei einer Firma als Gesellschafter finanziell mit drin hängt. Da bekommt man dann schon auch wirklich Existenzängste, dass mir da alles flöten geht, die Firma wegbricht. Und wenn mir im schlimmsten Falle das hier, mit Rare Guitar auch noch wegbrechen sollte – der Laden die Krise nicht überlebt, dann stehe ich quasi mit Nichts da, von dem was ich mir zusammen mit den anderen über die Jahre aufgebaut habe, solange ich nicht staatlich aufgefangen werde. Mir kommt gerade wirklich nur zu Gute, dass ich immer sehr sparsam gelebt habe. Eigentlich lebe ich schon immer wie ein Student, schon immer in einer WG, hab mir nie großartig was gegönnt, immer auf Sparflamme gelebt, damit ich die Konzertreihen in Münster aufbauen kann. Dafür hab ich dann mein ganzes Geld verwendet oder in die Firma gesteckt. Privatvermögen habe ich quasi nicht, und da gibt es in dem Sinne auch keine große Reserve. Das kommt mir jetzt wirklich zu Gute, dass ich nicht wie andere in meiner Altersklasse lebe – Freunde, Bekannte, die ihr erstes oder zweites Kind gekriegt haben, sich z.B mit Krediten ne Doppelhaushälfte gekauft haben und jetzt dastehen und das nicht abbezahlen können. Davon bin ich jetzt nicht betroffen. Trotzdem macht mir das natürlich Sorgen. Meine Existenzen habe ich halt woanders. Das schlimmste ist eigentlich, dass man sich in solchen Momenten dann fragt, wofür man das eigentlich alles gemacht hat. Man denkt, man tut sowas für die Szene, bietet den Leuten was. Das betrifft ja nicht nur mich, dass betrifft ja alle Kulturschaffenden, Künstlerinnen und Künstler selber, dass man denkt: „Irgendwie Scheiße! Eigentlich habe ich der Gesellschaft immer was gegeben!“ Viele Leute, die im Kulturbereich tätig sind, haben weiß Gott nicht die Einnahmen, wie viele immer so meinen. Das sind vielleicht zwei-drei, die fett im Geschäft sind und die anderen dann eben nicht. Die meisten in dem Bereich sagen halt: „Komm, mir macht die Arbeit so viel Spaß, ich nehme mich finanziell eher zurück, um der Gesellschaft etwas geben zu können, was mir selbst Freude bereitet, insbesondere zu sehen, das man damit andere Menschen glücklich macht!“ Es ist ein wirklich schönes Gefühl zu sehen, wie die Leite nach einem Konzert strahlend bei uns aus dem Laden gehen – sich oft auch bei uns für diesen schönen Abend bedanken, Sie vielleicht auch Ihrem zum Teil beschissene Alltag etwas entfliehen konnten! Jetzt hat man aber eher das Gefühl, auf uns wird, auf gut Deutsch gesagt, von der Politik und einem großen Teil der Gesellschaft einfach geschissen. Die Politik sowieso, was man auch daran sieht, wie man sich da Gehör verschaffen musste. Teilweise aber auch von Leuten, wo man so denkt, die nehmen es mit, wenn es da ist. Aber wenn es nicht da ist, dann ist es auch egal. Da hinterfragt man sich manchmal schon so ein bißchen, ob man selbst vielleicht in einer Blase gesteckt hat, dass den Leuten das vielleicht gar nicht so wichtig ist, wie man gedacht hat. Und da fragt man sich natürlich auch, wenn es wieder weitergeht, mache ich so weiter? Mache ich überhaupt weiter? Man entwickelt Selbstzweifel. Dass man das Gefühl hat, es wird nicht ausreichend wertgeschätzt. Obwohl man sich in diesem System, in dem man viel Kohle ranschaffen soll, ja schon zurück stellt, um Dinge anderweitig zu ermöglichen. Und dann wird es einem so gedankt. Das ist schon frustrierend.

Allerdings bin ich aber auch eher ein pessimistischer Mensch. Manchmal stört mich das selber an mir, aber so gesehen ist es ganz gut, weil ich immer vom Schlimmsten ausgehe und mir dementsprechend auch immer schon Alternativen zurecht lege, wie es weiter gehen kann. Da ist mein Kopf dann schon am arbeiten. Ich befürchte im schlimmsten Fall, je nachdem, wie lange das jetzt noch dauert… Am meisten Sorge macht mir das Inflationsgeschehen. Ich bin zum Beispiel sehr sehr skeptisch, ob die europäische Währungsunion die Krise überleben wird. Da glaube ich derzeit leider eher nicht dran, dass das funktionieren wird, weil die Verschuldung der Länder, speziell im Süden, jetzt schon zu hoch ist. Das kann die EU gar nicht mehr auffangen. Schon durch die Finanzkrise 2008, da ist ja gar nichts gestoppt worden, es sind keine vernünftigen Konzepte entwickelt worden, um die Banken im Euroraum unter Kontrolle zu bekommen. Die EZB ist ja seitdem die ganze Zeit über am Geld drucken, und jetzt hat sie schon wieder Geld auf den Markt geschwemmt. Das sag ja nicht nur ich. Es gibt auch viele hochkarätige Ökonomen, die mittlerweile heftigst davor warnen. Das ist so meine größte Angst. Und wenn die Inflation wirklich kommt, dann will ich nicht dabei sein, wenn hier auf den Straßen das Hauen und Stechen losgeht, hier dann wirklich was explodiert oder emotional kollabiert, dass die Leute sich gegenseitig an die Gurgel gehen. Das ist so das, was mir Momentan am meisten Angst macht, weil ich nicht sehen kann, wie die Politik diesen Geldfluss, den sie losgetreten hat, wieder einfangen will. Das halte ich überhaupt nicht für machbar. Wenn wir Glück haben, haben wir Corona selber im Idealfall im Herbst nächsten Jahres durch. Zumindest, dass wir medikamentös was haben. Aber das ist genau das Ding… Wenn Corona vorbei ist… Diese Nummer, die wir da losgetreten haben, dass plötzlich vergemeinschaftete Schulden in der EU gemacht werden dürfen, ein ursprünglich gesetzliches Verbot, dass nun aufgehoben wurde und damit zusätzliche Gefahren mit sich bringt, was das BVG in Deutschland auch schon während der Finanzkrise gerügt hat. Das sind so Dinge, die mir durch den Kopf gehen. Am meisten Angst habe ich, dass unser soziales Gefüge kollabiert, und selbst wenn wir Corona dann „besiegt“ haben, hilft uns das auch nicht weiter. Denn dann sagen die Leute vielleicht „Super, jetzt kann ich kein Corona mehr kriegen, aber meine Existenz ist zerstört und die hole ich mir anderweitig zurück!“ Und dann geht’s hier ab. Hau die Luzie.
Trotzdem hab ich auch versucht was Gutes draus zu ziehen. Eine Zeit lang hab ich gedacht, Corona zeigt ja auch, wie entartet unsere Marktwirtschaft zum absoluten Kapitalismus verkommen ist – bin ja absolut kein Gegner von Marktwirtschaft, aber was wir aktuell haben, ist ja ein total kranker Kapitalismus, das hat meiner Meinung nach mit Marktwirtschaft nicht mehr wirklich etwas zu tun. Corona führt einfach mal vor Augen, wie krank dieses System eigentlich ist. Von wegen, wer produziert wie, wo, im Ausland, dass die Ketten nicht funktionieren, alles zusammen bricht, wie pervers reich manche Menschen sind, die nochmal wieder reicher werden, dass die arme Unterschicht noch ärmer wird und dass die Menschen dann, wenn Corona vorbei ist vielleicht merken: „Mensch, so geht es nicht weiter! Wir müssen irgendwie anders, nachhaltiger wirtschaften, unsere Mentalität ändern.“ Was schön wäre, dann hätte das zumindest noch etwas Positives. Aber ich habe, so hart das klingt, die Hoffnung, den Glauben an die Menschheit verloren. Ich glaube, wenn Corona vorbei ist, wird da noch zwei-drei Jahre drüber gesprochen, und dann interessiert die Leute das überhaupt nicht mehr. Dann wird das so sein… „Ach, Corona!? War halt ein Scheißjahr, war ’ne blöde Zeit. Egal, jetzt machen wir so weiter!“ Ich befürchte darauf wird’s hinaus laufen.


Die letzten Interviews stehen an. Dann ist das Projekt Faces in Times of Corona beendet. 14 Monate habe ich die Pandemie nun schon mit meiner Kamera begleitet. Demnächst werden viele der Bilder im Stadtmuseum Quakenbrück gezeigt. Damit dir nichts entgeht, trag dich doch ganz fix für meinen Newsletter ein.

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