Als Corona anfing war ich in einer Ausnahmesituation, weil ich gerade mit meinem Büro umgezogen bin und ich leider kurz davor einen Mitarbeiter entlassen musste. Ich bin also von diesem Ausnahmezustand in den Corona-Ausnahmezustand gewechselt. Und meine verbleibende Mitarbeiterin ist seit Mitte März im Homeoffice, das heißt, ich bin also Einzelkämpfer in meinem Büro. Ich bin also auf jeden Fall sowieso schon seit längerer Zeit außerhalb meiner Comfort-Zone gewesen. Deswegen war Corona für mich nicht so ein einschneidendes Erlebnis, sondern es war einfach nur was anderes, was mich doch sehr beeinflusst oder beeinträchtigt hat und ist in sofern eigentlich nur eine weitere Herausforderung, die ich zu bewältigen habe. Davon abgesehen ist es ja so, dass ich als Steuerberater jetzt nicht in der Situation stand, dass ich auf einmal keine Arbeit mehr habe und keine entsprechenden Einnahmen haben würde. Sondern es ging halt darum mich irgendwie zu organisieren, damit das Ganze ohne großen Schwund bewältigt werden kann.

Im Grunde genommen habe ich seit langem schon die Absicht und den Trend, mich zu reduzieren. Insofern war Corona für mich durchaus hilfreich das weiter zu entwickeln, mich sozusagen auf meine eigenen Sachen zurück zu ziehen und nicht mehr nach außen zu gehen, in irgendwelche Lokalitäten und so weiter. Man hat auch nicht mehr das Gefühl, man verpasst irgendwas. Das war durchaus hilfreich, mich auf mich selber zu fokussieren. Ich habe für mich festgestellt, das ich Langeweile für unterbewertet halte. Langeweile kann bewirken, dass wir uns mit etwas beschäftigen, mit dem wir uns normalerweise selten beschäftigen: mit uns selbst. Wer sich langweilt, beginnt zu schauen und zu entdecken, hat Brian Eno einmal gesagt. Für Hannah Ahrendt war Einsamkeit Freiheit. Ich habe die Zeit des Lockdowns genutzt, um mein Umfeld von allem zu befreien, was ich als toxisch wahrgenommen habe. Ich habe Achtsamkeit für mich selbst geübt. Habe Tagebuch geschrieben, meine Gedanken fokussiert. Diese Phase hat die Menschen geteilt in jene, die die Situation als Chance sehen, Neues in sich zu entdecken und jene, die so gar nichts damit anfangen können, was sie jetzt entdecken, wo der äußere Input ausblieb und das ein oder andere aus der hinteren Ecke des eigenen Selbst zum Vorschein kam.

Ich fühle mich von Corona nicht bedrängt. Meine Mitarbeiterin, die im Homeoffice ist, ist leider Risikopatientin. Sie ist zwischenzeitlich auch immer mal im Büro gewesen und da bin ich auch immer bemüht, darauf zu achten, dass da kein Riskio für sie entsteht. Und ich versuche auch für mich, mich so verantwortlich zu verhalten, wie ich es als Arbeitgeber sein sollte. Für mich verändert hat sich das Bewusstsein, dass man sich nicht als Insel betrachten darf, sondern dass man sich als Teil der Gesellschaft betrachten muss und sich unter diesem Aspekt verantwortlich verhalten sollte. Das gilt ganz besonders für die ganzen Verhaltensregeln im Zusammenhang mit Corona. Ich glaube, es wird Leute geben, die mit Corona und allem, was damit zusammenhängt was machen werden, die sich da neu positionieren werden. Es wird aber auch immer Leute geben, die ihren alten Stiefel so wieder aufnehmen werden, wie sie es vorher gelebt haben. Ballermann und alles was dazu gehört. Es wird eine schärfere Trennlinie geben zwischen beiden Gruppierungen. Aber wie groß die einzelnen Gruppen werden, das kann ich nicht einschätzen.

Social Distancing hieß es anfangs – wer hat dieses Wort eigentlich erfunden? Physical Distancing wäre der viel bessere Terminus. Physical Distancing führt nicht zwangsläufig zu Einsamkeit. Es bedeutet Reduktion. Die im besten Fall zu Kontemplation führt. Die Menschen sind trotz Abstandsregeulungen zusammengerückt. Ich habe deutlich mehr als sonst telefoniert. Die geänderten Rahmenbedingungen haben uns veranlasst, mehr auf die Menschen in unserem Umfeld zu achten. Andere wiederum tun das gerade nicht. In der Krise zeigt sich der Charakter der Menschen. Außerhalb der Komfortzone, ohne gewohnte äußere Parameter, bekommen die eigenen Charaktereigenschaften größeres Gewicht. Das Coronavirus betrifft ausnahmslos alle Menschen. Weltweit. Gemeinschaftliches Handeln ist jetzt wichtig. Diejenigen, die das nicht begriffen haben, ergehen sich als in abseitigen Verschwörungstheorien. Ich war zunächst sehr verunsichert darüber, wie man jetzt damit umgehen soll. Ich denke Corona ist im Grunde genommen ein Katalysator. Und ich denke, der Corona-Katalysator fördert das zu Tage, wie sich Menschen in Krisen verhalten. Und da gibt es halt Leute, die damit umgehen können und die Leute, die es nicht können. Und das sieht man auch bis heute. Mich hat es in meiner Einstellung bestärkt, mich von letzteren fern zu halten. Ein ehemals guter Freund hat sich als Hardcore-Aluhutträger-Verschwörungstheoretiker geoutet und der konnte nicht mit dem Umstand umgehen, dass ich nunmal nicht so leichtgläubig bin und der hat mir dann die Freundschaft gekündigt. Was ich aber unter dem Strich betrachtet nicht wirklich als Verlust empfinde, weil diese Freundschaft sowieso von grundlegenden inhaltlichen Differenzen geprägt war, die ich bis zu diesem Zeitpunkt immer ein bißchen weggeschoben habe. Durch Corona war das halt die Stunde der Wahrheit und da hat sich dann aus meiner Sicht die Spreu vom Weizen getrennt.

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