Lukas, Freelance Application Developer/B&B Betreiber/Musiker

Als Corona anfing, zwischen Ende Januar und Anfang März, als klar wurde, dass die da in China eine Millionenstadt wegen Corona dicht machen, da wusste ich, dass das nicht spurlos an uns vorüber gehen wird und dass wir da auf jeden Fall mit zu tun kriegen. Aber wie krass das dann werden würde, das war natürlich nicht abzusehen.
Für meine selbstständige Tätigkeit in der Pension war das natürlich ein herber Rückschlag, als da nichts mehr passiert ist. Eigentlich war der zweite Lockdown sogar noch schlimmer. Im Sommer war noch mehr los. Ich hab zwar kein Geld mehr verdient, aber ich hab dann auch keins mehr ausgegeben, ganz schlagartig. Denn das eigentlich Schlimme, jenseits der wirtschaftlichen Aspekte war, dass das kulturelle Leben auf einmal lahmgelegt war. Für mich als Musiker natürlich die Höchststrafe. Keine Konzerte, keine Kneipe, keine Partys mehr. Und dass ich Bock gehabt hätte plötzlich mal so eine Ruhephase zu durchleben und Corona was Positives abgewinnen könnte, soweit ist es nie gekommen. Das ist nämlich nicht der Fall. Das ist eigentlich nur negativ. Es gibt wohl niemanden, der sich davon freimachen kann irgendwie unter der Situation zu leiden. Ich bin allerdings auch Realist und es ist klar, dass es irgendwann wieder vorbei sein wird. Aber natürlich belastet einen das. Du bist ja damit beschäftigt, ob du willst oder nicht. Schön finde ich das alles nicht. Aber es ist auch nicht so, dass ich verzweifelt zu Hause sitzen würde und nicht wüsste, was ich mit meiner Zeit machen soll. Da gibt’s immer genug zu tun.
Im Sommer war es mit Corona auch deswegen nicht so schlimm, weil man mehr draußen machen konnte. Es haben ja auch noch Veranstaltungen stattgefunden. Hier haben ja Konzerte in und vor den Clubs, outdoor mit entsprechenden Abstandsregelungen, stattgefunden. Aber im Herbst, wenn es draußen kalt wird, dann kannst du so etwas nicht mehr machen. Geht halt nicht. Und diese kulturellen Einschränkungen haben mich mehr betroffen als die wirtschaftlichen Setbacks. Was daran liegt, dass ich glücklicherweise keine Sorgen haben musste, in Hartz4 abzurutschen. Was ja doch durchaus einigen Leuten jetzt passiert ist. Auch Leuten, die ich persönlich kenne. Ich wusste, dass ich da schon irgendwie über die Runden komme. Und wenn man sich nicht besonders viel aus Geld macht, dann ist das nicht so schlimm, als wenn man darauf angewiesen ist. Meine musikalischen Aktivitäten haben schon am meisten darunter gelitten. Man spielt ja am liebsten live. Als es nach dem ersten Lockdown wieder ging, haben wir natürlich weiter geprobt und haben mit meiner Band „Heretic Warfare“ sogar eine Platte rausgebracht. Für die hätten wir natürlich auch gern eine Release Show oder sogar eine kleine Tour gespielt. Das liegt jetzt alles auf Eis. Trotzdem war das was, was spannend war, womit man sich beschäftigen konnte. Bis Anfang November konnten wir ja auch proben, das war dann immer das Highlight der Woche.

Meine Mutter gehört aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe. Da ist man natürlich vorsichtiger geworden und wir haben uns dann schon eingeschränkt. Im ersten Lockdown hab ich auch noch alle möglichen Besorgungen für sie erledigt. Das haben wir jetzt im zweiten Lockdown nicht mehr so krass gemacht.
Ich selber hab natürlich Respekt vor der Krankheit, weil ich das als wissenschaftlich orientierter Mensch einordnen kann. Oder mir zumindest einbilde, das einordnen zu können. Das sorgt zum einen für Respekt, aber zum anderen auch dafür, dass ich jetzt nicht in Panik gerate, weil das Risiko, dass ich daran schwer erkranke oder sogar sterbe, gering ist. Nichtsdestotrotz möchte ich die Erkrankung natürlich lieber nicht kriegen. Ich setze jetzt alle Hoffnung in die Impfung, weil ich glaube, dass das die einzige Möglichkeit ist. Eine andere Möglichkeit haben wir nicht. Diejenigen die das nicht so sehen, Stichwort „Impfgegner“, das finde ich schon krass. Das ist überhaupt nicht meine Welt und es ist mir völlig schleierhaft, wie diese Leute das vor sich selber gerechtfertigt kriegen. Das ist der Schlüssel ist, aus dieser Sache raus zu kommen und wieder zum normalen Leben zurück zu kehren. Mit den Einschränkungen durch das Virus müssen wir jetzt vermutlich mindestens noch ein halbes Jahr weiter leben. Meine Theorie ist Mai/Juni/Juli, da wird sich das wieder entspannen. Wenn die Fallzahlen sinken, werden auch die Maßnahmen wieder runtergeschraubt.
Aber leider bin ich bin mir auch sehr sicher, dass alles was wir jetzt an Ressourcen eingespart haben, nach Beendigung der Maßnahmen doppelt und dreifach verbraucht werden wird. Ich denke nicht, dass wir uns in Richtung Nachhaltigkeit verbessern werden. Die Möglichkeit dazu wäre natürlich da gewesen. Ich befürchte aber, dass wir sie ungenutzt verstreichen lassen.

Am Anfang im ersten Lockdown war ich von der Administration, den Maßnahmen und von der Durchführung positiv überrascht. Das ist jetzt beim zweiten Lockdown ein bisschen gekippt. In erster Linie weil er gescheitert ist. Dieser Lockdown light hat nicht funktioniert. Die Leute neigen immer dazu ihren Frust an den Politikern abzulassen. Klar ist die Inkompetenz der Politiker allgegenwärtig – wir haben es hier immerhin mit der CDU zu tun. Ich glaube aber, dass es ein Politiker in unserer individualistischen Gesellschaft in einer Situation wie dieser sehr schwer hat, das Richtige zu tun, weil er immer genauso viele Leute finden wird, die es gut finden, wie Leute, denen die Maßnahmen zu weit gehen. Ich glaube, dass wir in einer Gesellschaft, die so viel Wert auf Individualismus und Eigenverantwortung legt, auch eine andere Messlatte an uns selbst anlegen müssen. Letztendlich hat der Lockdown light auch deshalb nicht funktioniert, weil die Leute sich nicht vernünftig an die Regeln gehalten haben. Und da kann Jens Spahn nichts für.
Nichts desto trotz habe ich mich natürlich auch über einige Entscheidungen aufgeregt, die für mich nicht nachvollziehbar waren. Ich finde das z.B. total Banane mit den Gottesdiensten. Ich kann natürlich nachvollziehen, dass das für manche Leute wichtig ist. Kirchen hätte ich als erstes geschlossen – bis auf Weiteres. Aber infantil-mystischer Ablasshandel auf Kosten Anderer war ja schon immer das Spezialgebiet der Kirche.

Letzten Endes bin ich viel enttäuschter von meinen Mitmenschen als von den Politikern. Politik in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft ist ein zähes Geschäft der Kompromisse, des kleinsten gemeinsamen Nenners. Sehr ungeeignet zur Bewältigung von plötzlich auftretenden Krisen wie der Momentanen. Da ist der Einzelne gefragt – das Individuum, das sich zweckdienlich verhält. Und was sehe ich? Ich sehe jede Menge Egozentriker, die, getrieben von ihrer Konsumsucht in die Läden strömen oder durch die Weltgeschichte reisen. Gegenteilig zu dem handeln was die Ratio gebietet. Nicht das Vernünftige tun, sondern das, was ihnen nicht verboten wurde. Und anschließend die Politik dafür verantwortlich machen, dass das alles nicht hinhaut. Das passt für mich nicht zusammen und lässt mich an den Möglichkeiten, die wir als Gesellschaft zukünftig haben, zweifeln. In meinem Bekanntenkreis sind Coronaleugner zum Glück fast nicht präsent. Man befindet sich ja in seiner eigenen Blase und solchen Leuten begegnet man ja eigentlich nur in den sozialen Medien, die da sowieso nicht mit sich reden lassen. Diese Leute ärgern mich nicht nur, weil sie dazu neigen ihre abwegigen Meinungen offensiv kundzutun, sie tun mir vor allem leid, da ihre eigentlichen Probleme viel substantiellerer Natur sind. Das sind letzten Endes die Gleichen die auch sonst zu Entfremdung und zur Spaltung innerhalb der Gesellschaft führen. Die Leute sind zu ignorant. Und dabei zu überheblich und zu dekadent, Stichwort Wohlstandsverwahrlosung.
Diese Probleme waren schon vorher da, werden aber durch Corona deutlich sichtbar.
Ob die Maßnahmen gerechtfertigt sind?!… Wie will man da ran gehen? Was ist uns ein Menschenleben wert? Eigentlich ist es in unserem Kulturkreis ja so, dass da nichts drüber geht. Deshalb müssen wir alles dafür tun, um Menschenleben zu retten. Man muss das aber nicht so sehen. Es gibt Gesellschaften, z.B. die USA, denen ist letztlich gar keine Möglichkeit geblieben. Weil die das nämlich so gar nicht in den Griff gekriegt haben. Das ist natürlich brutal und etwas, was ich auf keinen Fall will. Wobei man sich angesichts der aktuellen Situation hierzulande auch langsam fragen kann, ob wir nicht ähnlich kolossal scheitern werden. Ich denke mit den ganzen Maßnahmen von weich bis hart… am Ende des Tages wird der Mensch nur unter Druck handeln. Wenn der Druck nicht groß genug ist, dann bewegt er sich nicht. Weder was seine Einstellungen angeht, noch in seinem Handeln. Wir als Menschen sind grundsätzlich nicht gut im vorausschauenden Handeln. Das ist im ganz Kleinen so, z.B. beim Rauchen, und auch im Großen, wenn wir es mit Umweltzerstörung oder einer Pandemie zu tun haben. Auch deswegen gehe ich persönlich eher davon aus, dass das, was wir gerade erleben keine einmalige Sache bleiben wird, sondern erst der Anfang ist. Bis irgendwann etwas kommt, das den nötigen Druck erzeugt. Aber da das alles natürlich sehr hypothetisch ist und auch ich lieber gut als schlecht gelaunt bin, wünsche ich mir, dass ich möglichst schnell wieder meinem geliebten Lifestyle mit viel Bier, Musik und netten Leuten nachgehen kann.


Die letzten Interviews stehen an. Dann ist das Projekt Faces in Times of Corona beendet. 14 Monate habe ich die Pandemie nun schon mit meiner Kamera begleitet. Demnächst werden viele der Bilder im Stadtmuseum Quakenbrück gezeigt. Damit dir nichts entgeht, trag dich doch ganz fix für meinen Newsletter ein.

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