Am Anfang war ich sehr optimistisch. Ich habe lange gedacht, dass es sich schnell wieder legen würde und habe dann Tag für Tag realisiert, was das für mich eigentlich bedeutet und dass meine Pläne alle auf Eis liegen. Das hat mich sehr entschleunigt und ich habe mich gegen diese Entschleunigung lange gewehrt, weil ich dazu keine Lust hatte. Ich hatte gerade angefangen, meine Bachelorarbeit zu schreiben und dann wurden die Bibliotheken geschlossen und ich kam nicht mehr an die Bücher. Ich war an einem Punkt, wo ich mich nochmal richtig reinhängen wollte und da kam Corona und bremste mich komplett aus. Mir fehlte, nachdem ich mich den ganzen Tag um meine Tochter gekümmert hab, abends auch der Drive, mich noch an meine Bachelorarbeit zu setzen. Ab April hätte ich mein Praktikum angetreten können, was nicht funktioniert hat. Zum einen, weil die Betreuung meiner Tochter nicht gewährleistet war, aber auch, weil die hygienischen Vorgaben dort nicht umgesetzt werden konnten. Das Praktikum wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Damit habe ich mich zuerst zwar abgefunden, als ich aber gesehen habe, dass das so schnell kein Ende haben wird, hat mich das sehr unruhig und fast ein bisschen wahnsinnig gemacht. Inzwischen habe ich mich damit arrangiert und meinen Rhythmus gefunden. Zwischendurch ist mir aber schon die Decke auf den Kopf gefallen. Ich hoffe, dass ich jetzt, wo die Kitas wieder aufmachen, langsam weiterarbeiten kann, weil ich im Oktober mit dem Master anfangen möchte.

Erst dachte ich, dass es schön ist, dass ich mit meiner Tochter Sachen machen kann, für die ich sonst nicht so viel Zeit finde. Zu Anfang war ich super enthusiastisch und habe mir jeden Tag etwas Neues ausgedacht. Unsere Tochter hat die Situation ganz entspannt genommen und hat das gar nicht hinterfragt. Die hat sich eher über die Zeit mit uns gefreut. Aber irgendwann habe ich auch gemerkt, dass mir der Ausgleich fehlt. Wenn man den ganzen Tag nur Mutter ist und dann abends nicht noch irgendwas anderes machen kann, z.B. Musik oder Uni… Dass es dann nur noch Familienleben war, das hat mich echt an meine Grenzen gebracht. Deswegen freue ich mich, dass die Situation sich jetzt entspannt.
Durch Corona werden einige gesellschaftlichen Probleme auch noch mal deutlicher. Zum Beispiel der emanzipatorische common struggle. Viele Frauen* tragen zurzeit eine doppelte Last. Ich habe zum Vater unserer Tochter auch gesagt, dass ich ihn schon sehr um seinen Job beneide. Er beneidet mich wiederum um die Zeit mit unserer Tochter. Fifty-fifty wäre die Lösung.

Ich bin Singer- Songwriterin und hatte über den Sommer super viele Auftritte geplant. Darunter waren viele Konzerte, auf die ich mich besonders gefreut habe und die sind alle ins Wasser gefallen. Ich mag gar nicht darüber nachdenken, was das alles langfristig für die Kulturszene bedeuten wird. Obwohl es auch viel Raum für Neues bietet und zum Umdenken anregt. Erstmal ist die Situation jetzt aber ziemlich scheiße. Konzerte sind schließlich auch eine Möglichkeit, mit Leuten in Kontakt zu treten und teilzuhaben. Ich kenne so viele Leute, die sich hauptsächlich auf solchen Veranstaltungen mit anderen Menschen vernetzen, und das fällt jetzt alles weg. Ich habe nicht so eine große Bindung an Orte, aber ich habe eine große Bindung an Menschen. Für mich waren Bahnhöfe immer wichtig, um zu diesen Menschen zu gelangen. Dieser Vernetzungsgedanke ist durch Corona total gestört worden. Ich führe momentan eine Fernbeziehung und ohne eigenes Auto auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen zu sein, erschwert das zurzeit ungemein.

Ich finde, die Corona-Maßnahmen konnte man den Leuten für eine Weile schon abverlangen. Obwohl an vielen Enden mehr Unterstützung hätte möglich sein müssen. Gerade für Alleinerziehende oder Menschen, die mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben, hätte man schon vieles anders machen können. Die Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen empfinde ich aber als ein krasses Statement gegen die Solidarität in unserer Gesellschaft und finde sie völlig daneben. Ich denke, dass unser Verhalten in Zeiten der Lockerungsmaßnahmen zu einer zweiten Welle beitragen wird und dann gehen wir halt alle wieder nach Hause. Ich glaube aber, dass sich durch die Situation der Umgang mit Hygiene in der Öffentlichkeit positiv verändern wird. Ich finde, man kann sich daran gewöhnen, dass man in öffentlichen Räumen eine Maske trägt. Das ist in Ordnung und zum Teil ja auch effektiv und ich sehe das auch als einen Dienst, den man der Gesellschaft leisten kann.

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