Eine chinesische Mitarbeiterin von uns, war gerade in China, als die ersten Fälle in Wuhan bekannt wurden, um mit ihrer Familie das Neujahrsfest zu feiern. Da fing schon unter den Kollegen die Sorge an, wenn sie zurück kommt, ob denn die Geschäftsleitung vorgesorgt hätte und wie das ist mit eventueller Ansteckungsgefahr. Zu dem Zeitpunkt hat sich aber eigentlich noch niemand vorstellen können, dass das zu uns in den Westen rüberschwappt oder sich überhaupt über die ganze Welt verteilt. Es ist ja auch nicht das erste Virus gewesen und so dachte man eher, dass das regional begrenzt bleibt. Das war, glaube ich, überall so die gängige Lesart. Und dann wurden in Deutschland die ersten Fälle bekannt, bei Webasto. Und dann war auch klar, dass es in der Arbeitswelt ein Thema werden würde. Und dann ging es ab Mitte März eigentlich Schlag auf Schlag. Ab dem Moment, in dem die Schulen und Kitas geschlossen worden sind, war klar: Wir können so einen Regelbetrieb nicht mehr aufrecht erhalten und sind dann ins Homeoffice gegangen und eine Woche später in Kurzarbeit. Das war so der Anfang. Meine Frau ist ja Italienerin, dadurch haben wir viel Bezug zu Italien, sogar zu Norditalien. Verwandtschaft meiner Frau und Freunde leben dort. Ich glaube, einen Tag bevor die Grenze geschlossen worden ist, waren wir noch bei italienischen Freunden bei einer Geburtstagsparty, und da war das das beherrschende Thema des Abends: Wie ein Freund, nach Deutschland einreisen kann, der in Italien lebt und arbeitet, hier aber seine Frau und Tochter hat. Mit dem Auto ging es schon nicht mehr, er hat dann wirklich den letzten Flug nach Deutschland genommen, der aus Pisa abflog. Er ist mehrere Monate in Berlin geblieben und hat von hier gearbeitet, obwohl seine Mutter in Italien pflegebedürftig ist.

Von italienischer Seite haben wir viel mitbekommen und haben natürlich in den ersten Tagen und Wochen viel italienische Presse gelesen – besonders meine Frau – und die Opferzahlen jeden Tag verfolgt. Und als es dann hier losging und wir im Lockdown waren – der kein Vergleich war mit dem Lockdown in anderen Regionen und Ländern – da hatten wir natürlich erstmal Anpassungsschwierigkeiten, mit zwei Kindern im Homeoffice zu sein und trotzdem unser Arbeitspensum zu schaffen und dabei unsere Kinder nicht aus dem Blick zu verlieren. Unsere Tochter ist sechs und unser Sohn vier – also noch wilde Kinder, die auch viel Freiraum, viel Spiel in der Natur und im Freien brauchen, um ihren Energieüberschuss abzubauen. Das ging ja dann auch zum Glück noch. Wir haben tatsächlich viel die Möglichkeiten genutzt, die es in der Zeit noch gab. Insgesamt muss ich aber rückblickend sagen, dass wir im Vergleich zu vielen anderen Leuten schon sehr privilegiert waren. Wir hatten die Möglichkeit, zu Hause zu arbeiten. Wir haben keine systemrelevanten Berufe, bei denen wir trotzdem raus gemusst hätten. Wir hatten die Möglichkeit, ein Kindermädchen zu engagieren für jeweils einen halben Tag. Und wir haben nicht zuletzt durch die Maßnahmen der Bundesregierung, durch die Kurzarbeitsregelungen, die es gibt, auch die Möglichkeit, sehr eingeschränkt zu arbeiten, ohne nennenswerte finanzielle Einbußen, die uns jetzt wirklich die Existenz sichern. Und das nicht nur gerade so, sondern gut sichern. Wirtschaftlich ist es so, dass wir gerade kaum etwas mitbekommen, dank der ganzen Maßnahmen, die es gibt. Ich rechne aber damit, dass die wirtschaftlichen Einbrüche, die wirklich existenzgefährdenden Auswirkungen der Krise erst nächstes Jahr zu Tage treten werden. Nämlich dann, wenn diese ganzen Regelungen, die es gibt, diese ganzen Hilfspakete auslaufen werden. Wenn die Staatsfinanzen es nicht mehr erlauben werden, die zu verlängern. Dann werden die ganzen Firmen pleite machen und das wird sich fortsetzen durch die ganze Nahrungskette. Und da muss man sich natürlich drauf vorbereiten. Insgesamt finde ich aber, dass wir hier in Deutschland sehr, sehr viel besser dran sind, als in irgendeinem anderen Ort der Welt. Es gibt auch keinen anderen Ort, an dem ich im Moment lieber bin als hier. Nicht zuletzt dank der doch sehr moderaten und sachorientierten Debattenkultur und weil man hier im Gegensatz zu anderen Regionen und Ländern auf die Wissenschaft hört.

Wir haben durch unseren familiären Hintergrund nicht nur deutsche Medien konsumiert, sondern auch italienische. Und ich muss sagen, in den öffentlich-rechtlichen Medien bei uns ist das immer schon sehr ausgewogen und richtig dargestellt worden. Ich rede jetzt mal von den in manchen Kreisen so genannten „Mainstreammedien“, die aber letztendlich diejenigen sind, die auch die ganzen Fachredaktionen und Korrespondenten überall auf der Welt haben, die dann auch in der Lage sind, ausgewogen zu berichten. Um aber tatsächlich ein genaueres Bild zu bekommen, musste man schon tiefer gehen und zum Beispiel den Drosten-Podcast hören, was ich auch jeden Tag gemacht habe. Und das ist auch eine große Hoffnung, dass so ein Format beim Publikum eine so große Resonanz hat und dass so viele Menschen diesen Podcast hören, obwohl der Mann ja wirklich hochkomplexe Zusammenhänge erzählt und sich auch überhaupt keine Mühe gibt, es seinen Hörern einfach zu machen. Und trotzdem bleiben die Leute dran. Weil sie es auch wirklich wissen wollen. Die Leute wollen sich auf komplexe Inhalte einlassen. Viel mehr als beispielsweise in den USA oder in Großbritannien. Das macht schon Hoffnung, wenn wir dazu in der Lage sind uns hier eine informierte Meinung zu bilden und so unsere Debatten zu bestimmen, dann haben wir nicht nur bei der Coronakrise eine Chance, sondern auch insgesamt. Ich finde die ganze Krise ist so eine Art Brennglas, durch das man jetzt sehr viel klarer besichtigen kann, was alles schief gelaufen ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Was der Neoliberalismus angerichtet hat mit uns, mit der Gesellschaft, mit der Welt. Und letztendlich sehe ich die Pandemie auch anders als manch andere nicht als eine dunkle Verschwörung oder irgendwie lancierten Hoax von interessensgeleiteten Gruppen, sondern schlicht und ergreifend als die Rache der Natur an der ausufernd, exzessiven und bis ins Manische beschleunigten Lebensweise der Menschheit.

Natürlich haben wir Anpassungsschwierigkeiten gehabt und auch Stressmomente, aber insgesamt hat das Ganze auch auf unser Familienleben eine sehr entschleunigte Wirkung gehabt, was natürlich dem Familienleben sehr gut getan hat und auch dem persönlichen Seelenhaushalt. Auch, was so das Work-Life-Management betrifft, haben wir viele Lerneffekte gehabt, was die Effizienz von Homeoffice Arbeit betrifft. Da haben auch unsere Arbeitgeber jeweils dazu gelernt und gesehen, dass da die ganzen Projekte, mit denen wir immer beschäftigt sind trotzdem effizient, oder sogar teilweise effizienter laufen können, weil man moderne Kommunikationsmittel nutzt übers Internet. Kollaborationstools, die vorher verwaist waren, als wir alle noch im Büro gesessen haben. Jetzt werden die richtig eingesetzt und man sieht, wieviel es bringt und wieviel die leisten können und wieviel Zeit man letztendlich spart. Und die Zeit, die man jetzt hat, um sich auf die Familie zu konzentrieren, die schlägt sich nieder im ganzen Alltagsleben. Ich hoffe, dass sich in der Art und Weise, wie man zukünftig Arbeit organisiert, wie man zukünftig Teamarbeit organisiert, dass diese Lerneffekte, die es jetzt gab, dass die sich manifestieren und man tatsächlich dahin kommt, dass man zu einer nachhaltigeren Arbeitsweise insgesamt kommt. Zumindest in unserer Branche, also in den nicht systemrelevanten Berufen. Was ja jetzt im Übrigen gesellschaftspolitisch auch eine interessante Erkenntnis ist: Wieviele systemrelevante Berufe es eigentlich gibt, die wir aber bis dahin gar nicht als solche wahrgenommen haben und die viel zu schlecht bezahlt sind. Aber in unserem Bereich glaube ich schon, dass sich die Arbeitsweisen, die wir jetzt entwickelt und erprobt haben manifestieren werden, dass man wirklich immer weiter weg kommt von der Präsenzarbeit im Büro und immer weiter hin kommt zu einer selbstorganisierten Arbeitsweise. Zuhause, oder irgendwo. Im Garten. Oder im Park. Oder was auch immer. Solange die Projekte betreut sind und man das so organisieren kann. Denn da sind alle mit glücklicher. Da sind die Mitarbeiter glücklicher. Und die Familien, die dranhängen auch. Und das glaube ich, dass das auch bleiben wird. Und umweltpolitisch sieht man auch, wie schnell das gehen kann, CO2-Emissionen zu reduzieren, einfach indem man Konsum und Mobilität entsprechend einschränkt. Und in Zukunft, wenn die Krise irgendwann überstanden ist, wird niemand mehr sagen können, dass geht alles nicht. Denn wir haben alle gesehen, dass es gegangen ist.

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