Zu Beginn von Corona konnte ich es gar nicht glauben. Gelesen hatte ich ja davon, gehört auch. Aus China hatte ich einiges mitbekommen… „Ja, aber das betrifft uns nicht.“ Und dann kam es näher. Und dann kam es ganz schön nah, fand ich. Und dann war das Virus rasant da. Und wir haben schnell versucht, wenn ich so an die Stadt denke, zu überlegen, was brauchen wir, was können wir machen?! Wo müssen wir aufpassen? Und dann hat sich das Virus ja rasant vermehrt. Ich gebe zu, das hat mir wirklich Sorge bereitet. Angst ist immer ein sehr starker Begriff. Ich bin mir nicht sicher, ob es mir zu Anfang Angst gemacht hat. Aber es hat mir sicherlich Sorge gemacht. Und später hat es mir auch echte Angst gemacht, zuerst ganz privat, gerade wenn ich an meine Eltern denke, die beide über achtzig sind, und an viele andere Menschen im kirchlichen Bereich, die zu Risikogruppen gehören. Als dann der Lockdown kam, war wirklich der Moment, als es richtig heftig wurde. Wir haben ja von heute auf morgen aufgehört, öffentlich Gottesdienste zu feiern, kurzfristig auch unsere ganzen caritativen Hilfsangebote eingestellt. Verantwortet ging das ja nicht mehr. Wenn ich an wohnungslose Menschen denke, wenn ich an Menschen denke, die von der Caritas Unterstützung brauchen… Und dann – und das hat mich fasziniert – dann haben wir von heute auf morgen das ganze caritative Netz notfallmäßig wieder hochfahren können. Da sind dann ganz andere Menschen ehrenamtlich dazu gekommen. Wir haben in dem Bereich wirklich unfassbar viele hochengagierte, ehrenamtliche Männer und Frauen. Viele Ehrenamtliche konnten den Dienst nicht mehr tun, da sie zur Risikogruppe gehörten. Auf der anderen Seite, waren da viele, die eingesprungen sind. Auch waren viele Räume zu klein und mussten geschlossen werden. Es gab aber auch Situationen, dass ältere Ehrenamtliche im Hintergrund weitergemacht haben und jüngere Leute die Dienste im vorderen Bereich übernommen haben. Das hat mich wirklich beeindruckt. Ganz tolle Sachen sind da passiert. Auch gab es in der ganzen Stadt immer wieder Pfarreien, die geschaut haben, wie sie es in der so neuen Situation hinbekommen können, die Menschen zu erreichen. Und dann haben sie mal langfristig, mal kurzfristig überlegt: „Wir bringen euch etwas nach Hause!“ Und ich weiß, auch wir haben hier im Südosten der Stadt versucht, Menschen zu Ostern zu erreichen. Vom Anfang „Wir machen das.“ bis zum Verteilen der Päckchen war dann keine Woche Zeit. Und doch, es sind über 400 Päckchen an verschiedene Familien verteilt worden, die haben sich dann unfassbar gefreut. Aktuell überlegen wir gerade: Wie geht das Weihnachten weiter? Wir werden Weihnachten unter den aktuellen Bedingungen feiern. Jetzt sind wir aber natürlich weniger überrascht und können alles auch besser vorbereiten. Es gibt zum Beispiel Ideen, ein digitales Quiz auf Stadtebene zu veranstalten. Da wird es um Krippen gehen, die stehen ja in allen Kirchen. Das sind aber erst einmal Anfangsideen. Auch gibt es die Überlegungen, auf der ganzen Stadtebene einen Martinsumzug um den Aasee herum zu veranstalten. Dann sieht man sich, ist doch auf nötiger Distanz, man sieht viele Menschen und die Lichter und ist doch nicht zu nahe beieinander.

Dann kam dieses Wochenende, an dem – auch in Absprache mit den Kirchen – politisch entschieden wurde, dass wir keine Gottesdienste mehr öffentlich feiern. Wenn die Entscheidung nicht NRW-weit gefallen wäre, hätten wir vermutlich für das Stadtdekanat Münster entschieden. Wichtig war uns aber, die Kirchen blieben trotzdem immer geöffnet. Teilweise waren sie sogar länger geöffnet als üblich. Dass die Kirchen zum Beten oder zum Besuch geöffnet blieben, war uns sehr wichtig. Nur die Gottesdienste wurden nicht mehr öffentlich gefeiert. Ich bin ja in der Pfarrei und in der Stadt tätig. Wir haben in allen katholischen Pfarreien in Münster überlegt, wie wir mit Gottesdiensten umgehen, wie wir die Gottesdienste feiern können. Es sind dann weiterhin viele Gottesdienste gefeiert worden, aber eben nicht öffentlich. Das war wirklich komisch. Für mich persönlich war es unfassbar traurig, festzustellen, dass ich nun die ganze Karwoche und selbst Ostern nicht mit den Menschen meiner Pfarrei gemeinsam feiern kann. Wir haben versucht andere Angebote zu machen. Wenn ich aber ehrlich bin, bin ich erst von wenigen Wochen ausgegangen. Und als es nun wieder losging, und wir wieder öffentlich Gottesdienst feiern konnten, habe ich geglaubt und gehofft, dass die Hygienevorgaben nur einige Wochen gültig bleiben. Daher war anfänglich auch einiges recht provisorisch. Im Laufe der Zeit wurde dann noch einiges wieder verändert und angepasst. Ich habe im Mai einfach nicht glauben können, dass es so lange dauern wird. Ich finde Vieles immer noch irreal. Als wir zu Beginn der Pandemie die öffentlichen Gottesdienste ausfallen lassen mussten, gab es unterschiedlichste Reaktionen. Die einen, die gesagt haben „Jetzt wird sich Kardinal von Galen als so ein großer Heiliger unserer Stadt im Grab rumdrehen, da ihr so schnell der staatlichen Aufforderung gefolgt seid!“ und auf der anderen Seite gab es Menschen, die, als wir wieder öffentlich Gottesdienste gefeiert haben, meinten: „Das ist viel zu früh! Ihr müsst das viel langsamer und vorsichtiger machen!“ Und dazwischen waren es dann ganz, ganz viele verschiedene andere Menschen, die nachgefragt haben, wie das den nun gehen könne. Erst waren die Gottesdienste sehr verhalten besucht, langsam kamen wieder mehr Menschen. Es kommt ja nur ein Bruchteil der Menschen im Moment in die Kirchen, die sonst reindürften, da ja auch hier viele sinnvolle Abstands- und Hygieneregeln gelten. Wenn ich an die Kirche denke, vor der wir hier stehen, weiß ich ja, dass hier sonst 300-350 Menschen sitzen können. Zu Weihnachten sind hier manchmal über 500 Menschen in der St.-Nikolaus-Kirche. Jetzt dürfen gerade mal 65 Menschen rein. Wenn ich ehrlich bin – das macht mich schon sehr nachdenklich und ein Stück weit auch traurig – dass nun nur noch die Hälfte unser Gottesdienstbesucher da sind. Und das liegt nicht daran, dass alle Plätze voll sind. Bei 90% aller Gottesdienste bleiben erlaubte Plätze frei. Daneben erleben wir auch, dass deutlich mehr Kerzen entzündet werden als vor der Pandemie. Und doch, ich bin sehr, sehr nachdenklich und glaube, dass wir nicht davon ausgehen können, dass nach Corona alles so ist, wie vor Corona, nur mit einem Schnitt von vielleicht sechs oder zwölf Monaten. Ich glaube, dass es Menschen gibt, die feststellen „Ich finde Alternativen!“. Ich weiß natürlich von Menschen aus der Pfarrei, die nun Fernsehgottesdienste schauen und auch von anderen, denen gar nichts fehlt.

Es gibt drei gesellschaftliche Punkte, die mir sehr, sehr wichtig sind: Zum einen hoffe ich, dass die Pandemie dazu führt, dass wir wahrnehmen, dass wir im Gesundheitssystem und der Forschung sehr aufmerksam sein müssen. Ich habe die große Hoffnung, dass wir es schaffen, die Pandemie zu überwinden und hoffe, dass die Menschen, die dafür im Großen und im Kleinen wichtig sind, unterstützt werden. Das Zweite ist – und das habe ich sehr deutlich wahrgenommen – das viel Individuelles im Kontext der Virus-Pandemie verloren gegangen ist. Ich hoffe doch sehr, dass wir bei allen persönlichen Einschränkungen unsere Nächsten nicht vergessen. Und zwar genauso die, die ich kenne, weil sie bei mir leben, als auch die Menschen in den armen und benachteiligten Gebieten unsere Welt, die momentan unfassbares Leid erleben. Auch nehme ich wahr, dass die Pandemie dazu führt, dass Menschen im Grunde genommen darauf zurückgeworfen sind, dass so ein kleines Ding, wie der Corona-Virus, das ja auch zur Schöpfung gehört, alles durcheinander bringen kann. Ich bin wirklich ein gläubiger Christ, der glaubt und sagt, dass die Schöpfung von Gott gewollt ist. Und doch bleiben bei mir dringend Fragen, wie wir mit dieser Schöpfung in der Vergangenheit umgegangen sind. Das ist der dritte Bereich, der mir wichtig ist. Bei allem, was nun auch kommen mag, ich bleibe ein gruseliger Optimist und hoffe, dass es einmal wirklich besser werden wird. Das ist meine Überzeugung und meine persönliche Lebenserfahrung: Eine Krise lässt Menschen wachsen. Dabei ist mir natürlich auch klar, dass die Menschen, die gerade so Vieles verloren haben, nicht aus dem Blick verloren werden dürfen!

Es gibt so viele Menschen, die der Meinung sind, dass die Coronapandemie so etwas ist, wie ein Brennglas für soziale, gesellschaftliche und auch wirtschaftliche Entwicklung. Ich glaube das auch! Ich tue mich aber auch schwer damit, zu sagen „Corona macht jetzt Vieles ganz positiv!“. Ich glaube schon, dass diese außergewöhnliche Situation, in der wir nun stecken, einiges ermöglicht. Ich denke schon, dass es Leute gibt, die z.B. jetzt plötzlich feststellen „Mensch, bin gebraucht, es gibt einen Ort, an dem ich etwas machen kann.“ Ich glaube aber auch, dass wir Gefahr laufen, dass nun Wichtiges wegfällt. Ich sag es mal ganz konkret: Ich bin schon gespannt, ob wir uns nach der Pandemie wieder zur Begrüßung die Hand reichen und uns in den Arm nehmen werden. Ich merke ja ganz persönlich, was mir so fehlt. Ich habe das sehr, sehr deutlich vor Augen beim so anderen Geburtstag meiner Mutter. Sie kam da zu mir und sagte: „Ich hab mir eigentlich überlegt, ich nehm dich einfach ganz überraschend in den Arm!“ Da sagt mein Vater: „Ach, das dürfen wir doch jetzt nicht. Wenn wir das wieder dürfen, dann machen wir das eine halbe Stunde lang!“ Dahinter verbirgt sich ein Wunsch nach echter Nähe, nach dem, was jetzt manchmal fehlt und auch die Hoffnung, dass das hinterher wieder sein wird. Und doch glaube ich, dass sich doch einiges verändern wird und manches, was mir wichtig ist, verloren geht. Wenn ich jetzt zum Beispiel in unseren Gottesdienst schaue, da haben wir in den letzten Jahrzehnten verstärkt Wert darauf gelegt, dass wir den Friedensgruß mit Handschlag praktizieren. Manche Paare geben sich einen Kuss oder Menschen umarmen sich. Und im Moment ist alles distanziert, fast aseptisch. Und da bin ich gespannt, wie es hinterher sein wird. Ich frage mich, ob die Leute auf Distanz bleiben? Weiter frage ich mich schon, ob wir solch eine Pandemie einmalig erlebt haben oder ob wir uns auf solche Ausnahmesituationen einstellen müssen. Ich bin ein zutiefst hoffnungsvoller Mensch. Ich verfalle da nicht in eine Depression. Ich nehme aber wahr, was sich gerade alles ändert. Und ich hoffe einfach, dass wir Gutes daraus ziehen, ohne zu vergessen, was wir möglicherweise auch verloren haben. Ich glaube, dieser Mangel an Berührungen, an Nähe, ist eine wirkliche Gefahr. Wenn ich da an die Situation meiner Eltern und manch andere Menschen denke, wird der Wunsch danach ja überdeutlich. Und ich hoffe zutiefst, dass diese Sehnsucht wach bleibt und dazu führt, dass wir uns hinterher wieder zurück erobern, was wir als soziale und auch als religiöse Menschen brauchen.


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