Joana, Graphic Recorder, Kommunikationstrainerin und Musikerin

Ich hab das immer gehört, „in China schwirrt was rum“, und man hat auch gesehen, dass es näher kommt, aber im ersten Moment hab ich das gar nicht so richtig realisiert. Und dann kam es mit einem Mal total nah – ich weiß noch genau, wie das war.
Ich bin erst seit November 2019 voll selbstständig. Und dann war ich umsatztechnisch Monat für Monat immer besser aufgestellt. Und der März war richtig gut. Doch von jetzt auf gleich hatte ich keinen einzigen Auftrag mehr. Ich hatte am ersten Tag des Lockdowns noch einen Kurs mit zwölf gebuchten Teilnehmern, den ich absagen musste und innerhalb eines Tages war da auftragstechnisch gar nichts mehr. Plötzlich ging nichts mehr. „Uppsala! Was kommt da jetzt auf mich zu?“
Ich konnte jeden verstehen, der gesagt hat, „Wir können nicht planen, wir müssen alles absagen“. Aber auf der anderen Seite habe ich mich eben auch gefragt, wo das hingehen soll. Das hat dann so etwa zwei Wochen gedauert, bis ich mich einigermaßen bekrabbelt hatte. Dann hatte ich so eine kleine Form von manischem Aktionismus und dachte „Jetzt MUSST du was machen!“ Gleichzeitig wusste ich, ich arbeite in einem Bereich, der an Veranstaltungen gebunden ist. Firmenevents, Vortragsreihen, Workshops… das fällt alles flach. Und mit einem Mal habe ich gemerkt: Ich mache etwas, von dem ich vielleicht selber gerne sagen möchte, dass es auch systemrelevant ist – und für das System eines Unternehmens ist Kommunikation ja auch eines der relevantesten Themen – aber dann habe ich realisiert, dass viele Firmen jetzt gerade ganz andere Sorgen haben. Die halten jetzt keine Vorträge. Die reden jetzt mit ihren Mitarbeitern nicht über Kommunikation, sondern eher über Organisatorisches, über das, was jetzt wirklich brennt. Die haben grade wirklich was ganz, ganz anderes im Sinn. Das hat mich schon beschäftigt. Diese ganze Anfangszeit der Pandemie war für mich sehr ambivalent. Jobtechnisch ein Auf und Ab und auch Privat ein Auf und Ab, weil das ja ganz eng miteinander verwoben ist.
Und tatsächlich habe ich aber auch ganz, ganz viele Momente gehabt, die wunderwunderschön waren. Diese stille Zeit. Auch hier, ambivalent. Schön und beklemmend. Es war ja mit einem Mal, als hätte die ganze Welt stillgestanden. Und es gab eine konkrete Situation, wo ganz kurz nach Beginn des ersten Lockdowns keiner so richtig wusste, was jetzt ist. Da bin ich mit meinem Manndurch die Stadt gegangen, wir wollten im Supermarkt einkaufen gehen und es lag eine merkwürdige Stille in der Luft. Und in dem Moment habe ich auch wirklich gedacht: „Oh Gott, hoffentlich bleibt das nicht immer so!“ Ich hatte wirklich Angst, dass es immer so bleiben könnte. Und gleichzeitig habe ich gemerkt, wie wichtig es für mich ist, nicht allein zu sein. Das war für mich auch eine elementare Erkenntnis -zu wissen, wenn ich mit so einer Situation alleine gewesen wäre, wäre es viel, viel schwerer. Dieses Glück hat nicht jeder. Diese stille Zeit haben wir aber auch genutzt. Zum Beispiel um viel in der Natur zu sein, wandern, alles was im Rahmen der Maßnahmen möglich war. So hatte es auch seine guten Seiten.

Ich wusste vorher, dass das erste Jahr einer Selbstständigkeit das härteste sein wird. Rückblickend werde ich hoffentlich sagen können: „Wow! Dieses erste Jahr habe ich sogar MIT Corona gewuppt!“ Also war es nochmal eine zusätzliche Breitseite, die man da abbekommen hat. Das Auf und Ab hat sich so dargestellt, dass ich ein paar Projekte hatte, die bereits liefen und die sind mit einem Mal alle gestoppt worden. Dafür haben sich dann aber zwei andere Illustrationsprojekte ergeben, die ich dann in der Zeit abschließen konnte. Ich habe mal den Satz gelesen „Wenn Corona ein Tier wäre, dann wäre es eine Schnecke.“, weil sich alles unglaublich hingezogen hat. Und so habe ich dann für ein Projekt, das ich sonst in vier Wochen erledigt hätte, fast bis Sommer gebraucht. Das lag gar nicht so sehr daran, weil es für mich schwierig gewesen wäre, das Projekt umzusetzen, sondern weil die Kommunikation mit den Firmen so komplizierter wurde. Die waren auch mit einem Mal mit ganz anderen Sachen beschäftigt. Die hätten zwar Zeit gehabt, wussten aber nicht, wo und wie sie die Prioritäten setzen sollten.
Und dann habe ich angefangen zu überlegen, ob ich Online-Angebote machen kann. Also habe ich mich in das Thema eingefuchst, investiert und habe aber gleichzeitig überlegt, ob ich das überhaupt will. Muss ich mich dem jetzt beugen? Geht da nicht total viel verloren? Natürlich kann ich auch digital zeichnen, aber es ist viel schöner, wenn Leute ans Graphic-Board kommen und mit mir darüber sprechen und dann quasi mit dem Finger auf das Bild zeigen und feststellen, dass sie gehört wurden und sich und ihre Ideen „wiedererkennen“: So etwas verschwindet online einfach.. Das fand ich sehr, sehr schwer. Dadurch hatte ich im Grunde fast vier Monate sowas wie eine Art Stillstand. Ab August ging es dann wieder richtig gut los. Da konnte ich wieder Kurse machen, es gab zum Beispiel eine Livestream-Veranstaltung, bei der ich vor Ort in einem Filmstudio analog zeichnen konnte und die Leute zugeschaltet wurden. Das war sehr schön und hat mir viel Energie gegeben. Tatsächlich habe ich mich gefreut, dass alles wieder anlief.
Und dann kam der November…Die ganzen Umstände hatten dazu geführt, dass ich Projekte und Kurse aus März in den November gelegt hatte und nun schon wieder alles absagen musste. Da hatte ich plötzlich das Gefühl, dass ich es selber nicht richtig hingekriegt habe. Habe ich was falsch eingeschätzt? Habe ich selbst was verbockt? Habe ich nicht! Ich glaube, dieses Gefühl von Kontrollverlust hat mich am meisten verunsichert. Da habe ich selbst nochmal für mich gemerkt, dass ich zwar jemand bin, der relativ gut planen kann, dass ich dafür aber einen Rahmen brauche, der mir auch einen gewissen Halt gibt. Und als mir das mit einem Mal alles so weggeflutscht ist, da stand ich da und wusste gar nicht mehr, was ich eigentlich machen soll. Ich hatte jetzt quasi genau das gleiche Gefühl wie im März, obwohl es ja gar nicht mehr neu war und ich dachte: „Verdammte Hacke! Warum ist das jetzt schon wieder so?“ Also ich bin wieder in so ein Loch gefallen. Diesmal nicht ganz so lang, vielleicht eine Woche. Aber in dem Moment, als ich angenommen habe, dass es eben so ist und ich es nicht ändern kann, da haben sich dann Dinge ergeben, mit denen ich gar nicht mehr gerechnet hatte. Ich hatte zum Beispiel plötzlich eine Anfrage für eine digitale Weihnachtsfeier. Wo ich dann zwar digital, aber live mit den Menschen zusammen ein Bild zeichne: „Unser 2020“. So Sachen, die dann wie Pilze aus dem Boden kamen. Das hat mir einerseits Mut gemacht, mir aber auch geholfen zu sagen, damit ist 2020 erstmal abgeschlossen. Wenn jetzt nichts mehr kommt, ist es auch ok. Dann fange ich halt 2021 neu an.

Mir ist jetzt im Herbst aber doch nochmal echt die Decke auf den Kopf gefallen. Dieses Gefühl irgendwie nicht gebraucht zu werden – obwohl das ja gar nicht stimmt. Es gab einfach gar keine Möglichkeit, das, was ich tue, zu machen. Da habe ich zum ersten Mal darüber nachgedacht, wie das für Leute sein muss, die wirklich arbeitslos sind. Wie schwer das ist. Du sitzt zu Hause und kannst nichts machen, obwohl du möchtest. Irgendwann bist du überall spazieren gewesen, hast dein Büro aufgeräumt, hast deine Sachen sortiert, alle Fenster geputzt. Du willst aber raus. Denn du möchtest ja etwas bewegen. Und das war schwer. Und ja! Existenzängste gab es auch. Das Gefühl… Das Gefühl ist aber zur Realität ja nicht immer kongruent. Das ist aber auch so ein bisschen… dieser Begriff des„Katastrophen-Mindfuck“… Du denkst: „Oh, mein Gott! Wohin soll das alles führen?“ Aber schlussendlich kommt es ja doch immer alles ganz anders.
Ich habe mit den Nothilfen genau die Situation, die alle haben. Du musst es ja irgendwie zurückzahlen können. Hinterher verschuldest du dich immer weiter. Und das funktioniert nicht. Im ersten Moment dachte ich: Wow! Warum ist es jetzt auf einmal möglich, dass Sachen so unkompliziert geregelt werden. Schlussendlich hat sich dann aber herausgestellt, dass es insgesamt nicht so richtig durchdacht war. Wobei ich da auch gedacht hab, dass es ja auch eine Situation ist, die so noch nie jemand von uns gehabt hat. Und da sitzen dann auch nur Menschen in der Politik und den Behörden, die haben versucht was Gutes zu machen und haben es nicht ganz richtig hingekriegt. Letztlich ist dann doch jeder für sich selbst verantwortlich…. Ich hab´ mich nicht im Stich gelassen gefühlt. Was ich allerdings nicht ganz verstanden habe, ist, dass für die Novemberhilfen – die ich für mich nicht beantrage – die Situation die Gleiche ist. An den Grundstrukturen dahinter wurde nichts geändert, also dass du das Geld als Soloselbstständiger nicht für deinen Lebensunterhalt nutzen kannst. Und die laufenden Kosten sind hier ja nunmal: Miete, Rente, Krankenversicherung… Ich will nicht sagen, sie hätten nicht aus den Kritiken an den ersten Maßnahmen gelernt. Aber es ist nicht ausgefeilt. Es sind andere Sachen reingekommen, die für viele vielleicht hilfreicher sind, aber ich habe für mich entschieden, dass ich das alleine wuppe.

Ich bin super dankbar eine tolle Familie zu haben. Diese Unterstützung auch mentaler Art, der Rückhalt ist mit Gold nicht aufzuwiegen. Ich habe zum Beispiel die „Lockdown-Zeit“ mit meinem Mann als sehr besonders erlebt. Er ist im Schulbereich und dadurch, dass die Schulen zu waren, hatten wir zu Hause auch nochmal eine ganz andere Zeit als im normalen, regulären Ablauf. Das war wirklich schön und hatte einfach auch eine gute Seite. Wir machen als Duo zusammen Musik und in dieser Zeit ist dabei sogar ein kleines Lied entstanden. Hier, am Hot Jazz Club, waren wir das letzte Mal im Februar auf einem Konzert. Und im September hatten wir das Glück, gegenüber, da vorn an der Hafenkäserei, ein kleines Open-Air-Konzert zu spielen. Diese Zeit haben wir sehr für uns selbst genutzt.
Aber diese sozialen Kontakte, die man normalerweise hätte, die haben sich alle nur übers Telefon abgespielt. Grundsätzlich habe ich gar nichts dagegen, auch mal alleine zu sein, aber dieses „Du darfst nicht“ im Kopf zu haben, das fand ich ganz schön schwierig. Es würde mich belasten, wenn ich wüsste, das geht jetzt noch drei Jahre so weiter. So hat man die Hoffnung „Ach, irgendwann ist das auch wieder vorbei.“ Damit schlört man sich so dadurch.
Ich hatte immer ein wenig Schiss davor, dass hinterher nichts mehr so ist wie vorher. Und ein bisschen hatte ich die Hoffnung, dass bei vielen Sachen, die vorher vielleicht blöd waren, in den Menschen durch Corona irgendwie eine Veränderung ausgelöst würde. Aber weder das Eine noch das Andere ist tatsächlich eingetroffen. Ich glaube deshalb, es wird noch eine Weile brauchen, aber irgendwann pendelt sich doch wieder alles ein. Jeder für sich wird vielleicht ein kleines bisschen daraus gelernt haben und jeder wird auch seine Konsequenzen daraus ziehen. Aber ich glaube ja immer, dass der Mensch kein richtiges Schmerzgedächtnis hat und die Menschen sich daher nicht mehr daran erinnern werden, wie schwierig diese Pandemie gewesen sein wird. Wir leben ja immer nur nach vorne und nicht nach hinten. Was ja im Grunde genommen auch gut ist.
Ich gehe davon aus, dass wir ein paar Lehren daraus ziehen, aber nicht in der Konsequenz, wie es vielleicht nötig wäre. Ganz extrem hat man es beispielsweise gemerkt an den Abstandsregelungen im Supermarkt. Ich fand das genial, dass die Leute so richtig schön Abstand gehalten haben, als die Markierungen neu angebracht waren. Diese Distanzlosigkeit, dieser Herdentrieb an der Kasse, war damit endlich erledigt. Aber das haben die Leute ja jetzt schon wieder völlig vergessen, obwohl die Situation ja eigentlich viel kritischer ist als im Frühjahr. Da habe ich schon gedacht, wenn es an so kleinen Sachen schon hapert, dann könnte es sein, dass es insgesamt schwierig wird, dass ein Umdenken in den Köpfen stattfinden kann. Ich hoffe gleichzeitig, dass wir diese Leichtigkeit wiederfinden. Ich weiß nicht, wie schwer es sein wird, dieses auf Distanz zu gehen aus den Köpfen wieder raus zu bekommen. Das wünsche ich mir einfach, dass es so nicht bleibt, sondern dass man wieder normal aufeinander zugehen kann.


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