Ich habe einen Studentenjob als Kellnerin und war acht Wochen arbeitslos. Jetzt habe ich seit ein paar Tagen wieder angefangen und liefere das Essen aus. Davor war ich sieben Wochen in der Heimat bei meinen Eltern, weil ich wusste, dass ich die Zeit mit dem, was ich auf der hohen Kante habe, nicht überbrücken kann. Und meine Eltern hatten auch einfach Angst und wollten mich gerne bei sich haben, falls etwas passiert. Dadurch konnte ich natürlich sehr viel sparen, aber ich merke jetzt schon, es ist gut, wenn mein Gehalt langsam kommt. Ich wollte eigentlich nach Kanada und wäre jetzt für drei Monate in Vancouver gewesen. Da kann ich das gesparte Geld jetzt quasi in mein Leben finanzieren. Die Veranstaltungen an der Uni laufen jetzt teilweise online. Viel ist es aber auch so, dass man Texte lesen muss und Aufgaben dazu bekommt, so dass man sich gar nicht sieht. Bei Praxisveranstaltungen werden wir wohl erst Ende Oktober wieder in die Prüfung gehen. Zu Beginn war ich wegen Kanada erstmal total verloren, weil ich ja alles schon geplant hatte und viel bezahlt hatte. und mit meinem Studium hatte ich Sorgen, dass ich jetzt noch länger brauche. Ich hatte mir Zeit gelassen, weil ich auf Lehramt in der Gymnasialstufe studiere und die mich ja nicht ernst nehmen, wenn ich mit 24 vor denen stehe. Jetzt gezwungenermaßen noch länger zu brauchen… Aber ob es dann ein oder zwei Semester mehr sind, ist eigentlich auch egal.


Ich muss gestehen, dass ich am Anfang auch im Team „Ist nicht schlimmer als ’ne Grippe“ war. Meine Mama meinte von Anfang an: „Komm nach Hause, es wird schllimm werden. Wir werden nicht mehr raus kommen. Es werden sehr viele Leute sterben.“ Und ich hab gedacht: „Äh – es ist doch nur ’ne Erkältung!?“ Dann ging es in Spanien los. Meine Großeltern waren dort mit dem Wohnwagen unterwegs, und wir haben sie dort nicht weg bekommen. Das war zu der Zeit, als dort tausend Menschen an einem Tag gestorben sind. Und da hab ich Angst bekommen. Mein Onkel und mein Papa haben bei meinen Großeltern angerufen und gesagt: „Ihr kommt jetzt nach Hause, sonst werden wir euch nie wieder sehen!“ Das war hart und da hab ich auch das erste Mal drüber nachgedacht und dann auch viel mehr aufgepasst in der Familie. Wir wohnen alle nebeneinander und das war schon schwer mit den Kindern, wenn die zum spielen rüber kommen wollten. In meinem WG-Zimmer hier wäre ich versauert. Auf dem Land hat man Platz, das ist hier in der Stadt natürlich anders. Bei uns hatten die Kinder sonst gar keine Probleme, die konnten draußen spielen wie immer. Nur für meine jüngere Schwester, die grad mitten in der Pubertät ist, war es schon teilweise schwer, den Sinn der Abstandsregelungen nach ein paar Wochen noch einzusehen. Aber wir haben das als Familie auf jeden Fall ganz gut gerockt. Es gab einen guten Zusammenhalt.

Als ich wieder nach Münster gekommen bin, musste ich erstmal schlucken und hatte das Gefühl es wäre Tag der offenen Tür. Also man merkt, dass es immer mehr in Vergessenheit gerät. Auch im Restaurant erlebe ich viel Unverständnis, wenn wir die Gäste erinnern müssen, den Mundschutz aufzusetzen. Die kommen auch mit mehr als zwei Haushalten und füllen die Kontaktformulare falsch aus. Wenn jetzt eine Infektion kommen würde, hätten wir keine verfolgbare Infektionskette. Das ist den Leuten völlig egal, dabei ist es unsere Verantwortung. Obwohl die Zahlen jetzt gesunken sind, kann ich zum Beispiel nicht verstehen, dass die Fitnessstudios jetzt wieder aufgemacht haben. Vor drei Wochen habe ich noch gedacht, dass es mit den Lockerungen schief gehen würde. Aber wenn man jetzt die sinkenden Zahlen sieht, dann glaub ich schon, es ist ok. Langsam müssen die Dinge ja auch wieder ihren Lauf nehmen, aber ich glaube, so richtig normal wird’s nie wieder. Auch mein eigener Umgang… wenn ich Serien gucke und sich Leute dort umarmen, denke ich immer spontan: „Was tut ihr da? Das dürft ihr nicht!“ Ich war aber schon immer ein Mensch, der Berührungen von Fremden Menschen nicht gerne mag. Ich mag es auch nicht besonders, wenn Leute mich zur Begrüßung umarmen. Das ist ein großer Vorteil, den ich in der jetzigen Situation sehe. Ich feier total, dass wir uns jetzt immer mit Fußbump oder mit dem Ellenbogen begrüßen.

Ich hab das Gefühl, dass ich Sachen jetzt schneller an mich rankommen lasse. Ich mache mir inzwischen bewusster, was auf der Welt passiert. Das war vorher nicht so. Es war schlimm, das wusste ich, aber ich hab das nicht so an mich ran gelassen. Ich sehe das jetzt mit bewussterem Blick, schaue viel mehr Nachrichten, bin diskussionsfreudiger, weil so viel Unwissen rum geht. Ich habe oft das Gefühl, die Menschen wollen gar nicht wissen, was passiert.Es gibt Leute, die sich nicht bilden wollen. Die lesen dann einen Artikel über Attila Hildmann und glauben der erzählt die Wahrheit, nur weil der genau weiß, wie er den Leuten etwas erzählen muss. Ich frag mich aber auch, warum Leute das dann in den social media teilen, um zu sagen, dass das falsch ist. Damit geben sie solchen Thesen auch noch den medialen Raum, dass es sich weiter verbreiten kann, so dass damit auch Leute angesprochen werden, die sich sonst gar nicht so dafür interessieren und es auch dumme Leute erreicht. Was aber nie erwähnt wird, dass sind die Probleme, vor denen wir Studenten und Azubis jetzt stehen. Dabei sind wir die Zukunft. Ich bin die Lehrerin, die in ein paar Jahren gebraucht wird.

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