Esther, psychologische Psychotherapeutin

Als Corona anfing hab ich zuerst gedacht, „Was wird das denn jetzt?“. Und so richtig klar geworden, was da passiert, ist mir eigentlich erst in dem Moment, als die Schulen plötzlich dicht waren. Und da dachte ich: „Ok, das wird jetzt dauern. Das wird lange, lange Monate, wenn nicht Jahre dauern.“ Meine Tochter ging dann Freitag das letzte Mal zur Schule und dann wurde die Schule geschlossen. Und ich habe mich dann auch ganz schnell bemüht, bei der Arbeit alles auf Video umzustellen. Da bin ich eigentlich gar nicht für zu begeistern, weil die Leute ja immer direkt hier auf den Hof kommen und ich eigentlich an die Vernunft der Menschheit glaubte. Das war aber nichts. Ich hatte einen Patienten – das war unglaublich – der mir dann erzählte, wie schön es doch am Wochenende auf Norderney gewesen wäre und es doch so toll wäre, dass sein Enkel jetzt mit allen Kindern in der Siedlung so schön spielen könnte. Da hatte ich die Faxen endgültig dicke und habe mich dann innerhalb von 2 Stunden darum bemüht, die Lizenz zur Videotherapie zu bekommen, was eigentlich 2-3 Wochen dauert. Ich habe von Anfang an schon mit Schrecken daran gedacht, was das für soziale Folgen haben wird. Und das scheint sich jetzt zu bewahrheiten. Am Anfang ging das alles noch. Inzwischen rufen aber auch immer mehr Menschen an, denen es auf Grund der Corona Pandemie wirklich entsetzlich geht. Die überhaupt nicht damit zu Rande kommen. Was natürlich auch alles total spooky ist. Früher habe ich häufig Leute von ihrem Waschzwang geheilt, damit sie sich nicht mehr ständig die Hände wuschen und Desinfektionstücher mit sich trugen und Einkaufswagen abschrubbten. Ja, die waren jetzt weg und allen ging es gut. Und jetzt konnte man alle Desinfektionstücher wieder rauskramen und sich ständig die Hände waschen. Das ist schon ein bißchen ironisch. Das ist unglaublich, wenn man sich das überlegt… ich finde das irritierend. Auch für die Leute, die gemerkt haben: das ist nicht gut. Und deshalb in Therapie gegangen sind. Und plötzlich müssen die das wieder so machen… Und das ist natürlich gar nicht schön für die Menschen. Da drohen Rückfälle in alte Muster. Was jetzt aber eigentlich erst in den letzten Wochen angefangen hat, ist dass die Menschen anrufen, weil sie sozial vereinsamen, keinerlei Kontakte mehr haben, sich verlassen und verloren fühlen. Das nicht nur auf der materiellen Ebene, sondern vor allem auf der emotionalen. Leute, die vorher schon alleine waren, die sind jetzt natürlich richtig alleine, die fühlen sich auch richtig alleine, weil sie ja nicht mal mehr in die Stadt gehen können. Das ist schon heftig. Ich glaube, dass die Gefahr für die seelische Gesundheit der Menschen sehr vernachlässigt wird. Das ist aber im Moment auch nicht anders zu händeln, denn die körperliche Gesundheit geht jetzt erstmal vor. Das ist nicht anders zu bewerkstelligen. Man muss jetzt zusehen, dass man dieses Virus möglichst schnappt. Und das geht halt nur durch soziale Isolierung. Wir erleben das selbst auch. Unsere Tochter ist zehn Jahre alt. Wir hatten wochenlang dieses Szenario erst jede zweite Woche in die Schule gehen, dann alle zwei Tage in die Schule gehen, dann gar nicht in die Schule gehen, dann wieder alle zwei Tage in die Schule gehen… Die trifft sich mit niemandem. Einfach auch aus Angst, dass sie uns was anschleppen könnte. Und das finde ich ganz gruselig für die Kinder. Anfangs habe ich immer so gedacht, was ist das für eine Welt, dass die Leute, die früher den Krieg erlebt haben, das jetzt auch noch mitmachen müssen. Aber davon bin ich total ab. Mein Papa, der ist jetzt 85, der hat den Krieg ja auch noch miterlebt, der sagt ganz stumpf: „Wäre das bei uns gewesen, dann hätte es geheißen ‚Maske auf und fertig!‘ Wenn früher was war, dann haben wir das gemacht und dann ist das gut gewesen.“ Der erlebt das nicht als so schlimm, obwohl er jetzt ja auch sozial isoliert ist. Ich fahr ihn zwar besuchen, aber ich finde das schon alles sehr gruselig. Wobei wir ja heutzutage viel mehr Möglichkeiten haben. Vor 70 Jahren wäre das alles natürlich viel schwieriger gewesen. Da gab es kein Telefon in jedem Haushalt. Heutzutage haben wir ja diese Dinge, die uns da auch Entlastung bringen. Aber viele Menschen vereinsamen trotzdem noch mehr als sie es vorher waren. Und das ist ein Problem. Das trifft alle Generationen gleichermaßen. Wobei ich glaube, dass die 16-20-jährigen da wirklich extrem drunter leiden. Weil die ja nichts von dem tun können, was wir als normale Jugend erlebt haben. Keine Parties, sich nicht mit mehreren Menschen treffen, nicht feiern. Ich glaube schon, dass sich entgegen der Vorwürfe, sehr viele Jugendliche an die Vorgaben halten.

Ich hatte mich ja um Videotherapie bemüht. Alles schön und gut. Die Internetleitung auf meinem Hof hat aber nur 346kB. Dem enstprechend müssen meine Patienten sehr geduldig mit mir sein, weil meine Therapie folglich mit Unterbrechungen leben muss. Zeitgleich telefonieren wir dann. Das ist schwierig. Weil es ja heißt, virtuelles Lernen und Homeschooling wäre problemlos möglich, sag ich immer so flapsig, : „Also, entweder meine Tochter lernt und wir verhungern, oder aber wir haben was zu essen und meine Tochter bleibt doof!“ Das finde ich schon ziemlich traurig. Es gibt Gegenden, da gibt es gar keine funktionierende Internetleitung. Da kann ich ja schon froh sein. Aber das ist ein weiteres Beispiel dafür, was in unserem Land nicht funktioniert. Und die Politiker, die immer von Digitalisierung reden, die können gern mal hier herkommen und sich davon überzeugen, wie gut das funktioniert. Systemrelevant ist für mich in dem Zusammenhang auch das Unwort des Jahres. So systemrelevant wie ich bin, müsste ich hier eine Milliarde Leitungen haben. Wenn man die Politiker erstmal darauf aufmerksam machen muss, für was es alles schon Gesetze gibt, das macht mich alles nur noch böse. Es gab im Vorfeld für so viele Fragen schon Vorschriften und Regelungen und das wurde eine Menge in der Vergangenheit verschlafen und deswegen ist es jetzt so, wie es ist. Die Deutschen sind ja sehr „sorgfältig“ was sowas angeht. Auch Homeschooling ist so ein toller Begriff, aber in Wirklichkeit passiert da ja nichts. Das was da stattfindet, hat mit Unterricht wenig zu tun. Das sind halt die Hausaufgaben, die sie vorher auch hatten und das nennt sich dann Homeschooling. Morgens findet irgendwie ein bisschen statt. Aber auch nur die Hälfte der Zeit, die sie eigentlich in der Schule dafür verwenden müssten. Und Nachmittags ist ja schon gar nichts mehr, da zusätzliche Hausaufgaben auch nicht klug wären. Ich empfinde das auch oft als Ausrede. Ich weiß, dass die Lehrer alle viel zu tun haben. Aber das was eigentlich jetzt da sein müsste, und das finde ich sehr wichtig: Die häusliche Gewalt nimmt ja durch die Pandemie immer mehr zu. Und das wird jetzt nicht mal mehr in der Schule wahr genommen. Mit Sicherheit gibt es unheimlich viele Kinder, bei denen es Schläge hagelt und fürchterliche Tage angebrochen sind. Das findet aber keine Beachtung. Die Jugendämter sind alle überlastet, da ist nichts zu machen. Und die Lehrer kommen nicht mehr ran. Eine Lehrerin unserer damaligen Schule hatte sich am Anfang der Pandemie noch aufgemacht und jedes Kind zu Hause besucht. Die hat sich darum gekümmert. Die Klassenlehrerin hat nicht mal angerufen. Ganz abgesehen davon, dass es vom Kultusministerium da keine Vorgaben gibt, finde ich es mindestens bedenklich, dass ein erwachsener, gebildeter Mensch nicht von selbst darauf kommt, dass er zumindest bei gewissen Familien mal vorbeischaut. Corona hin oder her. Man kann sich eine Maske aufsetzen, man kann Abstand halten. Man kann zumindest mal zum Telefonhörer greifen. Auf der anderen Seite sind die Lehrer ja auch die total Gearschten. Die wissen ja auch nicht, was sie jetzt machen sollen. Einerseits sollen sie in den Schulen bleiben. Andererseits sollen sie die Kinder zu Hause beschäftigen. Gott sei Dank kommen sie nicht auf die Idee, da einfach ein Handy hinzustellen, Frontalunterricht zu machen und zu sagen: „So, nun guckt euch das mal an!“ Handys hat ja jeder. Da regt sich dann die Politik, dass die Schulen mit Laptops ausgestattet werden, wo wir hier nicht mal Netz haben. Das ist schon ein bisschen ironisch., was unsere Politiker manchmal voraussetzen, was aber gar nicht umzusetzen ist, weil die Bedingungen nicht gegeben sind… Wie zu Anfang der ersten Welle, als alles desinfiziert werden musste und es gar kein Desinfektionsmittel mehr gab.

Bei meinen Patienten erlebe ich, dass sich viele verlassen und verloren fühlen. Und wenn dann noch die finanziellen Probleme dazu kommen, weil sie pandemiebedingt ihren Job verloren haben, weil der Betrieb nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte, weil der Laden geschlossen hat, dann sind die richtig fertig. Ich glaube nicht, dass sich das wieder einrenken wird. Ich glaube auch, dass insbesondere die Kinder und Jugendlichen einen immensen Schaden davontragen werden. Und der wird auch über viele Jahre anhalten. Der wird nicht einfach weg sein, wenn es Impfungen gibt. Auch danach müssen wir ja vorsichtig sein und es werden viele Bestimmungen aufrecht erhalten bleiben. Kinder und Jugendliche – insbesondere die jüngeren, die noch gar nicht genau wissen, wie das mit den sozialen Kontakten funktioniert – die lernen das ja jetzt auch überhaupt nicht. Da können die noch von Glück reden, die Geschwister haben. Aber ansonsten wissen die ja gar nicht, wie sich der soziale Umgang miteinander verhält. Woher sollen sie es auch wissen. Das haben sie ja nie gelernt. Und all das, was sonst immer angeboten wurde, mit Krabbelgruppen, Kindergärten, Grundschule, Sport, Musik, das ist ja alles jetzt auf ein Minimum zurückgeschoben. Ich glaube, dass dieser Mangel gesellschaftlich etwas bewirken wird. Ich weiß zwar nicht, was genau dabei herauskommen wird, aber es ist mit Sicherheit hinterher etwas da, was sozial bisher so nicht gewesen ist. Wo man entweder dem Anderen wesentlich herzlicher begegnen wird – das wäre natürlich eine schöne Wendung des Ganzen. Oder aber etwas, wo die Menschen sich noch mehr auf sich selbst beziehen. Was ja sowieso in den letzten Jahren eigentlich immer schon da war und sich alle nur noch selber in den Vordergrund geschoben haben. Ich glaube, dass die Menschen, die sowieso nicht gern soziale Kontakte haben, untergehen werden. Und dass sich das auch nicht so schnell wieder einrenken wird. Da ist ganz viel an Bedürfnissen, die im Moment einfach nicht gestillt werden.

Bei mir ist eigentlich alles beim Alten. Ich kann nicht mehr Essen gehen, aber ich kann mir ja Essen holen. Ich habe hier auf dem Hof so viel Platz und so viele Möglichkeiten, wenn ich ein Wort des Jammerns hätte, dann müsste ich echt was an den Hals kriegen. Das wäre Jammern auf so hohem Niveau, das wäre unverschämt. Denn wir haben hier alle Möglichkeiten. Wir können jederzeit raus gehen. Auf den umliegenden Feldern trifft man so schnell niemanden. Und selbst wenn ich mein Gelände nicht mehr verlassen dürfte, weil ich Corona hätte, wäre mir das relativ egal. Ich bin schon im absoluten Luxus. Die ganzen Leute, die hier auf den Höfen wohnen, die haben alle genug Fläche, um raus zu gehen und mal ihre Ruhe zu haben, oder haben auch ein-zwei Tiere mit denen sie sich beschäftigen können. Das haben Menschen in Stadtwohnungen nicht. In der dritten, vierten Etage mit drei Kindern im Alter von null bis sechs Jahren, möchte ich jetzt nicht stecken. Das sage ich meiner Tochter auch immer wieder. Corona hin oder her, das stört uns nicht. Das was uns stört ist der Mangel an sozialen Kontakten. Aber damit müssen wir umgehen. Und das ist natürlich nicht so pralle.
Ich tu alles dafür, dass ich mich möglichst nicht anstecke. Ich glaube auch, dass die Gefahr relativ gering ist. Die größte Gefahrenquelle hat wohl mein Mann, da er für uns einkauft, ich bin daheim. Ich treffe mich kaum mit jemandem. Angst, mich anzustecken, habe ich, aus mangel an Kontakten wird das hoffentlich nicht passieren. Corona haben will ich es aber auf keinen Fall. Denn die Spätfolgen, die dadurch entstehen, die man erstmal gar nicht so unbedingt spürt, die aber trotzdem da sein können, vor denen habe ich Respekt. Unsere Tochter hat ganz große Angst, dass wir versterben, wenn sie Corona anschlört, oder wir uns irgendwo anders anstecken. Das macht mich sehr traurig. Es ist erschreckend, wie viele Kinder – aber auch Erwachsene – jetzt so angsterfüllt sind, jemand anderen anzustecken. Was ja auch teilweise mit denen passiert, mit denen, wo man weiß, die haben jemanden infiziert. Aber verdammt nochmal, das nützt doch niemandem. Das finde ich gruselig, dass so eine Anfeindung stattfindet.
Wenn das Ganze hinter uns liegen wird – was ja vermutlich noch ein paar Jahre dauern wird – dann wird die Sehnsucht nach menschlichem Kontakt, nach mehr Begegnungen und engeren Begegnungen sehr groß sein. Das merke ich auch an mir selbst. Natürlich treffen wir uns auch mit Freunden, dann halten wir Abstand und gehen auf dem Hof spazieren. Aber das ist halt nicht so, wie wir es normalerweise machen. Normalerweise nimmt man sich in den Arm, sagt Hallo, oder schüttelt sich die Hand. Also irgendwas auf der körperlichen Ebene. Das findet ja auch nicht statt. Ich glaube tatsächlich auch, dass Handschütteln komplett aus unserer Gesellschaft verschwinden wird. Ein halbes Jahr vor Corona war ich auf einer Fortbildung und da sagte einer der Psychologen plötzlich, er würde sich das grade abgewöhnen mit dem Händeschütteln. Wo ich dachte „Was? Kein Händeschütteln? Wie schrecklich! Was soll das denn werden? Nee, das mach ich nie!“ Ich glaube nicht, dass das nach Corona in dem Maß wieder zurückkommen wird, wie es früher war. Da hat man ja jedem Hans und Franz die Hand geschüttelt. Das wird es sicher nicht mehr geben. Die körperliche Distanz wird größer sein.


Die letzten Interviews stehen an. Dann ist das Projekt Faces in Times of Corona beendet. 14 Monate habe ich die Pandemie nun schon mit meiner Kamera begleitet. Demnächst werden viele der Bilder im Stadtmuseum Quakenbrück gezeigt. Damit dir nichts entgeht, trag dich doch ganz fix für meinen Newsletter ein.

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