Als Corona anfing, dachte ich im Grunde genommen, das wäre gar nicht so schlimm. Wir hatten vorher die Vogelgrippe, Schweinegrippe und haste nicht gesehen, da war ich der Meinung, dass sei in ein paar Monaten Schnee von gestern. Deswegen habe ich mir da auch gar nicht so großartige Gedanken gemacht. Aber dann kam der Lockdown. Ich habe einen Ratskollegen, der ist Halbitaliener, als ich mich mit ihm unterhalten hab und er mir erzählte, was da in Italien los war, hab ich mich damit befasst, spätestens ab da hab ich da ganz anders drüber gedacht. Diese Bilder waren erschreckend. Es war ja so, dass du wochenlang durch die Gegend gelaufen bist – einige Leute haben Masken getragen, einige haben keine Masken getragen, und dann kam auf einmal diese Maskenpflicht. Da hab ich mir gedacht, dass das eigentlich ein bißchen spät kam. Dann kam die Maskenpflicht auch auf dem Wochenmarkt. Unsere Bürgermeister haben da ziemlich schnell die Notbremse gezogen und gesagt, da müssen wir aufpassen und die Menschen schützen. Denn bei uns auf dem Wochenmarkt, auf dem Land, kaufen hauptsächlich ältere Leute ein. Ich glaub, dass war schon eine richtige Entscheidung. Es gab auch durchaus Leute, die meinten, man solle sich jetzt nicht so anstellen, bei uns ist ja nichts. Da gibt es immer noch solche und solche. Ich hab letzte Woche in einer Kneipe Fotos gemacht und bin die ganze Zeit mit Mundschutz rumgelaufen. Da haben mich einige der Gäste ziemlich blöd angeguckt. Die Leute kommen rein, setzen sich hin, nehmen den Mundschutz ab, aber ich hab die ganze Zeit meinen Mundschutz aufbehalten. Es gibt ja auch Kneipen, da ist es ganz anders. Hier bei uns im Umkreis gibt es Kneipen, wo dann 200 Leute auf der Tanzfläche waren. Das halte ich dann schon für bedenklich.
Ich bin ja auch über sechzig und da denkst du anders. Anfangs habe ich mich überhaupt nicht bedroht gefühlt. Auch als die Bilder aus Italien kamen im Grunde genommen auch nicht so, wie das in den Medien breit getreten wurde. Das kam erst später. Aber als ich das Ausmaß erkannte, habe ich mich auch geschützt. Wir sind viel weniger raus gegangen. Ich bin ja im Rat der Stadt und habe da in den Ausschüssen ziemlich viel zu tun, arbeite ehrenamtlich im Stadtmuseum und das ist dann ja alles runtergeschraubt worden. Für das Stadtmuseum hatte ich geplant einen Bildband aufzulegen, der im wesentlichen von Schülerinnen und Schülern erarbeitet werden sollte. Schwerpunkt des Buches sind Gebäude, die Geschichte des Artlands und der Stadt Quakenbrück. Doch Corona hat dieses Projekt erstmal auf unbestimmte Zeit verschoben. Auf einmal hatte ich viel Zeit. Auch Zeit um nachzudenken. Die Coronakrise hat bei mir alles sehr entschleunigt. Mir ist zu der Zeit eine Festplatte abgeraucht. Die Sicherung der Fotos, die wir dann gemacht haben, hat dann ziemlich viel durcheinander gebracht. Alle bearbeiteten Bilder waren weg. Alle Rohdateien waren noch da, aber wild durcheinander auf der ganzen Festplatte verstreut, und das waren vier Jahre Arbeit, die da gespeichert waren. Dann hatte ich Zeit mich an den Rechner zu setzen und das vernünftig zu sortieren. Und das war im Grunde genommen auch ganz schön, einen neuen Blick auf meine Bilder zu bekommen. Ich habe Bilder gefunden, bei denen ich mich gewundert habe, wieso sie mir damals nicht aufgefallen sind. Nach so langer Zeit siehst du deine eigene Arbeit ganz anders. Und das ist nicht nur einmal passiert, das ist mehrmals passiert. Das war sehr interessant. Im Grunde genommen habe ich die Zeit genossen. Das klingt zwar blöd, aber ich habe sie genossen, weil das Leben hektisch war. Und diese Hektik ist auf einmal eingefroren gewesen, sie war auf einmal weg. Des war alles so entschleunigt, das Telefon klingelte nicht. Da war viel Zeit. Du konzentrierst dich und siehst Dinge auch anders, wenn du Zeit hast. Das hat mir so ein bißchen auch die Augen aufs Leben geöffnet. Du hast dich auf Sachen konzentriert, die früher ganz normal waren. Wo du dir keine großen Gedanken gemacht hast. Wo du einfach so durchs Leben gegangen bist und alles war ganz normal. Wenn du zum Beispiel einkaufen gegangen bist, warst du glücklich, dass sich da Menschen an die Kasse gesetzt und ihren Job gemacht haben. … Das ist ja schön, ,dass wir nicht in einer Großstadt leben, sondern in so einer kleinen Stadt. Ich konnte mit meiner Frau spazieren gehen. Wir konnten raus. Wir waren ja nicht an unsere Bude gebunden. Wir waren auch froh, dass wir eine große Wohnung mit einer schönen, großen Dachterrasse haben. Ich hab viel gekocht und es war auf einmal ganz anders. Ich bin massiv dankbarer geworden für Dinge, die Menschen für die Gesellschaft machen. Ich habe mir auch Gedanken gemacht über Dinge, die mich überhaupt nicht betreffen. Meine Mutter war im Pflegeheim und die ist vor nicht allzu langer Zeit gestorben, sie hat von der Coronakrise zum Glück nichts mehr mitbekommen. Denn wenn das der Fall gewesen wäre, hätte ich sie nicht mehr besuchen können, wäre sie in der Zeit gestorben, hätte mich das sehr mitgenommen. Es war aber trotzdem schlimm. Ich konnte meine Schwiegermutter nicht besuchen. Ich bin vor kurzem Großvater geworden, doch wir konnten das Enkelkind nicht besuchen und unsere Kinder konnten uns ja auch nicht besuchen. Das war ja alles nicht mehr möglich. Man war mehr unter sich. Aber dennoch habe ich die Zeit genossen und die Zeit mit meiner Frau geschätzt. Da ist der Zusammenhalt und die Liebe noch größer geworden, finde ich. Ich lieb sie immer noch so wie früher, das ist total schön. Es vergeht auch kein Tag, an dem wir nicht miteinander lachen. Das ist das Schöne daran. Das hat Bestand mit ihr, und das genießen wir. Corona habe ich da im Zusammenleben überhaupt nicht als Belastung empfunden. Ganz im Gegenteil. Es hat uns mehr zusammengeschweißt. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass du die Sichtweise dann änderst. Es kann ja jeden Treffen und dann haut es dich aus den Latschen.

Ob mich das jetzt langfristig verändert hat, ist eine sehr interessante Frage, die man nicht so einfach beantworten kann. Man verfällt ja ziemlich schnell wieder in den alten Trott, vermute ich. Das merkst du ja auch… Als der Sommer kam, wurden die Leute alle lockerer. Der Drang war da – die Leute wollten alle raus. Du kannst dich nicht mehr so frei bewegen, wie früher. Natürlich habe ich auch Lust zu raus zu gehen, auf Parties zu gehen. Was mir unwahrscheinlich schwer gefallen ist in dieser Zeit. Ich bin ein Mensch, der gern auf Leute zu geht, der Nähe sucht. Ich nehme Menschen gern in den Arm, die ich mag. Ich möchte sie drücken, weil das Wärme ist. Das ist ja weg. Das vermisse ich unwahrscheinlich und das tut auch weh. Ich mach das schon noch mit Leuten, wo ich es nicht sein lassen kann. Wenn es jetzt wirklich so werden würde, wie manche Leute prophezeien, dass wir uns nur noch mit dem Ellbogen begrüßen und uns nicht mehr umarmen, das wäre in meinen Augen eine Katastrophe. Das kann nicht sein! Das wäre eine so gefühlskalte Welt. Wenn du solche Emotionen nicht zeigen kannst und nicht ausleben kannst, das würde unwahrscheinlich viel zerstören. Und ich denke, das wäre auch gefährlich. Sehr gefährlich. Gerade bei älteren Menschen musst du ja sehr viel Rücksicht nehmen. Auch wenn die dann sagen „Wieso drückst du mich denn nicht!“ Aber wenn wir da ganz drauf verzichten, das kann sehr viel kaputt machen. Diese gefühlskalte Welt – das ist gefährlich. Andererseits – als ich gesehen habe, wie locker manche Leute mit der Situation umgegangen sind – die haben zusammen auf dem Bootssteg gesessen und Shisha geraucht, und haben den Schlauch rumgehen lassen – da hab ich mir schon Gedanken gemacht. Ob das jetzt richtig ist? Das halte ich auch für gefährlich. Und ich hab auch immer wieder auf dem Rechner geguckt, wie die Zahlen jetzt bei uns sind, was so in der Stadt los ist und wie sich das verhält. Ich versteh das aber auch, dass die Menschen das brauchen. Denn das gehört ja zum Leben. Und wenn nicht jeder einen Garten zu Hause hat und so viel Raum hat, wo er sich mit Freunden treffen kann, dann strömen die nach draußen. Das Wetter war toll, die Leute wollen nach draußen. Die waren genug eingesperrt, da war der Druck und der Drang nach Freiheit groß.

Ich bin kein Virologe. Aber wenn ich sehe, wie das anfing mit der Coronakrise und wie viele Tote wir hatten, dann habe ich persönlich das Gefühl, dass das Virus schwächer geworden ist. Du merkst ja auch, dass die Intensivbetten und Beatmungsgeräte nicht so genutzt werden. Die sind Gott sei dank vorhanden, aber sie werden zurzeit nicht so viel benötigt. Da denke ich manchmal, dass das Virus nicht mehr so wild um sich haut. Denn die Zahl der Toten geht zurück, obwohl die Zahl der Infizierten geht nach oben.
Aber da hast du ja immer die wildesten Gedanken im Kopf. Das kann sich auch ruckzuck ändern, jetzt wo der Sommer vorbei ist. Wir sind ja jetzt im Herbst… und dann im Winter… Ich weiß es nicht. Ich mein, es reicht auch. Ich hab am Anfang so gesagt, ja wart mal ab, in drei Monaten sieht die Welt anders aus. Ganz im Gegenteil. Da dachtest du es wird besser und es wurde immer schlimmer… Es hat also wirklich übel zugeschlagen. Ich hab dann auch nicht geglaubt, dass es schnell vorbei sein würde. Ich hatte ja die Bilder gesehen, wie das Virus zugeschlagen hat. In Italien, in den USA, Großbritannien. Da dachte ich schon, dass wir es so schnell nicht los werden. Da habe ich auch stellenweise Angst gekriegt. Nicht um mich persönlich. Das ist eigenartig. Ich hab mir dann eher Sorgen um andere Menschen gemacht als um mich selbst. Sowohl gesundheitlich als auch gesellschaftlich. Blut ist dicker als Wasser. Natürlich gilt meine Sorge in erster Linie meiner Familie. Unser Enkelkind ist jetzt grade ein Jahr alt geworden und das wäre für mich die absolute Katastrophe. Ich möchte nicht irgendwann mal meine Kinder überleben. Da hab ich keinen Bock drauf. Sorgen auch um meine Frau, das ist für mich der liebste Mensch, der um mich herum ist.

Ich geh davon aus, dass wir nach der Krise wieder in den alten Trott fallen werden. Schnelle Entscheidungen sind nicht immer die richtigen Entscheidungen und es ist ziemlich viel auf die Schnelle entschieden worden und nicht alles richtig. Das muss auch alles finanziert werden. Und das werden nicht wir bezahlen. Das werden unsere Kinder und unsere Enkelkinder bezahlen. Im Grunde genommen muss sich was ändern. Alles spricht von Digitalisierung und dies und jenes. Aber ein schönes Beispiel ist doch das Homeschooling: Es wurde gesagt, den Schulen und den Schülerinnen muss es ermöglicht werden digital zu lernen. Und was macht die Regierung?! Die schmeißt viel Geld auf den Markt und kauft erstmal den Lehrern einen Laptop. Ich weiß erstens nicht, ob die damit umgehen können. Und zweitens wäre das Geld besser aufgehoben, wenn nicht den Lehrern Geräte gekauft worden wären, sondern wenn sie dafür gesorgt hätten, dass die Schüler*innen so ein Ding bekommen. Das meine ich damit, wenn so schnelle Entscheidungen getroffen werden, dass es meiner Meinung nach nicht immer richtig ist. Ich hab zwar auch die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen, aber nichts desto trotz. Ich bin ja schon lange SPD Politiker. Dennoch muss ich an dieser Stelle sagen, dass wir eine tolle Kanzlerin haben. Sie hat in meinen Augen viel dazu beigetragen, dass wir da sind wo wir jetzt stehen. Erstmal was sie in der Flüchtlingskrise durchgesetzt hat, wo sie einfach gesagt hat: „Nee, das machen wir jetzt!“ und auch, wie sie in der jetzigen Situation gehandelt hat. Ich weiß nicht ob wir das mit einem Lindner oder einem anderen hingekriegt hätten. Kann ich mir nicht vorstellen. Aber einen Rettungsschirm für Banken, die Autoindustrie und für die Lufthansa – das ist meiner Meinung nach nicht richtig. Und wenn man dann noch Jens Spahn gelassen hätte, wie er hat wollen – noch mehr Krankenhäuser zu schließen – na dann prost Mahlzeit. Aber Gott sei Dank ist er damit nicht durch gekommen! Besonders traurig ist, dass die Kultur so vernachlässigt wird. Meines Erachtens nach wäre das wichtiger, als der Autoindustrie jetzt das Geld in den Allerwertesten zu blasen und dafür zu sorgen, dass sich alle Welt jetzt ein Elektroauto kauft. Ich bin da eher für Nachhaltigkeit. Das ist für mich wichtiger. Ich bin auch der festen Überzeugung, dass es nicht gerade grün ist, wenn sich jetzt alle auf Elektroautos stürzen, denn wenn man sich mal damit beschäftigt, wird einem auch klar, dass hat nicht wirklich was mit Umweltschutz zu tun. Denn Menschen und die Natur werden dafür ausgebeutet. Das kann doch nicht grün sein. Ja auch das sind Dinge, über die ich jetzt intensiver nachdenke und für die ich jetzt in der Coronakrise mehr Zeit habe, um mich mit solchen Sachen zu beschäftigen. Das gehört auch dazu. Ich habe eine andere Sichtweise bekommen und ich hinterfrage jetzt viel mehr als vor der Krise. Ich hoffe, dass das bei mir anhält. Das sollte anhalten!


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