Cornelia Werbick, Allgemeinmedizinerin

Es ist gefühlt schon so lange her. Ein Jahr. Wer hätte damals gedacht, dass es wirklich so lange gehen wird. Als unsere Kinder plötzlich zu Hause waren, da wurde mir bewusst: Das ist ernst. Ich erinnere mich, dass eine ganz große Dynamik entstand, als das Thema der Schulschließungen aufkam. Ich habe unsere Tochter, damals in der ersten Klasse, Freitag Nachmittag von der Schule abgeholt und die Betreuer wussten selbst noch nichts davon, als ich erzählte, dass ab Montag keine Schule mehr sein soll. So haben wir einfach alle Bücher zusammen gepackt. Die Kinder waren eigentlich ganz entspannter Stimmung, weil sie gedacht haben, sie gingen jetzt in die Ferien. Die wurden auch verabschiedet in die Corona-Ferien. Und ich dachte schon: „Naja, Ferien werden es wohl nicht werden!“

In der Praxis war es so, dass wir auf einmal sehr viel am Telefon waren. Viele Unsicherheiten, viele Fragen, viele alarmierte, aufgescheuchte Leute, die dann wissen wollten, was gerade passiert und wir nur sagen konnten: „Wir wissen es eigentlich auch nicht so genau.“ In der damaligen Situation habe ich auch gar nicht viele Gedanken daran verschwendet, wie lange das dauern könnte. Das war anfangs eine gewisse Überwältigung. Aber als es dann in den Osterferien immer noch keine Perspektive für die Schulen gab, da habe ich mich schon gefragt, was da jetzt auf uns zukommt. Ich weiß noch, dass die Kinder an meinem Geburtstag Anfang Mai eigentlich wieder zur Schule gehen sollten. Aber das wurde dann immer weiter verschoben. Ich habe gedacht, irgendwann muss sich doch jetzt mal irgendwas tun. Es muss doch mal vorwärts gehen!

Es ist anders jetzt, würde ich sagen. Jetzt habe ich das Gefühl: nächster Pressetermin – das wird auch keine große Veränderung bringen. Es wird wieder so sein, dass es heißt: „Verlängerung, Verlängerung, Verlängerung!“ Da bin ich, denke ich, sehr viel realistischer geworden. Ich war zu Anfang schon überwältigt und schockiert und dachte, ob das wirklich in der Härte so nötig ist, die Kinder und uns komplett aus unserem Alltag zu werfen. Aber ich habe auf die Zahlen geguckt und gesehen, dass sich wirklich was tut, so dass ich im Nachhinein sagen muss: So ganz falsch war das sicherlich nicht, so zu handeln. Man hätte vielleicht ein paar Dinge anders machen können. Ich bin schon der Meinung, dass die Kinder wieder früher hätten zur Schule gehen können. Mit den Erfahrungen, die man jetzt hat, vermisse ich aktuell die Kreativität und auch den politischen Willen, die Situation zu verbessern, gerade für die Familien. Davon, dass Schulen Priorität haben, ist jedenfalls wenig zu spüren. Im Augenblick wirkt es fast kopfloser als vor einem Jahr. Ich glaube zu dem Zeitpunkt damals war der Vorteil, dass keiner wusste was kommt, und alle die Maßnahmen in so einer Schockstarre hingenommen haben. Und jetzt kommen viel mehr Einzelinteressen und wer am lautesten schreit, wird gehört. Dieses Stichwort, dass da jetzt zum Thema Osterruhe kam: „Ein Feiertag kostet 7 Milliarden!“ Das hätte um diese Zeit vor einem Jahr keiner gesagt. Da war es leichter zu sagen, wir machen das jetzt einfach! Und alle haben gedacht: Das scheint echt ernst zu sein, da müssen wir mitziehen. Das ist jetzt nicht mehr so.

Ich erlebe, dass viele einfach unglaublich müde sind. Die Wortneuschöpfung „pandemüde“ trifft es für mich ganz gut. Gerade auch viele Eltern sagen: „Boah, ich bin einfach auf! Ich kann nicht mehr!“ Kürzlich sagte eine Patientin: „Wenn die Kinder jetzt wieder in der Schule sind, eigentlich ist auf der Arbeit so viel liegen geblieben, dass ich richtig Gas geben müsste. Aber ich kann gar nicht mehr. Ich bräuchte eigentlich erstmal Urlaub oder eine Kur oder sowas…“ Das ist das vorherrschende Gefühl, dass die Leute auch so zermürbt sind. Und dann gibt es natürlich auch nach wie vor Leute, die Angst haben, die sagen, dass sie sich nicht raus trauen. „Man liest immer so viel, man hört immer so viel – wann habe ich endlich einen Impftermin?“ Und viele fragen sich einfach nur, wann es endlich vorbei ist.

Man fängt an, für sich persönlich gewisse Kompromisse auszuhandeln. Wenn die Kinder draußen sind, ist es ok, wenn sie zusammen spielen. Wenn sie wieder in der Schule sind, ist es auch ok, wenn sie sich mit dem einen Freund verabreden. Für die Kinder macht man da so gut es geht Dinge möglich. Als Erwachsener nimmt man sich doch noch mehr zurück. Meine letzte Verabredung ist Monate her. Ganz abgesehen davon, dass sowieso nichts mehr auf hat, ist man ja auch gar nicht mehr daran gewöhnt, sich abends zu verabreden.

Ich glaube, unsere Kinder sind an sich sehr flexibel. Für sie sind vor allem Veränderungssituationen anstrengend, wenn nach einer längeren Phase Homeschooling der Präsenz- oder Wechselunterricht wieder anfängt, beispielsweise. Ich glaube, schwierig ist es für die Kinder, die per se ein bisschen ängstlich sind, die vielleicht auch die Angst der Erwachsenen vor Infektionen aufschnappen. Aber je kleiner die Kinder sind, umso unkomplizierter ist es für sie. Die leben ja sowieso im Hier und Heute. Bei unserer Tochter, die ist jetzt sieben, spielt es jedenfalls nicht so eine große Rolle. Sie beschwert sich immer mal, wenn Dinge wegen Corona nicht möglich sind und hofft dann, dass es bald vorbei ist. Da glaube ich auch, wenn das wieder vorbei ist und man ein-zwei Jahre später drauf guckt, dass es für sie keine Rolle mehr spielen wird.

Unser Sohn ist jetzt zehn Jahre alt, der nimmt das alles anders wahr. Der liest auch in der Zeitung, guckt auf die Zahlen und macht sich mehr Gedanken. Ich glaube, das ist eine bewusstere Wahrnehmung und ich könnte mir vorstellen, dass er sich auch anders dran erinnern wird. Er hatte jetzt einen Schulwechsel und das ist natürlich keine gute Startvoraussetzung – da bin ich sehr gespannt, wie die Kinder das verarbeiten. Wenn es jetzt nach den Osterferien wieder ohne richtigen Unterricht weitergeht, dann ist das ja schon das zweite Halbjahr und ich weiß wirklich nicht, wie man das überhaupt richtig werten kann was die Noten und Zeugnisse angeht.

Wichtiger ist aber meiner Meinung nach noch die psychosoziale Komponente, die fehlenden Kontakte zu Gleichaltrigen, die fehlende Möglichkeit raus zu kommen und unterstützt zu werden bei solchen Familien, wo alles vielleicht nicht so rund läuft.

Beim Stoff kann ich gar nicht einschätzen, was den Kindern wirklich für Lücken entstehen. Schwierig finde ich, dass die Schule so in die Familien verlagert wird. Man bekommt als Eltern eine ungute Kontroll-Funktion, dass man immer fragt: „Hast du das schon gemacht? Warum hast du noch kein Mathe?“ Ich habe schon von vielen gehört, dass es da große Auseinandersetzungen in den Familien gibt und das kann ich auch für uns bestätigen. Insofern wäre es gut, den Familien auch unbelastete Zeit in den Ferien zu gönnen, ohne zusätzlichen Unterricht. Nach den Sommerferien kann man dann ausgeruht wieder anfangen, sortieren und mal sehen: Wo stehen wir eigentlich? Natürlich gibt es auch Kinder, die zu Hause total aufblühen, introvertierte Kinder, die sich in der Schule vielleicht eher ablenken lassen. Ich kenne auch welche, die sagen, sie schaffen zu Hause mehr als in der Schule.

Ich glaube, wieviel Angst ein Mensch vor dem Virus hat, kommt sehr auf seinen Hintergrund an, wie medienaffin der- oder diejenige ist und auch, was im Umfeld los ist. Klar, Leute, die das im nahen Bekanntenkreis erlebt haben, die haben da einen anderen Blick drauf als Leute, für die das nur in der Zeitung gestanden hat. Es gibt sicherlich diejenigen, die eine so große Angst haben, dass sie sich nicht vor die Tür trauen. Aber das sind oft diejenigen, die auch vorher schon ängstlich in die Welt geschaut haben.

Man merkt schon sehr deutlich, dass manche Themen auch durch die Medien hochgespült werden. Also jetzt mit der AstraZeneca-Impfung, da muss ich schon sagen, dass die Reputation der Impfung sehr darunter gelitten hat, dass das ständig in den Medien rauf- und runterreferiert worden ist. Ich habe im letzten Jahr an vielen Stellen gedacht, es tut den Leuten nicht gut, dass es eigentlich kein anderes Thema in der Presse mehr gibt. Da hätte ich mir eigentlich gewünscht, dass die Medien mal sagen, sie machen einen Corona-freien Tag in der Woche oder sowas. Dass sie sagen, sie legen den Fokus bewusst auf andere Dinge, die in der Welt passieren. Teilweise wurde das ja auch versucht, dass Zeitungen zum Beispiel mehr Kinderseiten hatten.

Bei den Impfungen würden wir uns alle wohl ein etwas planvolleres Vorgehen wünschen. Auch mehr Willen. Dass gesagt wird: Wir wollen das jetzt schaffen! Und wir packen das jetzt an! Und dann legen wir auch alle unsere Energie da rein. Wenn wir sagen, dass ist ein kritischer Punkt in der Bekämpfung der Pandemie, dann sind wir auch bereit, da Anstrengungen auf uns zu nehmen! Man sieht an anderen Ländern, dass es auch schneller hätte funktionieren können.

Aus professioneller Sicht muss ich sagen: jeder der geimpft ist, ist gut. Was ich nicht will ist, dass irgendwo Impfstoff ungenutzt rumliegt. Ich glaube, die Debatte um die Priorisierung ist natürlich aus ethischen Gründen richtig und notwendig. Aber es ist aus meiner Sicht nötig, da eine gewisse Flexibilität reinzubringen, um die Leute damit auch nicht zu lähmen. Also, wir haben manchmal Situationen, dass im Impfzentrum gesagt wird, am Abend sind so und so viele Dosen übrig. Und wir müssen jetzt Leute finden, die in diese Priorisierung reinpassen, damit wir diese Impfungen irgendwie loswerden. Aber dann eben alte Menschen zu finden, die so kurzfristig reagieren können, ist ja auch nicht so leicht. Da würde ich mir wünschen, dass man das Vertrauen entgegen gebracht bekommt, sagen zu dürfen: Ich habe noch 20 Dosen über, ich gucke, dass ich die jetzt unters Volk bringe, und dann ist gut. So ist es sehr bürokratisch und mit sehr viel Aufwand verbunden. Da ist das Problem, dass diejenigen, die die Formulare entwerfen, die Realität derjenigen nicht kennen, die es hinterher umsetzen.

Ich glaube nicht, dass die Pandemie auf Knopfdruck eines Tages weg sein wird. Das wird uns weiter begleiten. Verschieden Experten u.a. der UNO oder des Weltdiversitätsrates haben schon mehrfach auf die Gefahr von Zoonosen in der Zukunft hingewiesen, wenn die Lebensräume von Tieren weiter so stark eingeschränkt werden. Deswegen glaube ich nicht, dass das Thema weg ist. Ich hoffe, dass man im Hinblick auf die Pandemiebekämpfung schon was draus lernt, in dem die Sache im Nachhinein nochmal ausgewertet wird, und man auch mit einem gewissen Abstand untersucht, welche Maßnahmen überhaupt geholfen haben und welche nicht. Und dass auch klar wird, dass die Interessen aller Gruppen in der Gesellschaft wichtig sind, dass nicht nur im Interesse derer entschieden werden darf, die sich am meisten Lobbyarbeit leisten können. Meine Hoffnung wäre, dass das Vertrauen in die Impfstoffentwicklung wächst. Ich war Anfang des Jahres selber baff, als es dann hieß, es geht los. Das ist eine Riesenleistung, die auch nicht genug gewertschätzt wird. Da Vertrauen zu gewinnen, dass das wirklich etwas Gutes ist und es nicht nur Pharmafirmen sind, die Gewinne machen wollen. Das wäre mein Wunsch.

Es wird dauern, das alles aufzuarbeiten. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in der Psyche der Menschen. Es wird Zeit brauchen, dass wir uns davon erholen. Für viele wird es eine Zeit sein, die sie lieber vergessen wollen. Nach dem Motto: Die dunklen Jahre sind vorbei, reden wir lieber nicht mehr drüber. Heute geht es uns wieder besser.


Die letzten Interviews stehen an. Dann ist das Projekt Faces in Times of Corona beendet. 14 Monate habe ich die Pandemie nun schon mit meiner Kamera begleitet. Demnächst werden viele der Bilder im Stadtmuseum Quakenbrück gezeigt. Damit dir nichts entgeht, trag dich doch ganz fix für meinen Newsletter ein.

Jetzt den Bildband crowdfunden:

Unterstützen

Du möchtest das Projekt anders unterstützen?! Tatsächlich ist das Ganze nahezu zu einem Vollzeitjob mutiert. Spendier mir doch einen Kaffee via paypal.me/coronakaffee – mein Lebenselixier während der Bildbearbeitung und dem Transkribieren der Texte. Und wenn du das Projekt und meine Arbeit gut findest, dann hilf mir dabei, dass das Projekt eine noch größere Reichweite bekommt und folge mir auf Facebook und Instagram @trugbildfotografie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.