Christoph, Pantomime & Klinikclown

Mein erster Gedanke war: Was kommt jetzt auf uns zu? Die ersten 14 Tage, 3 Wochen waren damit gefüllt, mir Ruhe zu geben. So etwas wie Urlaub – was ich über 7 Jahren nicht mehr gemacht habe. Morgens aufzuwachen und nicht an die nächste Veranstaltung zu denken. Sondern spazieren zu gehen, für meine Familie zu sorgen, zu kochen, einkaufen zu gehen. Ich wusste gar nicht, wie das geht, einkaufen zu gehen und in aller Ruhe sich mal ins leere Spaghettiregal zu setzen und sich anzuschauen, was uns an Überfluss an Nahrungsmitteln angeboten wird – das war ein Hammer. Da hab ich 3,4,5 Tage für gebraucht, um überhaupt die wahnsinnige Flut an Möglichkeiten zu entdecken. Für mich war das erstmal ein großes Stück Freiheit. Das habe ich sehr genossen. Jetzt kommen liegen gebliebene Dinge. Aufträge, die ich abarbeite, was auch immer noch schön ist.

Finanziell bedeutet die Situation aber einen mörderischen Einbruch. Jetzt lebe ich noch von dieser Unterstützung. Da sind natürlich die Manschetten stramm und man muss gucken, wovon darf der Künstler denn überhaupt leben!? Wovon darf der sein Essen kaufen? Meine Altersvorsorge musste ich zwar noch nicht angreifen, aber der Sommer kommt noch. Und dadurch, dass die Absagen jetzt schon in den Oktober reingehen, wird’s mir doch schon mulmig. Jetzt muss ich langsam überlegen, wie ich durch den Herbst kommen will. Wenn eine zweite Welle anrollt, dann bin ich bis Weihnachten arbeitslos. Das zieht sich dann in den Jahresanfang rein. Will ich Kredit aufnehmen, den ich dann später zurück zahle? Das ist dann nicht so witzig. Es gibt wohl die Überlegung, ob auch freischaffenden Künstlern gewährt wird, ihnen 60% ihres verlorenen Umsatzes zu erstatten. Das wäre eine tolle, freizügige Geste. Dann müsste ich nicht über Kredite nachdenken.

Angst vor der Krankheit habe ich nicht. Entweder es erwischt mich – dann erwischt es mich richtig – oder es erwischt mich nicht. Da bin ich recht unbedarft. Aber ich möchte natürlich einfach weiter leben! Die Maßnahmen finde ich überhaupt nicht zu weit greifend. Ich finde, sie sind sinnvoll gewesen. Wenn es nach mir ginge, hätten wir noch 14 Tage länger aushalten müssen, in der Strenge. Vermutlich hätten wir uns dann deutlich gesünder und freier bewegen können. Das hätte ich mir gewünscht. Aber nun sind wir deutlich zeitiger – und wir werden sehen, was kommt. Ich hoffe, dass wir den Herbst durch spielen können, dass wir keine zweite Welle bekommen.

Ich glaube, der Kulturbetrieb wird aus Corona herauskommen, aber es wird anders sein. Ich denke, es ist auch eine große Chance, dem Seelischen, dem was uns Menschen ausmacht, was wir Menschen brauchen, mehr Raum zu geben. Da müssen wir uns einiges einfallen lassen. Die Digitalisierung wird fortschreiten. Das hat nicht nur bedrohliche Dinge, das hat auch gute Dinge. Dass man über den Computer ins Gespräch kommen kann, dass man sich sieht, das ist schon eine tolle Sache. Dahin wird sich unsere Gesellschaft verändern. Ich glaube aber auch, unserer Gesellschaft hat es gut getan, mal in so eine Auszeit reinzukommen. Viele Menschen haben sich wirklich gesehnt, zusammen zu sein, es langsamer angehen zu lassen. Dieses „Leistung, Leistung, Leistung“ hat seine Grenzen. Bei allem Rausch, den man damit auch erreichen kann.


Die letzten Interviews stehen an. Dann ist das Projekt Faces in Times of Corona beendet. 14 Monate habe ich die Pandemie nun schon mit meiner Kamera begleitet. Demnächst werden viele der Bilder im Stadtmuseum Quakenbrück gezeigt. Damit dir nichts entgeht, trag dich doch ganz fix für meinen Newsletter ein.

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