Corona ist für mich tatsächlich schon im Januar präsent gewesen, weil meine Mutter von diesem Krankenhaus gelesen hatte, das in Wuhan in aller Schnelle aufgebaut wurde. Mein Vater leidet an Multipler Sklerose und sie sind deswegen sowieso vorsichtig – da hat sich meine Mutter gleich ganz viele Schutzmasken bei Amazon gekauft und war damit vermutlich die Erste in ganz Deutschland, die gut ausgestattet war. Und dann kam es zum zweiten Mal Ende Februar wieder auf, als ich bei meinen Eltern in der Nähe von Frankfurt zu Besuch war. Mein Bruder war in Italien, im Piemont, bei meinen Großeltern zu Besuch. Da kam die Nachricht vom ersten Todesfall in Italien. Meine Mutter hat sich direkt ans Handy geklemmt und ihm ganz viele Nachrichten geschrieben: „Komm zurück! Die machen die Grenzen zu!“ Wir haben sie ausgelacht und gesagt: „Niemals machen die die Grenzen zu. Mama, nun sei mal nicht hysterisch!“ Aber sie hatte tatsächlich recht und die Grenzen wurden relativ schnell geschlossen. Erst gab es die rote Zone und es wurde immer weiter abgesperrt, und dann hat es auch dramatische Züge angenommen, und mein Bruder hat die Beine in die Hand genommen und ist aus Italien zurück. Tatsächlich war er dann auch der letzte von uns, der meinen Großvater lebend gesehen hat – er ist am 7. Mai tatsächlich an Covid gestorben. Es war auch wirklich so, wie es hier in den Medien berichtet worden ist: Er wurde mit dem Krankenwagen abgeholt, meine Oma hatte schon davor erzählt, dass sie seit Wochen die ganze Nacht nur Krankenwagen hörten. Mein Opa hatte die ganze Woche schon Atembeschwerden. Er kam ins Krankenhaus, keiner durfte mit rein. Man hatte nur telefonisch Kontakt mit den Krankenschwestern, da hieß es, er wäre stabil. Am Abend ist er dann gestorben. Das schlimmste für uns war aber zu erfahren, dass kein Priester mehr kommen durfte, dass er nicht gewaschen wurde, dass er nicht angezogen wurde. Weil er ja, sobald er gestorben war, in den Sarg gelegt wurde und dieser “versiegelt” wurde. Immerhin ist er nicht gestorben, weil keine Hilfe geleistet werden konnte. Anfang Mai hatte sich die Lage in den Krankenhäusern schon wieder entspannt. Die Ärzte haben alles getan, was getan werden konnte. Die Beerdigung hat 36 Stunden später stattgefunden. Da konnte sich von uns aus Deutschland natürlich niemand mehr auf den Weg machen. Dass die Beerdigung überhaupt stattfinden konnte, war schon gut für uns als Familie, aber es ist nach wie vor ein komisches Gefühl. Vor allem für meine Mutter fehlte das Abschied nehmen.

Dadurch, dass wir ja in Berlin in einer sehr großen italienischen Community sind, haben wir das, glaube ich, alle ein bisschen ernster genommen als viele meiner nicht-italienischen Freunde. Und schon früh ernst genommen. Auch die deutsch-italienische KiTa, in der meine Kinder sind, hat sehr schnell Maßnahmen ergriffen, hat gebeten, die Kinder nach Möglichkeit nicht mehr zu bringen. Es war dann am 17. März, das weiß ich noch. Das war dann der Tag, an dem die KiTa zugemacht hat und wir plötzlich mit der Kinderbetreuung auf uns alleine gestellt waren. So mussten wir uns dann irgendwie die nächsten zweieinhalb Monate mit der Hilfe unserer Babysitterin, die noch kommen durfte, weil sie auch wirklich nur uns betreut hat, im Homeoffice zurecht finden. Und plötzlich ist da auch eine ganz neue Realität. Für mich beruflich ganz besonders herausfordernd war, dass in dem Monat auch viele neue Kolleg*Innen angefangen hatten, die ich dann aus dem Homeoffice onboarden musste. Das Ganze über Videokonferenzen und im Hintergrund waren die Kinder am schreien… Das ist wohl vielen so gegangen. Es war herausfordernd, es hat an den Nerven gezehrt. Gleich die ersten zwei Tage haben mein Mann und ich ordentlich gestritten, wer jetzt eigentlich mit den Kindern dran ist. Die Babysitterin war unsere Rettung, weil wir es dadurch geschafft haben, einen festen Rhythmus für den Tag herzustellen. Was ich ganz schön fand war: Unser tägliches gemeinsamen Mittagessen als Familie. Und mit der Zeit haben wir dann gemerkt, dass es auf unsere Kinder sogar einen positiven Effekt hat, so viel zu Hause zu seine und viel Zeit mit uns und sich selbst zu verbringen. Gegen Ende der KiTa-Schließzeit habe ich mit meiner Tochter unterhalten: „Du wirkst so glücklich!“ „Ja, ich bin ja auch glücklich,“ meinte sie. „Ich habe das Gefühl, du bist viel glücklicher als in der Zeit, als du in die KiTa gegangen bist.“ „Nein Mama, ich hab einfach nur mehr Zeit!“ Mir ist bewusst geworden, dass selbst eine Sechsjährige schon das Gefühl von Stress kennt, durch unseren Alltag und dass sie oft keine Zeit hat, in Ruhe zu spielen. Sie war in diesen Monaten auffallend ausgeglichen. Und die Kinder haben gelernt, super miteinander zu spielen und als Bruder und Schwester auch mal gegen die Erwachsenen zusammen zu halten. Das war richtig cool! Für die Kinder und uns als Familie war das ein positiver Effekt der Kontaktbeschränkungen. Es gab einen einzigen Tag an dem ich echt einen kleinen Nervenzusammenbruch hatte und zwei-drei Stunden geheult habe, hervorgerufen durch eine Mail der KiTa mit dem Betreff „Good News“. Dann fing erstmal die Liste der schlechten Nachrichten an: Alle abgesagten Veranstaltungen – keine KiTa-Reise, keine KiTa-Übernachtung… und die guten News waren: Wir machen einmal in der Woche einen Video-Call mit allen Kindern. Wenn man selber tagtäglich Video-Calls macht, weiß man, wie viel das bringen kann. Die Uhrzeit dann auch mitten in unserer Arbeitszeit. In dem Moment ist mir aufgefallen, wie allein gelassen wir Eltern mit der ganzen Situation eigentlich sind. Sowohl von der KiTa aus, die das ja eigentlich nur Entscheidungen von oben weiter gibt, als auch von der Politik.

Ganz sicher bin ich mir, dass in den Arbeitszeitmodellen ein Paradigmenwechsel stattfinden wird, wenn nicht schon stattgefunden hat. Die Entwicklung, die wir jetzt festgestellt haben, dass die Menschen ins Homeoffice gehen und zum Teil auch gerne bleiben möchten – das wird nicht wieder zurück zu nehmen sein. Arbeitgeber, die es von den technischen Möglichkeiten her erlauben können, werden auch weiterhin flexibel bleiben müssen. Und das ist auch gut. Homeoffice war in meiner Agentur schon vorher gelebter Alltag und ich denke, dass damit das Vertrauen in den einzelnen Arbeitnehmer steigt. Covid19 wird natürlich auch weitere gesamtgesellschaftliche Veränderungen bringen. Ich mache mir große Sorgen um Europa. Es sah eine ganze Zeit danach aus, als ob jedes Land nur für sich kämpfen würde. Jetzt mit dem letzten EU-Gipfel ist etwas in Bewegung gekommen, so dass man ein wenig Hoffnung auf eine neu entstandene Solidarität hegen darf. Aber das bleibt abzuwarten. Gleichzeitig wird, selbst wenn wir wieder in einem europäischen Rahmen denken, vieles vergessen, was im Rest der Welt passiert. Und da fällt einem natürlich die aktuelle Situation in den USA ein, die hier zu wenig Beachtung findet und zu wenig politische Reaktion hervorruft.

Wir hatten eine gute Idee, die aus Corona entstanden ist. Wir brauchten irgendeine Ausweichmöglichkeit, wir brauchten eine Form von Wochenendhäuschen oder Garten. So haben wir uns dann auf die Suche gemacht und uns jetzt für einen Campingplatz in Werder entschieden. Da haben wir ein Tinyhouse und einen alten Wohnwagen für die Kinder, wo sie spielen können, direkt an einem See. Das ist jetzt das, worüber wir uns dieses Jahr freuen. Und ich glaube nicht, dass das ohne Corona überhaupt angestoßen worden wäre. Also haben wir uns sogar etwas Positives geschaffen. Wir haben gemerkt, dass wir mehr in der Natur sein wollen und müssen, weniger unter Leute. Dass es in der Nähe sein sollte, weil wir in nächster Zeit ja ohnehin nicht weit kommen werden. Was wir früher vielleicht für selbstverständlich gehalten haben, werden wir seltener machen, etwa alle in den Flieger nach Italien steigen. Mir fehlt Italien, mir fehlt meine Familie. Mein Großvater sowieso. Vorerst bleiben wir aber lieber in Berlin und Umgebung.

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