Carina, Erzieherin

Als Corona damals anfing… Was weit weg ist, ist ja immer… Du kennst das ja. Für mich persönlich war es in China. Und dann im März kam es ja zu uns. Erst hat man halt gedacht, das ist ’ne Grippe. Weil man ja auch keine Infos aus den Medien bekommen hat. Das erste einschneidende Erlebnis, das ich damit hatte, war als dann die OP von meiner Stiefmutter verschoben wurde, die schon seit einem halben Jahr geplant war. Und da war für mich das erste Mal Corona präsent. Wir sind dann ja noch in der Coronazeit umgezogen, mussten uns dann natürlich beim Ordnungsamt erkundigen, wieviele Leute uns helfen dürfen, wie wir den Umzug gestalten können, wer helfen kann. Tatsächlich gab es keine Probleme. Die haben halt gesagt, solange der Abstand eingehalten wird, ist es kein Problem. Der Vorteil war, dadurch dass die OP meiner Stiefmutter ausgefallen ist, konnte sie mir beim Renovieren helfen. Auch unsere Hochzeit haben wir dann feiern können. Das war trotz der Situation sehr schön.
Ich war zu Beginn des Lockdowns schwanger. Es muss auch so März/April gewesen sein, dass mein Mann beim Frauenarzt dann nicht mehr mit durfte. Dann musste ich allein zu den Vorsorgeuntersuchungen. Je weiter es zum Geburtstermin kam, und je mehr Auflagen kamen, um so mehr Angst habe ich bekommen. Da hat man dann auch gesagt, die Schwangeren müssen während der Geburt eine Maske tragen. Da habe ich auch ziemlich krasse Storys gehört. Hier in Münster war das zum Glück alles im Rahmen. Auch für andere Mütter, die ich getroffen habe, war es nicht so schlimm, wie man es sich vorher vorgestellt hat. Aber da waren ganz viele Ängste mit im Spiel: Muss ich das alles jetzt alleine machen? Wird dem Papa das wichtige Bonding der ersten Tagen ermöglicht? Wenn ich allein im Krankenhaus bleiben muss? Was ist, wenn etwas unter der Geburt ist und wir länger bleiben müssen? Darf er dann nicht zu seinem Kind? Für meinen Mann war das natürlich auch total schwer, dass er dann nicht mit zu den Vorsorgeuntersuchungen konnte, nicht mit zum Ultraschall konnte. Sie hat dann einmal eine Ausnahme gemacht. Da musste er die ganze Zeit vor der Praxis warten und durfte dann nur mit zum Ultraschall. Er durfte nicht mit zum CTG, was ich auch nicht verstanden habe, weil du ja beim CTG alleine in dem Raum bist. Meine Frauenärztin ist bis heute sehr streng. Ich darf nicht mal mit meinem Baby in die Praxis. Jede Nachsorge, die ich habe, muss ich ihn dann von meinen Eltern betreuen lassen. Mein Mann hat natürlich versucht mich aufzufangen, mich zu trösten. „Das wird schon! Mach dir mal nicht so einen Kopf. Ich werd schon mit rein dürfen.“ Ich weiß nicht, ob er da mich oder sich selbst mit beruhigen wollte. Bestimmt ein bißchen uns beide.
Je näher der Geburtstermin kam, umso größer wurde die Angst. Ob ich alleine ins Krankenhaus muss, ob ich allein in den Kreißsaal muss… Was ja nicht nur für mich schlimm gewesen wäre, sondern ich fand es auch wirklich krass, wie die die Väter ausgeschlossen haben. Egal, ob es das erste oder das zweite Kind ist, die Väter haben ja genau so ein Recht! Aber das war dann ja Gott sei dank nicht. Offiziell hätte er nur eine eingeschränkte Zeit bei mir sein dürfen. Auf der Station haben sie dann aber gesagt, wenn er bei mir bleibt und nicht wieder runter geht, dann darf er bleiben. Im Krankenhaus gab es ein paar Einschränkungen. Er durfte zum Beispiel nicht ans Buffet. Da durften nur die Mütter und die Schwestern ran. Aber sonst…

Vor dem Virus selbst, habe ich eigentlich keine Angst, weil ich ein sehr gutes Immunsystem habe. Meine Frauenärztin wollte mir zum Beispiel noch eine Grippeimpfung während der Schwangerschaft geben, das habe ich abgelehnt, weil ich noch nie eine Grippe hatte. Aber ich war jetzt auch nicht so viel unterwegs. Dann war ja sowieso alles eingeschränkt. Unser Sohn ist im Juni geboren, da war ja zwischendurch schon noch Lockdown. Für einige Freunde war meine Schwangerschaft dann gefühlt auch ganz, ganz kurz, weil die mich am Anfang gesehen habe und dann im Lockdown gar nicht. Für mich war es halt total blöd, weil ich ein Beschäftigungsverbot hatte und mich gefreut hatte, dass ich so viel Zeit haben würde. Erst kam der Umzug, da habe ich gedacht, ok, danach hab ich immer noch Zeit, aber dann wurde der Lockdown immer länger und ich konnte nichts machen. Es war ok, aber man konnte ja nirgends hin, weil alles zu war. Ich hatte keine Angst vor einer Infektion, aber man muss ja auch nicht irgendwas riskieren und zu irgendwelchen Massenveranstaltungen laufen. Mit Maske war das Einkaufen teilweise halt schon.. .ich will jetzt nicht sagen, ganz, ganz schlimm, aber es war halt Sommer, es war total warm und als Schwangere bist du sowieso so kurzatmig… Da war die Maske nicht immer schön.
Zur Geburtsvorbereitung war es uns wichtig, einen Partnerkurs zu machen, damit mein Mann von Anfang an eingebunden wird. Und wir hatten auch gedacht, über so einen Kurs andere Eltern kennen zu lernen. Der Kurs war genau zwei Mal. Danach wäre das Ganze online gewesen. Da das dann aber in die Zeit unseres Umzugs fiel, hatten wir keinen Internetanschluss, der Laptop war noch nicht da und übers Handy war es nicht so gut, deswegen haben wir es dann nicht gemacht, obwohl es uns als Alternative angeboten wurde. Es war schön, dass ich aber noch zum Schwangerschaftsyoga konnte. Da konnte ich noch richtig entspannen, bis fast ganz zum Schluss, weil ich den Kurs so früh angefangen hatte. Die hat dann allerdings auch ein Onlineangebot gemacht. Wobei ich sagen muss, das habe ich dann nicht gemacht, weil ich zuhause nicht diese Ruhe kriege, die man dann mit den anderen in diesem Raum kriegt, wenn man es mit der Lehrerin zusammen macht. Deswegen habe ich mich dann dagegen entschieden, weil ich wusste, es hätte mir nichts gebracht. Nach der Geburt habe ich einen Rückbildungskurs mit einer Physiotherapeutin gefunden, die das am Aasee macht. Das nennt sich Buggyfit und das finde ich total schön. Du bist halt draußen ,es ist nicht in einem geschlossenen Raum, man muss keine Maske tragen und kann sich einfach so frei bewegen. Um Anschluss zu anderen Müttern zu bekommen, habe ich mir auch über Facebook eine Gruppe gesucht, da war ich jetzt auch letztens Kaffee trinken mit drei anderen Müttern und die haben das Gleiche gesagt: Man sucht sich seine Kontakte jetzt halt auf anderen Wegen. Und diese Krabbelgruppen fanden ja alle nur mit Auflagen statt. Aber jetzt ist ja sowieso alles wieder zurück gefahren.

Am Anfang hat man die Maßnahmen nicht so verstanden. Da habe ich mich schon gefragt, warum die Mann, mit dem ich zusammenwohne, nicht mit zum Arzt rein darf. Auch das mit dem Maske tragen habe ich am Anfang nicht so verstanden, mittlerweile versteht man es schon. Aber am Anfang waren die Aussagen sehr widersprüchlich und das hat mir auch Angst gemacht, gerade auch in Bezug auf die anstehende Geburt. Ich hab mir am Anfang nicht vorstellen können, dass diese Maßnahmen viel bringen können. Aber ich glaube, man arrangiert sich einfach damit. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das ist so. Und dann gehst du zum Einkaufen nicht nur mit Schlüssel, Handy, Portmonee, sondern auch noch mit Maske.
Ich kellnere ja selber nebenbei und da merkt man schon, dass die Leute auch wieder vorsichtiger werden. Es kommen zwar noch Leute, aber jetzt gerade, wo sich alles wieder nach drinnen verlagert, merkt man, dass die Leute sich sehr überlegen, ob sie noch rausgehen. Und ich glaube schon, dass uns das noch länger begleiten wird. Wir wollten im Dezember auf ein Ärzte Konzert. Das ist jetzt schon auf nächstes Jahr Dezember verschoben worden. Das zeigt ja schon, dass eigentlich niemand mehr damit rechnet, dass das alles übermorgen wieder vorbei sein wird. Ich bin ja totale Festivalgängerin und mein Mann und ich fahren da auch viel zum arbeiten hin. Enger und dreckiger und matschiger als auf einem Festival geht es ja nirgendwo. Und ich überlege schon die ganze Zeit, ob die Leute dann nächstes Jahr im Sommer wieder genauso hingehen. Ich glaube, ein großer Teil schon. Aber ich kann mir vorstellen, dass es auch ganz viele Leute gibt, die dann erstmal warten. Die Abstand halten. Ich glaube, es verändert unsere Welt schon, weil die Leute auch ängstlicher und unfreundlicher werden. Ich habe schon mehrfach erlebt, dass Menschen andere Leute ansprechen, dass mehr Abstand gehalten werden soll. Da gibt es zwei Seiten. Es gibt die, die relativ locker sind, und es gibt die, die relativ viel Angst haben. Ich glaube, man muss schon aufpassen, dass das mit der Angst nicht zu viel wird. Dass die Leute sich nicht zu sehr in Panik versetzen lassen. Ich kann mir vorstellen, dass alle für sich viel entspannter werden, wenn es endlich einen Impfstoff gibt und man sich wie bei einer Grippe impfen lassen kann. Du wirst immer Impfgegner haben, dass Leute sagen, sie wollen sich nicht impfen lassen. Ja, dann Pech gehabt. Das gibt es bei der Grippe, bei Masern – Leute, die sagen „Nee, mach ich nicht!“. Aber wenn es den Impfstoff gibt, dann wird ein Großteil der Menschen das machen lassen und dann wird sich das in der Gesellschaft auch wieder entspannen, glaube ich. Dass man dann nicht mehr so blöde Situationen hat. Es wäre schön, wenn die Impfung schnell käme. Ich hätte gerne wieder meine Festivals.

Und wenn es nicht bald wieder losgeht, dann wird die Branche auch irgendwann am Boden sein, wenn es nicht massive Hilfszahlungen gibt. Die Firma, für die wir auf Festivals Eis verkaufen, die lebt von 450 Euro Kräften, von Teilzeitkräften, von studentischen Aushilfen. Die haben zwar auch einen kleinen Teil Festangestellte, aber die sind jetzt auch schon seit Juli in Kurzarbeit und die leben im Moment von Kleinigkeiten. Aber das ist halt nichts, wovon so ein riesen Unternehmen leben kann. Da hängt ja ein ganzer Rattenschwanz hinter. Da hängt der Getränkelieferant dran, die Security… so ein Festival bietet ja nicht nur Unterhaltung, sondern auch wahnsinnig vielen Menschen Arbeit. Und wenn es das alles nicht mehr gibt, werden wir ganz viele Leute haben, die nicht mehr wissen, wovon sie leben sollen. Gerade Studenten, Schüler, Nebenjobber, so wie ich, wenn man von einem Hauptjob nicht leben kann. Das wird schon ganz vielen an die Existenz gehen.
Jetzt, im zweiten Lockdown bin ich erstmal wieder arbeitslos. Sie haben der Gastronomie riesen Auflagen reingesteckt. Alles haben die umgesetzt und Geld investiert. Und dann sagen sie: „Vielen Dank, das habt ihr toll gemacht. Hier! Als Belohnung dürft ihr 4 Wochen nicht arbeiten!“ Das wo die Leute nun langsam wieder mehr raus gegangen sind. Es gibt keine Weihnachtsmärkte, das hätte der Gastro gute Umsätze bescheren können. Und wir 450 Euro Kräfte werden ja quasi im Regen stehen gelassen. Die Gastronomen haben so viel gemacht und getan, und als Dankeschön dafür, macht die Regierung uns wieder zu. Uns fehlen mal eben so 500 Euro. Wir haben jetzt wirklich Existenz Ängste. Für uns gibt es kein Kurzarbeitergeld oder so. Und da die Regierung weiß das 75 Prozent der Gastronomie aus 450 Euro Kräften besteht, ist Zumachen ja kein Problem. Sie müssen dafür nicht aufkommen…


Die letzten Interviews stehen an. Dann ist das Projekt Faces in Times of Corona beendet. 14 Monate habe ich die Pandemie nun schon mit meiner Kamera begleitet. Demnächst werden viele der Bilder im Stadtmuseum Quakenbrück gezeigt. Damit dir nichts entgeht, trag dich doch ganz fix für meinen Newsletter ein.

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