Als Corona im Februar anfing, habe ich das sehr ernst genommen und nicht gedacht, dass es irgendwas ist, das in ein paar Wochen vorbei ist. Als ich vor vier Jahren in Asien auf einer Fahrradmesse war, habe ich dort schon eine Covid-Welle erlebt. Damals habe ich schon ein Gefühl dafür bekommen, dass so etwas sehr gefährlich sein kann. Die Asiaten haben ja eine ganz andere Einstellung dazu. Sie tragen Maske, das ist für die gar kein großes Problem, wie es das bei uns ist. Das kommt ja aus dem Gedanken „Ich bin erkältet, also trage ich eine Maske!“ und nicht der Gedanke: „Du bist erkältet, warum trägst du keine Maske?!“ Der Ansporn kommt aus einer anderen Richtung. Es kamen also auch bei uns die Masken. Und es war klar, dass wir die Kneipe nicht mehr betreiben können. Alles wurde geschlossen. Es gab keine Konzerte mehr. Wir konnten die Kantine nicht mehr öffnen, wir konnten die Kneipenkultur mit Gesprächen über Gott und die Welt und die musikalische Begleitung dazu nicht mehr machen. Und da habe ich überlegt welche Möglichkeiten es gibt, trotzdem Kunst zu machen, trotzdem Menschen zu erreichen. Seitdem versuchen mein Sohn Kosta und ich das über ein lokales Radio zu machen. Mein Bruder arbeitet in Brooklyn bei einem Radiosender, wo er auflegt. Da sind wir schnell auf die heilende Wirkung der Musik gekommen. Ich bin aufgewachsen mit Musik. Mit Musik als politischer Kunstform. Aber auch als Kunstform, die befriedigt, die zusammen bringt und versöhnt. Und dann bist du bei der Musik, die du spielst, schnell bei Musikern, die eine Meinung haben, eine Botschaft. Und spielst diese schrägen Leute, die du sonst nie im Radio hörst. Und das ist jetzt unsere Begleitmusik, unser Soundtrack für die Pandemie, den wir streamen. Das ist eine Lösung. Aber nicht die Lösung. Das was am meisten leidet, sind die Kunst, die Musik, die Theater – diese Branchen. Mir tut das weh. Ohne das ist jedes Land ärmer. Kunst ist für mich auch immer eine politische Botschaft. Es ist nicht einfach Schönheit. Es ist wirklich eine Gegenstimme. Meist sind es die Künstler, die das aussprechen, was ihnen nicht gefällt. Kunst bewegt die Welt immer ein bißchen weiter. Sie muss immer an Grenzen stoßen. Sie muss sich immer wieder erneuern und immer wieder fragen, und das versuche ich so gut ich kann, mit meinen begrenzten Möglichkeiten zu unterstützen. Denn Musik ist ein Begleiter unserer tagtäglichen Bedürfnisse. Da hatte ich mir für 2020 selbst viel vorgenommen. Ich wollte endlich wieder auf Konzerte gehen. Weil es Beethoven 250stes Geburtsjahr ist, hatte ich mir Karten für Kraftwerk in Bonn gekauft. Dort ist ja Beethovens Geburtshaus. Dann wurde das verschoben von Mai in den August, von August in November und jetzt ins nächste Jahr. Ich hatte Karten für die Einstürzenden Neubauten in der Elbphilharmonie. Das war schnell ausverkauft – ich hatte Karten! Auch das wurde erst verschoben und dann abgesagt, weil die Elbphilharmonie keine Termine für die nächsten Jahre hatte. Livemusik ist richtig schwierig. Es gibt zwar wieder kleine Konzerte, aber die sind ziemlich trostlos. So trist. Wenn die Leute in Zweiergruppen mit Mindestabstand sitzen – ich weiß nicht, ob das das musikalische Erlebnis ist, wie wir uns das vorstellen. Aber wahrscheinlich muss man damit klar kommen, dass wir in Zeiten leben, wo Veranstaltungen bei denen alle Leute zusammen sind, wo man sich vielleicht auch mal nach langer Zeit wieder sieht – wie bei uns in der Kantine zu Weihnachten beim „Heiligen Bimbam“, wo alle Leute in die Heimat zurück kommen und mit ihren alten Freunden ausgehen wollen, die sie das ganze Jahr nicht gesehen haben – wahrscheinlich erstmal auf unbestimmte Zeit vorbei sind. Sicherlich warten wir auf die Impfung. Aber wenn ich überlege, wie viele Leute auf der Welt geimpft werden müssen… Wir hatten die Kneipe im Sommer ein paar Wochen auf, als wir wieder durften. Weil der Laden viel zu klein ist, ging es ja nur draußen. Aber jetzt mit dem kalten Wetter müssen wir bis nächstes Jahr schließen. Weil es einfach keinen Zweck hat. Finanziell. Aber die Leute kommen auch nicht mehr. Meine große Angst bei Corona ist, dass wir uns in eine Phase begeben, wo die Leute sich nicht mehr nach draußen trauen werden und vergessen, dass es normal war raus zu gehen, Leute zu treffen, ein Bier zu trinken – ich fürchte, auch wenn es wieder geht und erlaubt ist, wird es immer einen etwas komischen Beigeschmack haben, nach dem Motto „Darf man das überhaupt?!“.  Als Künstler, als Barbesitzer, als Veranstaltungsorganisator war mir schnell klar, dass die Welt sich dadurch ändern würde. Dass eine ganz andere Zeit auf uns zu kommt. Ich fand das sehr bedrohlich.

Für unser Projekt „Rock für Tibet“ hätten wir in diesem Jahr das neunte Festival organisiert. Das konnte natürlich nicht stattfinden. Wir hatten in der Vergangenheit bis zu 1000 Leute auf dem Gelände und das ging gar nicht. Wir haben überlegt einen Live Stream zu machen und darüber noch ein bißchen Geld zu generieren, weil wir ein Projekt in einem Flüchtlingslager in Indien laufen haben, in dem viele Tibeter leben, wo es noch tausendmal schwieriger ist als bei uns. Wir denken, wir könnten anderen in dieser Krise nicht helfen. Aber gerade anderen Ländern, wo wir uns nicht ansatzweise vorstellen können, wie die gesundheitliche Situation dort ist, muss geholfen werden. Wenn du in Afrika, in Indien oder sonstwo lebst, wo du keine vernünftige medizinische Versorgung hast, dann ist die Todesrate viel höher. Deswegen ist Corona auch keine Ausrede, nicht mehr zu helfen, sondern sollte eher ein Ansporn sein zu zeigen, was doch möglich ist. Aber wir sind sehr egoistisch. Dieser Egoismus kommt jetzt wie alle anderen schlechten Eigenschaften zum Vorschein. Wir brauchen uns keine richtigen Gedanken zu machen. Wir haben Geld. Wir haben sehen können, wieviel Geld wir tatsächlich haben um diese Krise zu managen. Mir wäre es lieber, die Regierung gäbe das Geld dafür aus als darauf zu sitzen. Wir haben die Möglichkeit Geld zu leihen. Und das entbindet uns nicht von der Verpflichtung anderen zu helfen. Dieser Egoismus ist eine komische Charaktereigenschaft, weil wir eigentlich wissen, dass es anderen auch schlecht geht. Das ist genau wie Leute, die Corona in ihrer Familie erlebt haben, die gehen da ganz anders mit um, als Menschen, die das nicht erlebt haben. Die Partygesellschaft ist beleidigt, wenn sie keine Party machen kann. Aber wenn Oma oder Opa stirbt, merken sie plötzlich, dass an der Krankheit was dran ist. Ich weiß nicht, was die Zukunft uns bringt. Das ist schwierig einzuschätzen. Ich glaube nicht, dass die Pandemie schnell zu Ende sein wird. Es gibt natürlich die Möglichkeit zu sagen „Egal, die Leute wären sowieso gestorben!“, aber ich denke – meine Mutter mit 90 – warum soll sie ein halbes Jahr früher sterben, nur weil wir nicht ein bißchen sorgsam sein können? Aber das ist wahrscheinlich schwer nachzuvollziehen für einen 18-Jährigen, einen 25-Jährigen oder sogar einen 35-Jährigen. Mir war es nicht so richtig klar, dass viele solche Partypeople sind. Vielleicht hätte ich das merken müssen. Wenn du siehst, wie voll die Restaurants sind – die Leute brauchen ja auch die Möglichkeit auszugehen. Eigentlich müsste es eine Art Kunststeuer geben, als Förderung für die Menschen, die unser Leben wirklich bereichern. Mit ihrem Bild an der Wand. Mit ihrem Musikstück, ihrem Theaterstück. Das sind die Sachen, die uns abheben von allen anderen Lebensformen, die es gibt. Die Schönheit. Die Motivation, bessere Menschen zu sein. Und trotzdem die Gefahr, Fehler zu machen. All das ist in der Kunst verpackt. Und ich weiß nicht, wie man das honorieren kann. Sicherlich nicht, indem man jemandem 100 Euro gibt und sagt: „Jetzt kannst du diesen Monat deine Miete bezahlen.“ Das ist nicht der Weg. Man muss es grundsätzlich anerkennen. Wenn wir Kunst und Kultur haben wollen, dann müssen wir dafür was ausgeben. Wenn wir die Umwelt retten wollen, müssen wir Geld dafür ausgeben. „Wir haben kein Geld!“ hat Covid-19 widerlegt. Es gibt Geld. Es gibt so viel Geld! Es muss nur in die richtigen Kanäle fließen. Das ist meine Hoffnung, dass wir das aus dieser Situation lernen.

Meine Mutter, die dieses Jahr 90 wird, lebt in England mehr oder weniger alleine. Mein Bruder ist in Brooklyn und es ging so ruckzuck, dass es in Amerika ganz schlecht wurde und sehr viele gestorben sind. Meistens ist es so, dass die Amerikaner so etwas nicht gut verarbeiten können. Auch in seiner Nachbarschaft sind sehr viele Menschen gestorben. Diese Krankheiten sind eher „arme Leute Krankheiten“. Das heißt, die Sterbezahlen sind bei den Schwarzen, bei den Latinos, viel höher als bei den Weißen, weil die mehr Platz haben. Wenn ich das sehe, denke ich, dass es in Deutschland eigentlich sehr gut gemacht wird. Und dann fing es in England an. Meine Mutter lebt zum Glück sehr weit unten am Meer und ich glaube, die haben bis jetzt noch gar keine Infizierten gehabt. Trotzdem war sie für ein halbes Jahr im Lockdown isoliert. Sie hat natürlich jemanden, der für sie eingekauft hat. Und dann sagt sie zu mir: „Jaja, das ist jetzt nicht gut, aber der Krieg war schlimmer!“ Sie hatte die richtige Einstellung. Und das ist bei vielen Leuten nicht so. Diese Einstellung, das Gefühl der Zugehörigkeit und des Respekts der Gemeinschaft gegenüber, vermisse ich in der jetzigen Situation. Die Menschen sind egoistisch. Sie müssen dreimal in Urlaub fahren, sind nicht in der Lage sich einzuschränken. Vielleicht zeigt so eine Krankheit das wahre Gesicht der Menschen. Ich höre immer in den Diskussionen, wenn wir die Wirtschaft nicht ankurbeln, wird es uns allen schlecht gehen. Wirtschaftliche Aspekte haben mich weniger berührt, weil ich dachte, das kriegt man hin. Denn der ganzen Welt geht es wirtschaftlich schlecht. Es ist ja nicht so, dass die Krankheit nur Deutschland trifft. Wahrscheinlich haben wir sogar den Vorteil, weil uns die Krankheit noch am wenigsten betrifft. Ich mache mir größere Sorgen, wie wir miteinander umgehen. Dieses Misstrauen, das entsteht, das für die jungen Leute wahrscheinlich noch viel schlimmer ist, als für die Älteren. Beziehungen, Leute kennenlernen… Auch die Auswirkungen auf die Kunst, auf die Menschlichkeit, die Auswirkungen auf die Liebe – diese ganzen positiven Eigenschaften, die sehe ich sehr gefährdet. Wo ist die Nächstenliebe? Diese Pandemie ist etwas, das uns entfremdet und uns auseinandertreibt. Wir sind daran gewöhnt uns anzufassen, uns zu umarmen… und nach einem halben Jahr vermisst man das total. Man kann sich nicht mal die Hand geben… Corona ist auch eine Chance, unser Leben etwas zu entschleunigen und darüber nachzudenken, was falsch läuft und anders gemacht werden kann. Das sind so Sachen, die mich berühren. Ich hoffe, dass wir durch Corona eine andere Lebenseinstellung bekommen und realisieren, was im Leben wirklich wichtig ist.

Ich finde es schwierig eine konstruktive Meinung zu haben, weil es so viele unterschiedliche Informationen gibt und irgendwie weiß keiner wirklich Bescheid. Ich bin hier in Quakenbrück in der Lokalpolitik aktiv und ich denke, den Job, den unsere Politiker machen, den wollte ich selbst nicht haben. Denn du musst dich mit Experten beraten, musst auf sie hören, aber am Ende wissen die es auch nicht. Und egal was du machst, es ist falsch. Und es gibt genug Gründe die Politiker zu verhauen, aber hätte irgendeiner von uns es besser gemacht? Ich weiß es nicht. Im Nachhinein kann man sagen, dass sicherlich Fehler gemacht wurden. Aber ich denke in Deutschland weniger als in anderen Ländern. Es gibt den schwedischen Weg, der auch gut ist, aber ein bißchen kaltherzig. Die Engländer kriegen es nicht geregelt. Die Amerikaner sowieso nicht. Da ist die Maske ein Affront gegen ihre demokratischen Rechte. Aber die Masken gefährden nicht deine demokratischen Rechte. Vielleicht sollte die Menschheit 5 Minuten überlegen und sich fragen, ob sie alles richtig macht. Als ich jung war, gab es diesen Hippietraum. Freedom , Peace, Love… Ich staune über die Welt, wie sie jetzt ist. Wir haben so ein Kartenhaus gebaut. Und Corona pickt eine Karte raus. Das Haus bleibt irgendwie stehen. Aber unsere Welt besteht aus Aktien, Währungsfluktuation, aus Gier, wir sind unersättlich, es ist egal was wir haben – es reicht nicht. Die meisten von uns haben drei Essen am Tag, sie haben was sie wollen. Aber sie sind trotzdem nicht zufrieden. Das ist, was uns grade vorgeführt wird. Ich hoffe, dass wir lernen anders miteinander umzugehen. Weil uns jetzt vor Augen gehalten wird, wie wichtig das ist. Aber meine Angst ist, das wir das gar nicht merken. Dass wir es gar nicht als Chance sehen, sondern eher als Bedrohung und wir nur ins Wirtschaftliche zielen. Wir sind jetzt seit sieben Monaten in der Pandemie und keiner von uns kann sagen, wie, wann und wo es endet. Wenn du zurückschaust, hatten wir immer Kriege, die der Knopf waren, der alles wieder auf Null gesetzt hat. Die Amis haben das jahrelang so gemacht. Korea, Vietnam… Damit haben sie ihre Wirtschaft wieder aufgebaut. Jetzt leben wir sehr lange ohne Krieg. Unsere Generationen kennen das nicht mehr. Die letzten, die das wissen, sterben langsam alle. Und jetzt ist da diese Pandemie, die ähnliche Auswirkungen hat. Wenn man sieht, dass in Deutschland x Leute gestorben sind, klingt das nicht viel, verglichen mit anderen Ländern. Aber das ist so groß wie unsere Stadt. Auf einmal alle weg. Das ist schon eine Hausnummer. Ich hoffe, dass jetzt überdacht wird, auf Teufel komm raus im Gesundheitssystem zu sparen,. Dass gesehen wird, was wir wieder aufbauen müssen. Denn Covid-19 ist nicht die letzte Pandemie, die auf uns zukommen wird. Viren sind Waffen, wahrscheinlich stärker als Atombomben. Und ich glaube, die Gefahr in Richtung Krieg oder Wirtschaftskrise wird durch einen Virus tatsächlich größer. Die Welt ist im Moment in keiner guten Situation. Wir werden gesteuert durch Alphamänner wie Trump, Erdogan, Putin… Drückt Trump irgendwann auf den Knopf und sagt „China kriegt jetzt, was es verdient hat?“ Tut er wahrscheinlich nicht. Aber wer weiß das schon?! Die Welt ist unsicher geworden. Mit der Zeit werden wir sehen, wie unsicher wirklich. Aber ich mache mir Sorgen um die Welt. Und auch um unsere Demokratie. Denn das spielt alles eine Rolle. Und wenn eine Pandemie uns erst zeigt, wie wir selber sind, dass die Demokratie den Menschen weniger wichtig ist als dreimal in Urlaub zu fahren… Denn die Demokratie ist nicht so gefestigt, wie viele Leute denken. Wenn du die Proteste in Berlin siehst, die Verschwörungstheoretiker – die sind komplett durchgemischt – aber die Menschen sind manipulierbar und ich finde, das ist eine große Gefahr. Die AfD benutzt das Thema als Waffe. Wenn du diese Zeit mit den 1930er Jahren vergleichst… Die Nazis sind auch erst gewählt worden. Die sind auch ins Parlament gekommen als kleine Partei. Da sind viele Parallelen: Wirtschaftskrise – durchaus möglich in den nächsten Jahren. Reich gegen Arm. Alt gegen Jung. Ausländer gegen Deutsche. Flüchtlingsprobleme… Und das macht unsere Zukunft nicht unbedingt rosiger. Uns wird ein Spiegel vorgehalten, den wir ohne Corona nicht hatten. Ob das jetzt positiv oder negativ ist?! Es wäre schön, wenn ein Ereignis wie Corona uns alle zum Nachdenken brächte. Ich finde, man könnte Verantwortung daraus entwickeln, dass man sieht, dass diese Pandemie sich an keine Grenzen hält. Vielleicht zeigt das Virus uns, dass wir über unsere Verhältnisse leben und hält uns die Frage vor Augen, ob es richtig ist, dass wir zu viel konsumieren. Unser dekadenter Lebensstil – das kommt uns nicht so vor. Aber wir haben ja eigentlich keine Überlebensängste. Uns interessiert nur das nächste Smartphone. Nero fiedelt, während Rom brennt. Wir gucken zu, wie die Welt, wie die Gesellschaft zu Grunde geht.

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