Wir hatten zum Geburtstag meiner Freundin eine Reise nach Hamburg gebucht, zum Cirque du Soleil. Das war am 1. März, sozusagen unser letztes Stückchen Normalität, mit dem Zug nach Hamburg zu fahren und den Cirque du Soleil anzuschauen. Der lustigerweise kaum noch besucht war. Keine Ahnung ob die Veranstaltung nur schlecht verkauft war oder das schon die ersten Anzeichen waren. Aber hinter uns saßen Leute, die gehustet haben, da hat man sich schon komisch gefühlt. „Ist das alles noch so richtig hier?!“ So fing das an. Wir hatten noch eine Geburtstagsparty mit der Familie geplant, die fiel dann aus. Weil die dann am 5. März schon nicht mehr nach Berlin kommen wollten.
Der Lockdown ging dann knapp zwei Wochen später los. Ende März wollten wir eigentlich nach Frankreich in Urlaub fliegen. Der Flug ging dann schon nicht mehr. Wir wären auch nicht mehr mitgeflogen, davon abgesehen. Erstmal bist du natürlich nicht so happy, wenn dein Urlaub ausfällt, weil der ja wichtig ist. Sich erholen, mal was anderes zu sehen. Dann bist du natürlich erstmal mit dem Organisatorischen beschäftigt. Wie krieg ich mein Geld wieder? Was kann ich wie stornieren? Die Fluggesellschaften waren ja noch dabei, diesen ganzen Prozess aufzusetzen. Für die kam das natürlich auch relativ unerwartet, dass dann nichts mehr ging innerhalb von zwei Wochen.
So richtig Lockdown hatten wir hier in Berlin eigentlich nicht. Für mich hat es sich jedenfalls nicht so angefühlt. Gut, ich war vier Wochen im Homeoffice, aber ich hätte jederzeit ins Büro fahren können. Die Kollegen sind jederzeit ins Büro gefahren. Tatsächlich war das vielleicht nur mein persönliches Erleben, weil unsere kleine Firma gesagt hat, dass sie das den Mitarbeitern überlassen und keine Verbote und Vorschriften brauchen, dass man Homeoffice machen muss oder so. Wir hatten auch durchgängig zu tun. Es wurde dann immer gesagt, wenn die Leute aus ihren Homeoffices anriefen: „Ist ja alles so schön. Ich find das total entspannt. Ich hab so viel Zeit für alles!“ Und wir dann so: „Also, hier hat keiner ein neues Instrument gelernt oder ist Kunstmaler geworden.“ Also, wir haben durchgeknüppelt.

Wir haben das Risiko eigentlich recht rational betrachtet. Eine reale Gefahr habe ich bisher nicht empfunden, aber die Notwendigkeit zur Vorsicht durchaus. Wenn du mit einer chronisch kranken Person zusammen lebst, musst du dazu ein Verhältnis entwickeln, das jetzt nicht sein kann: „Ist mir egal!“ Das geht halt nicht. Das überträgt sich in alle Lebensbereiche. Dienstreisen habe ich in der Zeit komplett abgesagt. Ein oder zwei hätte es noch gegeben, danach ist sowieso alles ausgefallen. Sicher haben wir uns nicht gefühlt, aber auch nicht direkt bedroht. Ich hatte jetzt keine Angst oder so. Und meine Freundin hat zu gesundheitlichen Themen ja generell eine professionelle, rationale Einstellung. Die hat das für sich schon sehr genau eingeschätzt, was geht und was nicht.
Sie trägt zum Beispiel auch auf der Straße eine Maske, was ich für mich nicht sinnvoll finde oder nötig. In geschlossenen Räumen sieht die Sache natürlich anders aus. Und dadurch, dass wir bisher hier keine große Welle hatten, hat sich das eigentlich auch nicht verändert. Im Endeffekt machen wir derzeit eine Situation durch, in der kein lebender Mensch jemals war. Und können in Deutschland froh sein, dass das bis jetzt relativ glimpflich abgelaufen ist. Wenn du natürlich nur bis zur Grenze denkst, ist das vielleicht nicht wichtig, dass in Italien tausende krepiert sind. Aber Italien ist direkt nebendran. Das sind im Grunde genommen die gleichen ökonomischen und sozialen Standards.

Wenn du nach dem Umfeld fragst, glaube ich, dass man sagen muss, dass das Umfeld erstmal sehr klein geworden ist. Das war glaube ich das schwierigste für die Menschen. Für mich auch, dass du auf einmal nur noch so wenig Kontakt hattest. Und wenn dann nur noch telefonisch, woran man auch nicht immer gewohnt war. Also, ich war das nicht gewöhnt dreimal die Woche mit meiner Mutter zu telefonieren. Andere Leute habe ich seitdem gar nicht mehr gesprochen. Alle Geburstagsfeiern, auf denen man sich eigentlich im Freundeskreis immer sieht, sind ausgefallen.
Die meisten meiner Bekannten, da schließe ich mich auch ein, haben vor allem Angst vor den ökonomischen Folgen. Im meinem Freundeskreis merkt das jetzt jeder an der Kurzarbeit, wie sich die Auftragslage in der Firma entwickelt. Bei uns gab es einen deutlichen Einbruch. Und so geht es vielen, da sind wir ja keine Ausnahme. Ich glaube, jetzt merkt man auch so langsam, dass dieser Schluckauf noch eine Weile dauern wird. Selbst wenn in unserem kleinen Deutschland die Wirtschaft wieder funktioniert, heißt das ja in einer globalisierten Welt nicht viel. Es ist nicht jeder Bäcker oder Handwerker.
Ich denke nicht, dass es sich schnell einrenkt, eben weil so viele Wertschöpfungsketten global organisiert sind. Der Mutterkonzern einer unserer Auftraggeber sitzt zum Beispiel in Kalifornien. Kalifornien hat jetzt gerade einen zweiten Lockdown gemacht. In dieser Konzernwelt funktioniert nichts, wie man es kannte. Das wird spannend zu sehen, was für Wege die da so finden.

Eine schöne Utopie wäre natürlich, dass unsere globale Wirtschaft einen Entwicklungsschub nimmt, in dem ökologische und soziale Kriterien wichtiger werden. Das wir viele Dinge neu denken um ökologische, soziale und gesundheitliche Anforderungen herum. Beispiel: Klar ist der massenhafte Flugverkehr für zehn Euro nach Andalusien sozial und ökologisch nicht vertretbar. Aber die globale Begegnung von Menschen auf den Nationalstaat zurück zu drehen und die Arbeitswelt zu renationalisieren, ist ja auch keine Lösung. Natürlich wünschen wir uns, dass wir als Weltgesellschaft neue Ansätze entwickeln. Negativ formuliert kann es natürlich auch sein, dass jetzt alles den Bach runter geht. Ich glaube, wenn du grade in den USA bist, kannst du ganz schnell in diese Gedankenrichtung kommen. Denn du hast kein soziales Netz, das dich auffängt, wenn du deinen Job verlierst, du liest überall nur noch von Unruhen, du erlebst sie vielleicht auch in deiner eigenen Stadt, der Präsident ist de facto ein Faschist. Ich glaube, da ist so eine Dystopie schon ganz nahe.
Was die Pandemie für Europa bedeutet, werden wir sehen. Offensichtlich gibt es ja den Willen, die Austeritätspolitik ein bisschen zurückzufahren oder zu modifizieren, um die Krise zu dämpfen. Anders als noch vor zehn Jahren, wo wir die südeuropäischen Staaten ausgepresst haben zum Wohle unserer Banken. Vielleicht bewegt sich ja jetzt in Europa tatsächlich was.

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