Corona habe anfangs überhaupt nicht ernst genommen. Ich hatte so eine Haltung: Naja, wir gucken erstmal was passiert und warten ab, ob das wirklich alles so schlimm wird wie woanders. Ich hätte das nicht gedacht, dass es überhaupt soweit kommt. Ich habe für mich nie Angst gehabt, im Gegensatz zu anderen Familienmitgliedern, die da schon Sorge hatten. Es war ja relativ schnell klar, dass Kinder nicht so stark betroffen sind, sondern eher die Älteren. Und ich nehme auch nur alle paar Jahre mal einen Infekt mit, deswegen hatte ich keinen Grund, mir da großartig Sorgen zu machen, und bis jetzt ist es ja auch ganz gut gegangen. Als in den Nachbarländern dann die Schulen geschlossen wurden, da dachte ich schon, dass es bei uns nun auch nicht mehr viel länger dauern wird. Man war ja an dem Punkt nicht unvorbereitet, aber ich hatte schon den Eindruck, wenn noch länger gewartet wird, dann kann es kritisch werden. Im Nachhinein fand ich das Timing ganz in Ordnung und als der Lockdown kam, konnte ich das auch ganz gut hinnehmen. Ja, und dann war der Lockdown da, und wir mussten lernen, damit umzugehen. Die erste Woche fand ich noch sehr witzig. Ich war tatsächlich total froh, dass ich raus war. Ich hab ja vorher schon immer gesagt, die sollen mich in Quarantäne stecken. Dann wär ich alleine und hätte mal zwei Wochen Ruhe. Und dann wurden alle quasi in Quarantäne gesteckt und das wollte ich ja wieder nicht. Ich wollte ja alleine sein. Was ich interessant fand, dass auf Grund dessen, dass sowieso keiner arbeiten konnte, mich das überhaupt nicht gestört hat, dass ich auch nicht arbeiten konnte. Dann hab ich in der ersten Woche eine Stunde am Tag ein bisschen rumtelefoniert und Teamsitzung gemacht. Ich fand das sehr entspannt. Und in der zweiten Woche kam dann der Teil „eine Familie reorganisiert sich“. Das hat nochmal zu einigen Krisenpunkten geführt. Das waren weniger die Hausaufgaben, sonder die Tatsache, dass wir plötzlich alle auf einem Haufen saßen und zwei Erwachsene sich irgendwie die Aufgaben teilen mussten. Das war sehr herausfordernd. Aber nach Woche Drei stand das dann auch. Und ich finde, ab da haben wir das auch sehr gut hinbekommen.

Ich habe eine sehr klassische Frauen/Mutter-Krise gehabt und mich beruflich sehr eingeschränkt und erst auch dauerhaft schachmatt gesetzt gefühlt. Irgendwann ging es ja wieder los und wir haben uns zu Hause besser organisiert, aber anfangs fühlte ich mich wirklich eingeschränkt. Und obwohl ich das gar nicht unbedingt immer genutzt habe, fehlte es mir, einfach mal eben Leute besuchen zu können. Und obwohl wir die letzten Jahre Ostern immer bei meiner Schwiegermutter waren, hat es mich total deprimiert, dass ich dieses Jahr nicht zu meiner Mutter konnte. Als es dann wieder ging, war es auch gar nicht mehr so wichtig.Ich war sehr froh, dass ich mit den Kindern in den Wald gehen konnte und einfach Zeit hatte und wir hier in Münster neue Sachen entdeckt haben. Also auch viele Sachen, von denen ich gar nicht gedacht hätte, dass man sie hier entdecken könnte. Ich habe zum Beispiel immer gedacht, dass es keinen ernstzunehmenden Wald in Münster gäbe. Man hat so eine Idee, dass man zwei Stunden laufen müsste und wenn man dann immer noch keine Zivilisation erblickt, dann wäre man in einem richtigen Wald. Aber das ist es ja nicht. Hier geht man zwanzig Minuten und dann ist der Wald zwar zu Ende, aber ich muss ja einfach nur mal im Wald verweilen. Ich war eigentlich immer Spaziergängerin. Als ich nach Münster gezogen bin, bin ich jeden Tag joggen gegangen. Aber irgendwann hatte ich nur noch die Wege, die ich jeden Tag mit meinen Kindern habe. Und wir haben abends das Spazierengehen wieder entdeckt. Mit den Kindern sind wir Rad gefahren. Wir haben Münster dabei wirklich nochmal neu entdeckt. Ich bin aber erstaunt, wie schnell das wieder weg ist, seitdem die Spielplätze wieder geöffnet sind und man wieder bequem wird und in seinen alten Trott zurück fällt und keine Lust hat, soweit raus zu fahren.

Ich glaube nicht an totale Veränderung. Ich glaube, diese Zeit hat aber einen anderen Fokus gelegt. Es hat einen Fokus gelegt auf Dinge, die ich schon lange vergessen habe und die ich nun wiederentdeckt habe und wieder in den Fokus nehmen möchte. Das ist das Eine. Und das Andere… Wir hatten so den running gag, dass nach Woche Fünf wieder alle in ihrem alten Fahrwasser sind. Ich hatte so meine Punkte, auf die ich eigentlich achten wollte, aber jetzt, nach dieser sehr ruhigen Phase, nimmt ja der Alltag wieder zu und wird wieder stressig an einigen Stellen und da denke ich, dass das so ganz gut doch nicht immer gelingt. Was sich verändert hat, ist der Draht zu den Kindern. Wenn mir vor Corona jemand gesagt hätte, dass ich zwölf Wochen mit meinen Kindern ohne Fremdbetreuung sein würde, wäre ich wohl sofort geflüchtet. Muss ich jetzt jeden Tag Nudeln kochen!?! Sie sind aber gar nicht nerviger, ob man sie zwei oder zwölf Stunden am Tag um sich hat. Sie haben natürlich ihre Streits und das ist doof, aber das Dazwischen ist irgendwie ok. Da bin ich im Moment doch nochmal näher dran an meinen Kindern, als ich es vorher war. Auch wenn sie total viel miteinander machen und ich sie dann gar nicht seh…
Für manche Sachen war mehr Zeit als vorher. Ich habe viel mehr Gitarre gespielt und das hat mir einen richtigen Schub gegeben. Im Rückblick bin ich bei der logischen Konsequenz gelandet, auch mal eigene Sachen zu schreiben, wo ich früher immer dachte, dafür hätte ich gar keine Zeit. Da entsteht grade ganz neues, kreatives Potential und das macht echt Spaß. Da konnte ich etwas ausbuddeln, was vorher nicht zugänglich war.

Ich glaube grundsätzlich, dass Menschen eine gewisse Veränderungsresistenz mit sich bringen. Ich denke, es muss individuell sehr viel passieren, damit sich eine ganze Gesellschaft verändern kann. Und im Moment kann ich zwar nachvollziehen, aber es erschreckt mich, wie sehr dieser finanzielle oder wirtschaftliche Fokus grad in den Vordergrund gerückt wird, wie wichtig es ist, diesen Teil anzukurbeln und Schulen und Kindergärten werden so hinterher gezogen. Nach dem Motto: Ach ja, die müssen wir ja auch noch bedenken… So eine dauerhafte Komplettveränderung wird es also wohl nicht geben. Ich glaube eher, ein Besinnen, dass es ja auch Alternativen gibt. Dass man zum Beispiel nicht in die Kneipe muss sondern sich auch an den Aasee setzen kann. Und der Teil der jetzt wirtschaftlich so voran prescht, wird auch viele Leute wieder in ihre alten Rollen drängen.

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