Von Anfang an dachte ich, dass es mir sehr gut geht. Trotzdem war da ein vages Gefühl von Angst und Ungewissheit. Insgesamt war es kein riesiger Einbruch für mich. Tatsächlich bin ich die ersten Wochen und Monate leicht mit der Situation umgegangen. Mein Arbeitgeber hat uns ins Home Office geschickt, war aber natürlich nicht darauf vorbereitet. Das heißt, wir hatten viel Zeit, uns weiterzubilden, Kurse zu machen die aufgelaufen sind. Wir machen und brauchen in meinem Bereich nämlich viel Weiterbildung, auch schon lange online. Das kam immer zu kurz. Mal was explorieren, elaborieren und nochmal alte Themen bearbeiten. Das war fein, ich war zu Hause, ich konnte mich um die Kinder kümmern. Ich habe da niemandem davon erzählt, dass ich mich als „Gewinner“ fühle. „Das gehört sich ja nicht – klag mal mit…“, dachte ich. Und dann merkte ich, obwohl ich meine Kinder über alles liebe, dass sie nerven und das tat richtig weh, weil ich in meiner Vaterehre erschüttert war, sie auf dem Prüfstand stand. Ich hab das zugelassen, hab das mit den Kindern besprochen und habe ganz bewusst pädagogisch schlechte Entscheidungen getroffen: “Ja, ihr dürft KiKa gucken. Ja, ihr dürft den ganzen Film gucken. Ja auch die ganze Serie…”. Und das in dem Wissen, das ist vielleicht nicht das Beste für die Kinder – nur ich kann nicht für sie da sein. Darüber war ich oft traurig und hab viel geweint. Aber ich kann erst dann für sie da sein, wenn ich selbst entspannt bin. Nur darüber redet ja keiner! Die Leute in meinem Umfeld haben täglich und stündlich gepostet, was alles trotzdem mit den Kindern tolles gemacht wird. Hier ein Steine-Mal-Programm, da ein Regenbogen für das Küchenfenster. Ich wollte und konnte da nicht mithalten. Ich habe meine Kinder viel im Arm gehalten, war viel für sie da. Und ich habe irgendwo aufgeschnappt, dass die Kinder sich später mal nicht daran erinnern, was Corona war, sie werden sich aber darin erinnern, wie wir mit ihnen und der Situation umgegangen sind. Das hat mich geflashed. So sehr, dass ich meinen Fokus darauf gelegt habe, wie ich mit meinen Kindern umgehe. Woran werden sie sich erinnern? Was vor allem möchte ich , woran sie sich erinnern? Was bleibt? Äußere Reize durch Medien habe ich für mich so weit es geht bewusst ausgeschaltet. Wir sehen sowieso wenig fern, daher war es leicht, mich auf das Wesentliche und Nötigste zu fokussieren. Keine Berichterstattung, nur die Pressekonferenzen. Wir haben dann beschlossen, dass wir so viel wir können für die Kinder da sind und unsere Dinge, die getan werden müssen erledigen. Heißt Haushalt und solche Dinge. Die Planungen für das Barcamp das ich organisiere, liefen ja auch weiter. Zusätzlich habe ich mein Online-Wissen meinem Vater beigebracht, den es mit seiner Praxis für Lernförderung – also Nachhilfe mit Jugendlichen – sehr viel härter getroffen hatte. Er und seine Frau waren von heute auf morgen ohne Umsatz. Die Praxis stand still, wie so viele andere Geschäfte, während ich einfach mehr Zeit zur Verfügung hatte. Das war ein sehr unangenehmes Gefühl. Ich hab mein Gehalt und es reicht locker für die Familie, also darf ich auch meinen Teil dazu beitragen, der nötig ist um den Schmerz, den der Lockdown verursacht, zu lindern. Es hat ein paar Tage und Wochen viel Kraft gedauert, die Praxis online zu bringen. Und das war total schön, ich bin sehr glücklich, dass ich das beitragen konnte. Als die Praxis weiter lief, habe ich mich mit mir versöhnt, denn ich hatte ja was Gutes getan.

Wir hatten das Glück, das bei uns immer noch eine Notbetreuung möglich war. Durch unsere systemrelevanten Berufe hatten wir auch einen festen Platz für beide Kinder. Und wir haben es in der Siedlung so gehandhabt, das die Kinder weiter miteinander gespielt haben. Allerdings waren es immer dieselben 3-4. Die Gärten grenzen alle an eine große Wiese und alle kennen sich. Die Erwachsenen blieben auf Abstand, und so konnten wir für die Kinder ein Stück Normalität erhalten. Das war schön. Schwierig war für mich wiederum das Üben von Schulstoff zu Hause. Es geht nicht um das Verstehen, sondern darum, wie ich mit meinem Kind umgehe, wenn es total im Widerstand ist. Wir waren oft mit unserem Latein und unseren Nerven am Ende. Die Zeit ist besonders und mir ist wichtig, das alles emotional stabil ist für die Kinder. Ich wollte verhindern, das Hausaufgaben mit einem schlechten Erlebnis verbunden werden. So haben wir insbesondere auf die Zusatzaufgaben verzichtet, die die Lehrerin für jedes Kind individuell ausgesucht hat, und nur das Nötigste gemacht. Manchmal habe ich mir damit geholfen, dass ich Rechnen, Lesen usw, im Alltag eingebaut habe. Einen Kuchen zu backen, dafür war meine Tochter leicht zu begeistern. “Wir brauchen brauchen 11-7 Eier“ hat dann die Matheaufgaben “ersetzt” und Eva hat sich gefreut. Und dann ging die Aufgabe ganz leicht, weil sie merkt, wozu sie Mathe brauchen kann. Wir sind liebende Eltern, keine Pädagogen. Punkt. Und natürlich arbeiten wir kooperativ mit der Lehrerin zusammen, dennoch übernehmen wir nicht den Unterricht. Das System fällt gerade aus, also fällt auch Schule aus. Bitte kein Trauma, keine negative Prägung, das mit dem Unterricht oder den Hausaufgaben zu tun hat. Wir haben den Eindruck, dass die Klassenlehrerin wahnsinnig viel gearbeitet hat in der Zeit, weil sie individuelle Lehrpläne für jedes Kind erstellt hat. Gewünscht hätte ich mir, dass sie Online-Unterricht anbietet. Sie konnte zeitlich nicht beides, davon bin ich überzeugt. Dass die Schule kein Online-Angebot hinbekommen hat, finde ich sehr traurig. An den Kindern lag es nicht, die haben sich ja selbst online über Zoom verbunden, die Bedienung ist im Wortsinn kinderleicht. Kinder schnallen übrigens besser als Erwachsene. das es nicht um Kontakt sondern um Verbindung geht. Das war für mich eines der wesentlichen Erkenntnisse, das sich vor allem in der Sprache niedergeschlagen hat. Dieser Unterschied zwischen Kontakt und Verbindung: Ich habe festgestellt, viele kennen den nicht. In Kontakt mit jemandem zu sein bedeutet ja Berührung. Und in Verbindung zu stehen oder aufzunehmen, das heißt im Allgemeinen Korrespondenz, den anderen Hören, zu ihm zu sprechen oder sich zu schreiben. Alle Menschen denen ich das erzählt habe und die verärgert oder traurig über die Kontaktsperre waren, sind auf einmal erleichtert gewesen weil sie realisiert haben, dass Kontaksperre nicht Verbindungsverlust bedeuten muss. Meine Mutter zum Beispiel, die sehr traurig darüber war, ihre Enkel nicht treffen zu können. Dank der modernen Technik konnte sie sogar enger an unserem Leben teilnehmen, als das noch vor wenigen Jahren.

Es wurde ja schon oft von irgendwelchen Pandemien berichtet, das geht auch wieder vorbei; trotzdem fühlte es sich von Anfang an ein bisschen anders an. Diffuse Angstgefühle auf der einen und Sicherheit auf der anderen Seite haben diese Zeit geprägt. Deshalb haben wir immer abgewartet und sind weder in Panik ausgebrochen, noch haben wir gesagt, dass alles übertrieben ist, sondern wir haben die ganzen Maßnahmen relativ stoisch konsumiert. Ich hatte so Gedanken am Anfang – in der Zeit als das Toilettenpapier rar wurde – “Wird mal der Sprit rationiert?! Oder andere Waren?!” Das hätte uns aber gar nicht tangiert, wir würden immer versorgt werden, dachte ich: Meine Frau Katrin als Altenpflegerin im Krankenhaus gehört zum systemrelevanten Personal. Besondere Sorge gab es, weil bei Katrin eine Corona-Station eingerichtet wurde und auch bestätigte Fälle im Haus behandelt wurden. Der erste bestätigte Corona-Fall im Krankenhaus – da haben wir schon geschluckt und haben überlegt müssen wir was tun? Nur Katrin ist ja vom Fach und hat mich beruhigt. Ich bin auch der Meinung, obwohl ich kein politischer Mensch bin, dass die Politik gut reagiert hat. Es gibt immer Kritiker und es gibt immer Befürworter; ich hätte mit keinem der Politiker tauschen wollen. Als klar war, es ist was Schlimmes und es kommen Einschränkungen auf uns zu, habe ich mit großem Vertrauen reagiert. Mir hat nur missfallen, dass da die Länder irgendwie so Nummern bringen, die auf die Profilierung einzelner Politiker zurückzuführen sind – das hat mich dann angekotzt. Ich hab aber in dieser Zeit unsere Demokratie gefeiert, denn es war möglich, sich kritisch gegen die Regierung zu äußern und auch das Ganze infrage zu stellen. Das war großartig, da konnte ich sicher sein, dass jemand Unabhängiges drauf schaut, und selbst wenn es ein selbsternannter Experte ist. Und das ist nicht in jedem Land selbstverständlich. Ich habe auch die Corona Warn App installiert, weil auch hier mehr Datenschutz umgesetzt ist, als in den meisten anderen Apps, die ich freiwillig nutze. Und wie es jetzt wird?! Die Gesellschaft ist so bunt und so vielfältig, die hat ja alle Möglichkeiten, da wird alles dabei sein. Ich nehme wahr, dass viele jetzt sehr schnell zur Normalität zurückkehren, das hat natürlich auch für mich was Beruhigendes. Auf der anderen Seite hat das einen Beigeschmack, weil ich noch nicht erkenne, was wir als Gesellschaft jetzt gelernt haben. Wie gehen wir gestärkt daraus hervor? Das macht mir Sorgen. Ich würde mir wünschen, dass wir ein back to normal haben, aber mit Erkenntniszuwachs. Indem wir all das, was wir jetzt gelernt haben, auf andere Bereiche übertragen. Warum hören wir auf die Wissenschaftler, wenn es um den Virus geht, und hören nicht auf sie, wenn es um Klimaschutz, Armut oder Energiefragen geht? Eine der wichtigsten Erkenntnisse war ja für mich, dass es geht! Wir können drastische Einschränkungen, oder nett gesagt “Veränderungen” innerhalb von Tagen “verkraften”. Aber so wichtige Dinge wie Klimawandel, CO2-Reduzierung, Massentierhaltung – da ist es noch nicht angekommen und ich wünsche mir, dass es nicht immer zum Skandal kommen muss, wie jetzt in den Schlachtbetrieben – denn das war ja nicht mal neu.  

Ich hab in der Zeit für mich gemerkt, ich brauche gar nicht viele Leute um mich, ich mag das, wenn dann mal Stille ist und ich mag das sogar, wenn ich mal ohne meine Kinder bin – und da ist dann wieder so die Vaterehre verletzt: “das darf man nicht sagen” – genau das darf man aber sagen, das muss ich sogar sagen, das muss erlaubt sein. Das heißt also, meine persönlichen Einschränkungen waren minimal. Ich hatte meine Kinder, ich hatte meine Frau und ich hatte Zeit für mich. Ich bin gerne in meinem Haus, ich mag mein Büro, ich mag meinen Garten und ich mag es, alleine zu sein. Manchmal kam trotzdem eine besondere Stimmung von Einsamkeit auf, die hat mich dann echt übermannt und dann habe ich auch geweint. Ein paar Tage lang war ich sehr traurig, ständig nah am Wasser. Was mir nämlich selbst irgendwann gefehlt hat, das habe ich während des Online-Barcamp gemerkt, war die Verbindung zu anderen Menschen – einfach mal den Kopf leer quatschen, vielleicht auch mal dummes Zeug reden. Dieser Aspekt hat sich für mich durch Corona verändert. Da sind auch meine Eltern, wo mir klar wurde, wie selten wir uns getroffen haben, selbst, als es noch möglich war. Wieso haben wir das nicht viel mehr ausgenutzt? Und ich glaube, dass ich mit meinem Vater mehr Verbindung hatte, jetzt wärend Corona, als die letzten Jahre. Das haben wir früher nie gemacht: wir sprechen ohne Ziel oder führen Gespräche ohne Grund – heißt, der einzige Anlass ist das Gespräch selbst – und ich warte nicht, bis es einen Grund gibt um in Verbindung zu treten. “Grundlos” ist echt etwas, was ich wiederentdeckt habe. Und das ist auch die Wiederentdeckung der Liebe zu meinem Vater, weil ich ihm einfach zuhöre und er mir zuhört. Das tut uns ausgesprochen gut! Mit meiner Mutter ist es ähnlich. Muttertag sind wir dann einfach hingefahren. Das war ja noch mitten drin in der Corona-Zeit, da haben wir gesagt, dass lassen wir uns nicht nehmen. Insgesamt aber habe ich in den letzten zwei Tagen und auf dem Weg hierhin so viele Leute getroffen, wie im gesamten letzten halben Jahr. Das nehme ich deshalb auf jeden Fall mit aus dieser Zeit: ich will öfter mit meinen Eltern und engen Freunden in Verbindung stehen. Weil es so einfach ist, Verbindung zu halten, und es ist nicht so, dass wir die Zeit nicht haben. Ist es so, dass wir sie uns nicht nehmen.

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